Zwei Herzen auf der Poleposition

eBook & Taschenbuch

Klappentext

Für die ambitionierte Rennfahrerin Jenna Rivers erfüllt sich ein lang gehegter Traum – sie bekommt ein Cockpit in der Formel 1, der Königsklasse des Motorsports. Ihre Freude wird allerdings durch ihren neuen Teamkollegen Nate Walker getrübt, der deutlich zeigt, dass er auf eine Zusammenarbeit keinen Wert legt.

Nach einigem Hin und Her schmilzt jedoch das Eis und beide gehen freundschaftlich miteinander um – bis sie bei einem Regenrennen kollidieren. Der anschließende Streit verläuft äußerst hitzig und bringt neben Wut und Enttäuschung auch noch ganz andere Emotionen zum Vorschein …

Leseprobe

Dicke Rauchschwaden waberten durch das Konferenzzimmer von Reardon Racing, wo sich sechs Männer rund um den gläsernen Tisch versammelt hatten.

Der Besitzer des Formel-1-Teams, Henry Reardon, zog zum wiederholten Mal an seiner Zigarre und studierte dabei die Mappe, die vor ihm lag.

»Siege in der Formel Ford und der Formel 3, diesjähriger Vize in der Formel 2 – das ist alles sehr beeindruckend, aber ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob wir das wirklich tun sollten. Immerhin handelt es sich hier um die Königsklasse des Motorsports. Denkt ihr, sie ist dem Druck gewachsen?«

Albert Norris, Chefingenieur des Rennstalls, nickte. »Ja, auf jeden Fall, und das sage ich nicht nur, weil sie meine Nichte ist. Ich würde sie nicht empfehlen, wenn ich nicht hundertprozentig von ihr überzeugt wäre.«

Henry Reardon schaute den Teamchef Charles Holton an. »Charley, was meinst​​ du?«

Dieser zuckte mit den Schultern. »Mir ist es im Prinzip egal, Hauptsache wir entscheiden uns bald, damit wir loslegen können. Es ist Anfang Dezember, und die Zeit drängt.«

»Ich halte es für eine gute Entscheidung«, erklärte der Teammanager, Victor Bazil.​​ 

»Kyle?« Henry wandte sich dem Mann zu seiner Rechten zu. »Du bist der Personalverantwortliche, also hast du das letzte Wort.«

Der Sportdirektor nickte. »Victor hat recht. Ich denke, sie wäre eine Bereicherung fürs Team. Ihre Leistungen sind herausragend, sie ist zweifellos talentiert und hat eine Menge Potenzial. Außerdem bekommen wir dadurch jede Menge Publicity, was neue Sponsoren anlocken wird – wir profitieren also in doppelter Hinsicht.«

Der Teambesitzer schwieg einen Moment, zog nochmal seiner Zigarre, stieß​​ eine dicke Rauchwolke aus und nickte schließlich. »In Ordnung, geben wir ihr eine Chance.«

Todd Sternberger, der PR-Manager von Reardon Racing, machte sich eine Notiz. »Gut, ich bereite dann alles für die Medien vor. Der Demo-Run ist bereits organisiert, wir hängen dann eine Pressekonferenz an.«

Der Teambesitzer nickte zufrieden. »Gut. Ich möchte eine große Show.«

»Was ist mit Walker?«, wollte Kyle Stephenson wissen. »Er hat seinen Zenit überschritten, ich würde ihn gerne durch einen jüngeren Fahrer ersetzen. Sein Vertrag läuft zwar noch ein Jahr, aber das ließe sich regeln. Frederick Updegraf wäre ein geeigneter Kandidat, er wartet bloß auf eine Chance.«

»Zwei Rookies?«, sagte Albert Norris zweifelnd. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«

Henry Reardon schüttelte den Kopf. »Walkers Platz steht nicht zur​​ Diskussion«, entschied er, »er bleibt.«

Mit einem Seufzen räumte der Sportdirektor seine Unterlagen zusammen. »Na schön, dann hoffen wir mal, dass es nicht genauso läuft wie in den Jahren zuvor.«

 

 

Da war sie also wieder – in den geheiligten Hallen des Reardon Racing Teams am Rand von Northampton, auch einfach nur ‚Fabrik‘ genannt. Jennas Herz klopfte bis zum Hals, als sie die Eingangshalle betrat und auf das ausladende Pult des Pförtners zuging.

»Guten Morgen, ich bin Jenna Rivers, Mr. Holton erwartet mich.«

Ein Lächeln glitt über das Gesicht des älteren Mannes. »Miss Rivers, natürlich, guten Morgen. Ich sage sofort Bescheid, dass Sie da sind, bitte gedulden Sie sich einen kleinen Moment.«

Während er eilfertig zum Telefon griff​​ und eine Nummer eintippte, schaute Jenna sich um. Es war ihr zweiter Besuch hier, doch die Eingangshalle wirkte noch genauso imposant wie beim letzten Mal, als sie ihren Vertrag unterzeichnet hatte.

Hinter dem Empfang hing eine große Tafel an der Wand, auf der in dicken Lettern ‚Reardon Racing‘ stand. Rechter Hand zweigte ein Korridor ab, links führte eine breite, gewundene Treppe nach oben. Der Blickfang des Eingangsbereichs war jedoch eine überdimensionale Vitrine direkt neben der Tür, die vom Boden bis zur Decke reichte. Unzählige Trophäen befanden sich darin. Sie bestanden aus Gold, Silber oder bunt lackiertem Metall, einige sogar aus Glas. Es gab Pokale, die an antike Vasen mit Henkeln erinnerten, und Teller in allen Größen. Manche sahen aus wie Lenkräder, andere wiederum hatten die Form von Rennstrecken, etliche waren Sponsorenlogos nachempfunden. In der Mitte des gläsernen Schaukastens prangte ein Porträt von Henry Reardon, Gründer​​ und Besitzer des einst so erfolgreichen Formel-1-Teams von Reardon Racing.

Jenna stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Endlich war sie am Ziel ihrer Träume. Die Arbeit und Disziplin der letzten Jahre hatten sich gelohnt. Es war nicht leicht gewesen, sich in einer von Männern beherrschten Domäne durchzusetzen. Man hatte sie belächelt, verspottet und manchmal sogar regelrecht diskriminiert. Aber sie hatte es geschafft, allen Widerständen zum Trotz – sie war jetzt eine der wenigen weiblichen Pilotinnen in der Formel Eins.

»Ich kann im Moment niemanden erreichen«, riss der Pförtner sie aus ihren Betrachtungen,​​ »aber ich versuche es gleich noch einmal.« Er deutete auf eine lederne Sitzgruppe. »Nehmen Sie doch Platz, bis Sie abgeholt werden.«

Jenna winkte ab. »Das ist nicht nötig, ich kenne ja den Weg.«

»Das nächste Mal aber mit Fabriksausweis«, zwinkerte der ältere​​ Mann ihr noch zu, bevor sie sich abwandte, zielstrebig an den Glaskästen mit den ganzen Trophäen vorbeiging und die Wendeltreppe hochstieg.

In der ersten Etage folgte sie dem Hauptgang, bog einmal ab und erreichte schließlich das Büro des Teamchefs.

Das Vorzimmer war verwaist, wie Jenna nach ihrem Eintreten feststellte; Betsy Donahue, die Assistentin von Charley Holton, die sie das letzte Mal kennengelernt hatte, war nicht da. Sie überlegte, ob sie einfach an die gepolsterte Doppeltür klopfen sollte, entschied sich jedoch dagegen und betrachtete stattdessen die Fotos, die über zwei Ledersesseln an der Wand hingen.

Sekunden später hörte Jenna Schritte hinter sich, und sie zuckte zusammen, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden.

Himmel Jenna, bleib locker, ermahnte sie sich, es gibt keinen Grund so nervös zu sein.

Langsam drehte sie sich um, und ihr ohnehin rasender Puls beschleunigte sich noch mehr. Sie hatte oft genug die Rennen verfolgt, um zu wissen, wer der dunkelhaarige Mann war, der den Raum betreten hatte.

Nate Walker, vierunddreißig Jahre alt, Amerikaner, Pilot bei Reardon Racing, und ihr künftiger Teamkollege. Für einen Rennfahrer war er ziemlich groß, sie schätzte ihn auf eins-fünfundachtzig. Er trug Jeans, Sneakers, T-Shirt und eine schwarze Lederjacke, seine dunklen Haare waren ein wenig zerzaust, Kinn und Wangen von einem Dreitagebart umgeben.

Bevor sie etwas sagen konnte, bedachte er sie mit einem knappen Nicken.

»Ich hätte gerne einen Kaffee«, sagte er lässig und ließ sich in einen der Ledersessel fallen.

Jenna riss die Augen auf. Offensichtlich schien er jedoch keine Ahnung zu haben, wer sie war. Nicht, dass er sie hätte kennen​​ müssen, sie war längst nicht so prominent wie er. Aber er war doch sicher informiert, dass er in der kommenden Saison eine Frau als Teamkollegen haben würde, oder nicht?

​​ Gut, zugegeben, in dem schwarzen Kostüm und den High​​ Heels sah sie nicht gerade wie eine Rennfahrerin aus. Andererseits fand sie es reichlich dreist, dass er, ohne zu fragen, davon ausging, sie sei dafür zuständig, ihm Getränke zu servieren. Sie war drauf und dran, ihn aufzuklären, doch ein kleiner Teufel in ihr flüsterte ihr etwas anderes ein. Warum sollte sie nicht einfach mitspielen und ihm einen Kaffee bringen? Sein Gesicht, wenn er nachher die Wahrheit erfuhr, würde sicher unbezahlbar sein.

»Natürlich«, nickte sie daher übertrieben freundlich und ging um den Empfangstresen herum zu dem Sideboard, auf dem sie einen Kaffeeautomaten entdeckt hatte. »Möchten Sie Milch oder Zucker?«, fragte sie honigsüß, und​​ platzierte einen mit dem Reardon Logo bedruckten Porzellanbecher unter der Düse.

»Schwarz«, kam es brummend vom Sessel.

Meine Güte, einen Preis für Freundlichkeit würde er garantiert nicht gewinnen. Okay, seine letzte Saison war nicht so berauschend gewesen, was – wenn man den Berichten in den Zeitungen glauben durfte – wohl hauptsächlich an den teaminternen Querelen gelegen hatte. Aber das Karussell hatte sich inzwischen gedreht, sein unliebsamer Widersacher war zu einem anderen Rennstall abgewandert, also hätte er doch allen Grund, zufrieden zu sein.

Sie nahm den Becher hoch. Mist, der war ziemlich voll. Vorsichtig balancierte sie auf die Sitzgruppe zu, den Blick fest auf den gefährlich hin und her schwappenden Inhalt gerichtet, – und stolperte prompt über ihre eigenen Füße. Es gelang ihr gerade noch, sich zu fangen und nicht​​ hinzufallen, aber der Kaffee ließ sich nicht mehr aufhalten.

Mit schreckgeweiteten Augen verfolgte sie, wie ein Teil der braunen Flüssigkeit sich auf Nate Walkers Jeans verteilte und er mit einem deftigen Fluch auf den Lippen aufsprang.

»Herrje, können Sie denn nicht aufpassen?«, fuhr er sie an.

»Ich … es tut mir leid«, stammelte sie und stürzte zum Sideboard zurück, wo sie nach einem Stapel Servietten griff.

Sekunden später stand sie wieder bei ihm, tupfte und rieb hilflos an seiner Hose herum, bis er ihr mit einem leisen Knurren die Papiertücher aus der Hand riss.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Büro des Teamchefs und Charles Holton streckte den Kopf heraus.

»Ah«, lächelte er erfreut, »wie ich sehe, habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht.«

 

 

Missmutig stapfte Nate Walker hinter Charley her und ließ sich auf einen der Stühle am Besprechungstisch fallen. Seine Jeans klebte, sein Oberschenkel brannte wie Feuer, und seine Laune war auf dem Nullpunkt.

Man hatte ihn herzitiert, um noch ein paar Papiere zu unterschreiben und den neuen Teamkollegen kennenzulernen. Auf Letzteres hätte er durchaus verzichten können. Er hatte nicht die Absicht, sich mit dem Neuen anzufreunden, außerdem würden sie sich früher oder später sowieso über den Weg laufen, also war dieses Treffen hier reine Zeitverschwendung.

Abgesehen davon hatte er den Eindruck, dass sie ihn nur im Team behalten hatten, weil sein Vertrag noch nicht ausgelaufen war, und das war weiß Gott kein gutes Gefühl.

Angespannt drehte er den halb leeren Kaffeebecher in den Händen. Der einzige Lichtblick war, dass er jetzt die Nummer​​ Eins im Team sein würde. Wer auch immer der zweite Mann war, er musste sich hinten anstellen, so wie er selbst die letzten Jahre. Streitereien und Querelen wie in den vergangenen Saisons kämen nicht mehr vor; endlich könnte er sein Talent unter Beweis stellen, ohne dass man ihn dauernd ausbremste.

»Gut, dann kommen wir gleich zum Wesentlichen«, unterbrach der Teamchef seine Gedanken.

»Sollten wir nicht noch auf den anderen Fahrer warten?«, murmelte Nate und trank einen Schluck aus seinem Becher.

»Nicht nötig – sie ist bereits da«, schmunzelte Charley und deutete auf Jenna, die stumm am Tisch saß.

Fast hätte Nate in hohem Bogen den Kaffee ausgespuckt. »Sie?«, entfuhr es ihm entgeistert. »Das ist doch wohl nicht dein Ernst.«

»Das ist Jenna Rivers, die Tochter von Alberts Cousine«, erklärte Charley und lächelte Jenna zu. »Nate brauche ich dir ja​​ sicher nicht vorzustellen.«

Die Tochter einer Cousine, ging es Nate fassungslos durch den Kopf. Na prächtig. So tief waren sie jetzt schon gesunken, dass sie irgendwelche Familienmitglieder ins Boot holten. Und dann auch noch eine Frau. Noch dazu eine, die nicht mal in der Lage war, eine Kaffeetasse von A nach B zu bringen. Wenn sie so fuhr, wie sie Kaffee servierte, konnte das ja eine lustige Saison werden. Gott, er hatte die Schnauze so voll von Paydrivern, Vetternwirtschaft und der ganzen Klüngelei.

Er knallte den Kaffeebecher auf den Tisch, sodass ein großer Teil des Rests überschwappte, verschränkte abweisend die Arme vor der Brust und blendete Charleys Ansprache aus.

Warum tat er sich das eigentlich überhaupt noch an? Es gab so viele andere Dinge, die er tun konnte. Endlich den Flugschein machen. Sich mehr um seine Stiftung für Nachwuchstalente im Rennsport kümmern. Oder sich einfach​​ nur zurückziehen und mit seinem Hund beschäftigen.

Aber das war nicht das, was er wirklich wollte. Er war Rennfahrer mit Leib und Seele, sein größter Traum war der WM-Titel. Wenigstens ein einziges Mal. Solange er noch die Chance dazu hatte und fit genug war. Mit seinen vierunddreißig Jahren zählte er unter den Fahrern bereits als Oldie – ewig würde er diesen Job nicht mehr machen können.

Resigniert griff er nach den Papieren, die Charley vor ihm ausgebreitet hatte, und setzte seinen Namen darauf.

Jenna tat das Gleiche, und der Teamchef nickte zufrieden. »Okay, damit wäre das Wichtigste geklärt. Wir setzen all unsere Hoffnungen in euch und rechnen mit einer vertrauensvollen und konstruktiven Zusammenarbeit.«

Nate räusperte sich. »Wie sieht es mit den Fahrernummern aus?«

»Ach ja, richtig, gut, dass du es ansprichst, das hätte ich fast vergessen.​​ Nach dem ganzen Unfrieden in den letzten Jahren haben wir beschlossen, dass wir künftig auf eine feste Reihenfolge verzichten werden. Ihr habt beide freie Fahrt, und könnt das Beste aus euch und dem neuen Wagen herausholen. Das dürfte die fairste Lösung sein, und wir erwarten, dass ihr entsprechend kollegial miteinander umgeht.«

»Also keine Stallordern mehr?«, hakte Nate nach.

Charley kratzte sich unbehaglich am Kopf. »Nun«, druckste er herum, »völlig ausschließen kann ich das selbstverständlich nicht. Es wird vielleicht die ein oder andere Situation geben, wo das zugunsten des Teams unumgänglich ist.«

Natürlich, dachte Nate sarkastisch, wie könnte es auch anders sein.

Mit zusammengepressten Lippen musterte er Jenna. Naja, eine wirkliche Konkurrenz war das nicht. Zwei oder drei Rennen, und er hätte sich punktemäßig so​​ weit abgesetzt, dass die Reihenfolge klar war. Zwar hatte sie Albert, der ihr sicher den Rücken stärken würde, aber wenn sie keine Leistung brachte, würde ihr das auch nichts nutzen.

»Okay«, er klopfte kurz mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte und stand auf. »Wir sehen uns dann.«

Charley reichte erst Jenna und danach Nate die Hand. »Lasst euch draußen von Betsy die Termine für die nächsten Tage geben. Jenna, falls du Fragen hast, kannst du dich jederzeit an mich wenden, und Nate ist sicher auch gerne bereit, dich zu unterstützen, er hat ja genug Erfahrung und kennt sich bestens aus.«

Nur über meine Leiche, schoss es Nate durch den Kopf. Er hatte nichts gegen Frauen, doch Alberts Was-auch-immer das Händchen zu halten, war das Letzte, wozu er Lust hatte. Wenn sie schon mit Männern konkurrieren wollte, dann sollte sie das gefälligst aus eigener Kraft tun – lange würde sie es sowieso nicht​​ durchhalten.

 

 

In den nächsten Wochen fuhr Jenna fast täglich hinaus nach Northampton. Von ihrem Apartment im Londoner Stadtteil Enfield war es eine Fahrt von knapp eineinhalb Stunden, die sie mit ihrem alten, grasgrünen VW Käfer zurücklegte.

In der Fabrik schwirrten jedes Mal eine Menge Leute um sie herum. Sie wurde gewogen, komplett ausgemessen, und neben Overalls sowie diverser anderer Bekleidung wurde auch ein Sitz für sie angefertigt. Nach und nach lernte sie ihr Team kennen, es gab unzählige Meetings, Fotos wurden gemacht und etliches mehr, sodass sie bereits nach kurzer Zeit kaum noch wusste, wo ihr der Kopf stand.

Als Fels in der Brandung erwies sich Mike Reyes, ein junger, blonder Mann mit Brille, den man ihr als persönlichen Assistenten zugeteilt hatte. Er​​ koordinierte ihre Termine, sorgte dafür, dass sie pünktlich am richtigen Ort erschien und kümmerte sich um alle möglichen anderen Dinge.

Mike war es auch, der sie über ihren ersten öffentlichen Auftritt informierte, für den zunächst ein kleiner Demorun, dann eine Pressekonferenz vorgesehen war.

Ihr Name war bisher noch nicht offiziell bekanntgegeben worden, das sollte an diesem Tag geschehen, doch es gingen bereits Gerüchte herum, dass eine Frau das zweite Cockpit bei Reardon Racing besetzen würde, und es war mit einem größeren Medienrummel zu rechnen.

Entsprechend nervös traf Jenna gegen Mittag in der Fabrik ein. Kaum hatte sie die Eingangshalle betreten, wurde sie bereits von Mike wieder hinaus und in einen bereitstehenden Wagen geschoben. In raschem Tempo fuhren sie in die Innenstadt Northamptons und erreichten etwa fünfzehn Minuten später den​​ Campbell Square, in dessen Umkreis alles großräumig abgesperrt war. Man winkte sie überall durch, und ehe Jenna wusste, wie ihr geschah, fand sie sich in einem Container, den man am Rand einer Grünfläche aufgestellt hatte, wieder.

»Hier drin kannst du dich umziehen«, instruierte Mike sie, »in einer halben Stunde geht es los.«

Jenna schaute sich um. Kahle Wände, ein Fenster mit heruntergelassener Jalousie. Zwei Stühle, eine Couch, ein Tisch mit Getränken und etwas Obst. Auf einem weiteren Tisch lagen zwei komplette Monturen bereit, Overalls, Unterwäsche, Handschuhe, alles, was dazugehörte.

Vorsichtig strich sie mit den Fingern über den schwarzen Stoff mit den neongrünen Akzenten und den applizierten Sponsorenlogos. Das war also ihre neue Arbeitskleidung. Ihr Blick fiel auf die beiden Helme, die sich deutlich voneinander unterschieden. Moment​​ mal …

In diesem Augenblick ging auch schon die Tür auf und Nate kam herein.

Mit einem knappen »Hi« griff er nach seinen Sachen, deponierte alles auf dem Sofa, und begann, sich auszuziehen.

Mit offenem Mund stand Jenna da und starrte ihn an. Er wollte doch jetzt nicht wirklich …

Der Reißverschluss seiner Jeans sirrte, und hastig drehte sie sich um.

Na prima. Sie war nicht prüde, aber sich hier zusammen mit diesem ungehobelten Klotz umzuziehen, war nicht gerade ihr Herzenswunsch. Zwar hatte sie sich in der Vergangenheit auch oft mit den männlichen Kollegen einen Umkleideraum teilen müssen, aber irgendwie hatte sie immer eine Ecke für sich alleine gefunden, oder die anderen Fahrer hatten sich diskret zurückgezogen.

»Was ist los, Rivers? Du solltest dich umziehen, wenn du rechtzeitig fertig werden willst«, brummte Nate jetzt und​​ fügte mit deutlichem Spott in der Stimme hinzu: »Oder hast du ein Problem?«

»Nein, habe ich nicht«, erwiderte sie fest und zog ihre Jacke aus.

Er murmelte irgendetwas, das sich wie »Extrawurst« anhörte, und verärgert streifte sie ihr T-Shirt über den Kopf, hakte den BH auf und schlüpfte dann schnell in das Oberteil der feuerfesten Unterwäsche.

Was zum Teufel war nur mit diesem Mann los? Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass sie es nicht leicht haben würde, doch mit dieser offenen Ablehnung hatte sie nicht gerechnet.

Sie ließ Sneakers, Jeans, Socken und schließlich den Slip folgen, und stieg so hektisch in die lange Unterhose, dass sie sich verhedderte und beinahe hingefallen wäre.

Himmel, das überlebe ich nicht, ging es ihr frustriert durch den Kopf, während sie sich am Tisch festhielt und mühsam den Fuß durch das enge Hosenbein fädelte.

»Das musst du aber noch ein bisschen​​ üben«, ertönte es amüsiert hinter ihr, und sie fuhr herum.

Nate, bereits im Overall, saß auf der Couch und grinste sie breit an.

»Ich schätze, du hast auch so einiges zu üben, vor allem gute Manieren«, fauchte sie ihn mit rotem Kopf an.

Er lachte. »Siehst du, das ist der Grund, weshalb ich von Frauen in der Formel Eins nichts halte – ihr seid viel zu emotional und unbeherrscht.«

Hast du eine Ahnung, dachte sie wütend, ich beherrsche mich gerade unglaublich, um dir nicht dein überhebliches Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen.

»Hör zu«, sagte sie mit erzwungener Ruhe, »behalte deine Macho-Ansichten für dich, okay? Wir sind beide hier, um Rennen zu fahren, und müssen es ein ganzes Jahr miteinander aushalten. Ich für meinen Teil habe die Absicht, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, und ich nehme an, du bist Profi genug, um das​​ ebenfalls zu tun.«

Einen Moment lang durchbohrte er sie mit seinem Blick, dann griff er nach Handschuhen, Balaklava, Helm und der Schulter-Nacken-Stütze, und ging zur Tür.

»Das werden wir noch sehen«, sagte er gedehnt und verschwand.

Kopfschüttelnd zog Jenna den Overall an, nahm den Rest ihrer Ausrüstung und holte noch einmal tief Luft, bevor sie den Raum verließ.

 

 

Nate stand mit Charley und ein paar Mechanikern zusammen, als er Jenna die provisorische Box betreten sah. Aus dem Augenwinkel verfolgte er, wie sie auf Albert Norris zuging, der sich gerade mit Owen Goodchild, einem ehemaligen Rennfahrer von Reardon Racing, unterhielt. Sie umarmte zuerst Albert, danach Owen, der ihr freudestrahlend jeweils rechts und links einen Kuss auf die​​ Wange gab und angeregt mit ihr plauderte. Die beiden gestikulierten lebhaft, dann beugte Owen sich zu ihr herunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie zu lachen anfing.

Typisch, dachte Nate, kaum betrat eine Frau das Szenario, legten alle Kerle das klassische Balzverhalten an den Tag. Gut zugegeben, sie sah ja ganz süß aus in ihrem Overall und mit der Kappe auf ihren kastanienfarbenen Locken, und ihr Po war auch sehr niedlich, wie er vorhin festgestellt hatte. Aber mit Rundungen und Wimpergeklimper allein ließen sich nun mal keine Rennen gewinnen, das würde sie schon noch sehen.

Gegen ein Uhr betraten Nate und Jenna gemeinsam mit Charley und Kyle das kleine Podium, das man seitlich von der Box aufgebaut hatte, und sofort hagelte ein schier unendliches Blitzlichtgewitter auf sie hernieder. Teamchef und Sportdirektor hielten jeder eine kurze Ansprache, verkündeten stolz die Aufnahme von​​ Jenna ins Team, dann war Nate bereits mit seinem Showrun dran.

Etwa zehn Minuten lang fegte er in seinem Rennwagen die Straße hinauf und hinunter, beendete das Ganze, indem er die Hinterräder durchdrehen ließ und so eine Reihe Kreise auf dem Straßenbelag malte. Es folgte eine Gruppe Motorradfahrer, die mit ihren Maschinen diverse Kunststücke vorführten, danach gab es eine NASCAR Präsentation, anschließend war Jenna an der Reihe.

Mit lässig gekreuzten Beinen und vor der Brust verschränkten Armen lehnte Nate an der Wand neben der Box und beobachtete, wie Jenna sich fertig machte und in ihren Wagen kletterte. Das Lenkrad wurde aufgesteckt, man schob sie hinaus und Sekunden später rollte sie davon zum Ende des abgesperrten Straßenstücks.

Plötzlich fiel ihm die Szene mit dem Kaffee ein und er grinste. Ob sie es wohl schaffte, die Karre heil ans andere Straßenende zu bringen?

Wenig später musste er sich eingestehen, dass sie ihre Sache gar nicht so schlecht machte. Sie donnerte ein paar Mal vorbei, hielt dann fast genau vor der Box an und ließ mit aufheulendem Motor die Reifen über den Asphalt radieren.

Weitere Showeinlagen folgten, in der Zwischenzeit erhielten Nate und Jenna ihre Instruktionen für den abschließenden, gemeinsamen Run, der ohne Probleme ablief.

Anschließend gab es eine kurze Fragerunde für Fans, die sie abwechselnd bestritten, während der jeweils andere sich umzog. Danach ging es zur Pressekonferenz im nahe gelegenen Park Inn Hotel.

Wie erwartet, wurde vor allem Jenna mit Fragen gelöchert, und Nate war nicht böse darüber, er war sowieso nicht der Typ, der gerne im Rampenlicht stand. Doch als die Reporter ihn dann mit Fragen bestürmten, die sich ebenfalls alle nur um Jenna drehten, stieg wieder Ärger in ihm​​ auf. Meine Güte, was für ein Theater, und das nur, weil sie Brüste hatte. Ob jemand auch mal etwas wirklich Wichtiges fragte?

Er setzte sein übliches Pokerface auf und begnügte sich mit knappen, ausweichenden Antworten.

»Nate, wie fühlt es sich für Sie an, neben einer Frau im Cockpit zu sitzen?«, wollte einer der Journalisten wissen.

Ein amüsiertes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. »Nun, glücklicherweise sitze ich nicht neben ihr, sondern in meinem eigenen Auto.«

Gelächter erklang, der Nächste fragte: »Werden Sie Jenna mit Ihrer langjährigen Erfahrung unterstützen?«

Sein Grinsen wurde breiter. »Ich glaube nicht, dass ich mich mit Mode oder Kosmetik so gut auskenne.«

Erneut hatte er die Lacher auf seiner Seite; er lehnte sich zurück und registrierte zufrieden, dass Jennas Lächeln plötzlich reichlich verkrampft wirkte. Charley und Kyle sahen ebenfalls​​ nicht so begeistert aus, aber das war er ja gewohnt.

»Nate, ist Jenna für Sie eine ernsthafte Konkurrenz?«, lautete die nächste Frage.

Bevor er reagieren konnte, hatte Jenna sich schon über ihr Mikro gebeugt. »Natürlich nicht«, sie drehte kurz den Kopf und blitzte ihn kampfeslustig an, »zumindest glaubt er das.«

Mit einem leisen Schnauben setzte Nate zu einer Erwiderung an, doch Charley kam ihm zuvor und beendete die Konferenz.

»Das war es dann fürs Erste, vielen Dank.«

Begleitet von Blitzlichtern und weiteren Fragen, welche die Reporter ihnen zuwarfen, verließen sie den Raum und begaben sich zum Ausgang. Den Rückweg zur Zentrale legten sie in getrennten Wagen zurück; Jenna stieg bei Kyle ein, und Nate fuhr mit Charley.

Dieser fing auch sogleich an, auf Nate einzureden.

»Hör mal, ich weiß,​​ dass die Situation​​ für dich nicht ganz einfach ist, aber musstest du Jenna unbedingt so provozieren?«, fragte er vorwurfsvoll.

Frustriert starrte Nate aus dem Fenster. Das war ja klar gewesen. Meine Güte, was hatte er denn schon Schlimmes gesagt? Er hatte sie ein bisschen auf den Arm genommen, okay. Und ja, die Situation war nicht einfach, das war sie in den letzten Jahren nie gewesen. Normalerweise war er ein umgänglicher und friedfertiger Mensch. Aber wenn man stets versuchte, sein Bestes zu geben und immer wieder irgendwelchen ungerechten Entscheidungen zum Opfer fiel, war es irgendwann vorbei mit der Geduld.

»Wir sehen dich ganz klar in der Favoritenrolle«, fuhr Charley jetzt fort. »Du hast das Zeug dazu und wir geben dir das beste Auto an die Hand, das du kriegen kannst. Aber wir erwarten auch, dass es zwischen dir und Jenna keinerlei Reibereien gibt, also reiß dich zusammen.«

Der Wagen traf vor dem Eingang der Fabrik ein, und Nate blieb eine Antwort erspart. Mit einem unwirschen »Tschüss« sprang er hinaus und ging über den Parkplatz auf sein Auto zu.

Fast gleichzeitig waren auch Kyle und Jenna angekommen. Er hörte, wie sie sich verabschiedete, und wenig später war sie neben ihm.

»Na Rivers«, knurrte er, »freust du dich, dass du das letzte Wort hattest?«

»Ich habe nicht angefangen«, gab sie scharf zurück. »Was ist eigentlich dein Problem?«

Nate blieb stehen und funkelte sie an. »Mein Problem ist, dass ich es hasse, wenn Leute sich über Vitamin B irgendwo Zutritt verschaffen, wo sie nichts zu suchen haben.«

Einen Augenblick lang war es still, dann nickte sie. »Gut, damit wären die Fronten ja wohl geklärt.«

»Allerdings.«

Schweigend setzten sie ihren Weg fort,​​ und zu seiner Überraschung steuerte sie auf einen quietschgrünen VW Käfer zu, der direkt neben seinem silbernen Jaguar F-Type Coupé stand.

»Wow, ist das deiner?«, entfuhr es ihm.

»Ja«, sie strich liebevoll über das Dach, »das ist Kermit.«

Unwillkürlich musste er lächeln. »Was für ein Baujahr?«

»1950. Vierganggetriebe, 25 PS, Höchstgeschwindigkeit 105 Stundenkilometer«, erzählte Jenna und schloss die Tür auf.

»Cool. So einen wollte ich auch immer haben.« Im gleichen Moment bemerkte er, dass er sich von seiner Begeisterung hatte mitreißen lassen und räusperte sich. »Also dann, Rivers …«

»Machs gut, Walker«, sie grinste frech. »und wenn du dich in Zukunft anständig benimmst, lasse ich dich vielleicht mal mitfahren.«

Sekunden später knatterte sie vom Parkplatz, während Nate wie angewurzelt​​ dastand und ihr hinterherschaute.

 

 

Weihnachten ging rasch vorüber, ebenso wie Silvester, und das neue Jahr begann. Die offizielle Präsentation der Wagen für die kommende Saison war erst für Anfang Februar vorgesehen, doch die Füße hochlegen konnte Jenna trotzdem nicht.

Sie trainierte noch härter als vorher, sofern das überhaupt möglich war. Unermüdlich joggte sie durch den Town Park in der Nähe ihrer Wohnung, oder suchte das Nuffield Gym zwei Straßen weiter auf, um dort zu schwimmen oder sich an den Fitnessgeräten auszupowern. Ergänzt wurde das Ganze durch Cardio- und Nackentrainings sowie Übungen für Koordination, Konzentration und Reaktion.

Begleitet wurde sie dabei stets von Ashley Redville, die nicht nur ihre langjährige Personal Trainerin und​​ Physiotherapeutin, sondern mittlerweile auch ihre beste Freundin war. Ashley würde sie während der kompletten Saison betreuen, und Jenna war froh darüber, ihre Vertraute an ihrer Seite zu haben.

Wenn sie nicht trainierte, verbrachte sie ihre Zeit mit Presseterminen, diversen Aktivitäten mit Sponsoren, sowie regelmäßigen Terminen in der Fabrik, und so war sie vollauf beschäftigt.

An einem späten Nachmittag Ende Januar war für sie ein Training im Fahrsimulator angesetzt, um sich auf die Testfahrten in Jerez vorzubereiten.

Jenna betrat den abgedunkelten Simulatorraum und begrüßte Andres Encinosa, den Entwicklungsingenieur, ihren Renningenieur Ikuma Konno, der von allen nur Iggy genannt wurde.​​ 

Der Simulator bestand aus einem Cockpit, das auf einem Hexapod montiert war; mehrere Bildschirme visualisierten die jeweilige Rennstrecke. Jenna kletterte auf die Plattform, setzte sich in das​​ Chassis, Andres lud die entsprechenden Daten in den Computer, und kurz darauf ging es los. Das Training begann mit ein paar Aufwärmrunden, damit sie sich zunächst an die Simulatorumgebung gewöhnen konnte. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten kam sie ganz gut zurecht, doch plötzlich wurde ihr so übel, dass sie abbrechen musste.

Sie krabbelte aus dem Cockpit, stieg die Stufen herunter und stürzte aus dem Raum, um die nächste Toilette aufzusuchen.

Nachdem sie sich übergeben hatte, fühlte sie sich nicht sehr viel besser, und beschloss enttäuscht, das Training abzubrechen. Sie stakste zum Simulatorraum zurück, sagte den beiden Männern Bescheid und verließ dann auf wackeligen Beinen das Gebäude. An ihrem Wagen angekommen, stützte sie die Hände am Dach ab, lehnte die Stirn gegen das kühle Metall und atmete langsam ein und aus.

Plötzlich hörte sie ein Motorengeräusch, das Licht von Scheinwerfern durchschnitt die Dunkelheit, und Sekunden später klappte eine Autotür in unmittelbarer Nähe zu.

Fast im gleichen Moment ertönte Nates Stimme neben ihr. »Was ist los, Rivers?«

Na toll, dachte Jenna, das hat mir gerade noch gefehlt.

Seit dem Showrun hatten sie sich nur ein paar Mal kurz gesehen, und da war die Atmosphäre zwischen ihnen ziemlich kühl gewesen.

»Nichts, alles okay«, ächzte sie.

»Ja, das sehe ich«, war sein trockener Kommentar. »Lass mich raten, du warst im Fahrsimulator.«

Da sie wieder mit spöttischen Bemerkungen rechnete, gab sie sicherheitshalber keine Antwort und hoffte, dass er verschwinden und sie in Ruhe lassen würde.

»So kannst du nicht nach Hause fahren«, entschied er jedoch. »Wo ist​​ Mike?«

»Schon gegangen.«

Mit einem leisen Seufzen nahm Nate sein Smartphone aus der Jackentasche. Er schien mehrere Nummern zu probieren, es dauerte eine ganze Weile, dann stieß er einen Fluch aus. »Verdammt, sonst gehen sie einem alle auf die Nerven, aber wenn man mal jemanden braucht, ist niemand da.«​​ Nach kurzem Zögern packte er sie am Arm. »Komm.«

»Was? Was soll das?«

»Ich bringe dich nach Hause.«

»Nein, lass nur, es geht schon«, protestierte sie, doch er schob sie unnachgiebig auf seinen Jaguar zu.

Nachdem er sie auf den Beifahrersitz bugsiert und angeschnallt hatte, stieg er ebenfalls ein und kurz darauf waren sie auf dem Weg in Richtung Motorway.

»Ich hätte mir genauso gut ein Taxi nehmen können«, murmelte sie.

Nate gab nur ein undefinierbares Brummen von sich, und so lehnte sie​​ schließlich den Kopf nach hinten und schloss die Augen.

»Mach dir nichts draus, Rivers«, sagte er, als sie sich bereits eine ganze Weile auf dem M1 befanden, »das nennt sich Simulatorkrankheit und passiert vielen Leuten, aber die meisten gewöhnen sich mit der Zeit daran. Mich hat es am Anfang auch ein paar Mal erwischt. Das gedämpfte Licht in Kombination mit dem Geschaukel …«

»Walker«, unterbrach Jenna ihn stöhnend, »halt an – sofort.«

»Wo denn? Wir sind mitten in der Baustelle bei Luton, hier ist kein Standstreifen«, er warf ihr einen nervösen Blick zu, »kannst du dich vielleicht noch zwei Minuten … oh Shit.«

 

 

Herr im Himmel, was hatte er nur getan, dass das Schicksal ihn mit dieser Frau strafte? Und wie war er nur auf die​​ dämliche Idee gekommen, sie nach Hause zu fahren? Das hatte er nun von seinem Ritterkomplex.

Nates Handy klingelte und er warf einen raschen Blick auf das Display. Charley. Ihn hatte er vorhin ebenfalls zu erreichen versucht, aber das hatte sich ja jetzt erledigt.

Mit einem leisen Schnauben drückte er den Anruf weg und schaute kurz zu Jenna, die blass im Sicherheitsgurt hing.

Naja, wenigstens scheint es nur die Fußmatte erwischt zu haben, dachte er resigniert, immerhin etwas.

»Wohin müssen wir eigentlich?«, fragte er, nachdem er noch eine Weile mit seiner Gutmütigkeit gehadert hatte.

»Raleigh Road, Enfield.«

Ein Auge auf die Straße gerichtet, drückte er einen Moment am Navi herum, dann ertönte die monotone Stimme der Ansage und lotste ihn schließlich vom M1 auf den M25 und durch das nördliche London. Etwa zwanzig Minuten später​​ standen sie vor dem zweistöckigen Haus, in dem Jenna wohnte.

Sie löste den Gurt, mühte sich aus dem Wagen, und nach kurzem Zögern stellte er den Motor ab und folgte ihr.

»Ich bringe dich noch rein.«

Schweigend schloss sie die Haustür auf und er stieg hinter ihr eine Treppe hinauf in den ersten Stock.

Nachdem sie die Wohnung betreten hatten, verschwand Jenna sofort im Bad.

Nate blieb unschlüssig im Flur stehen. Irgendwie widerstrebte es ihm, jetzt einfach abzuhauen, und als er hinter einer offenen Tür das Wohnzimmer erkannte, siegte seine Neugier. Er trat hinein, tastete nach dem Lichtschalter und schaute sich um.

Es war gemütlich hier, stellte er fest. Die Wände waren in einem hellen Cremeweiß​​ gestrichen, einige gerahmte Fotos hingen daran. Vor einem Kamin stand eine breite Couch mit braunem Velourslederbezug und einer Menge verschiedenfarbiger​​ Kissen. Davor lag ein großer, flauschiger Teppich. Auf dem quadratischen Glastisch neben dem Sofa lagen ein paar Zeitschriften und eine angefangene Tafel Schokolade.​​ 

Er seufzte leise. Gott, was hätte er jetzt für etwas Süßes gegeben. Doch er widerstand dem Drang, sich ein Stück zu stibitzen, und trat stattdessen näher an ein Regal, das über die ganze Wand reichte und allerlei Trophäen, Fotos sowie andere Memorabilien enthielt.

Interessiert schaute er sich die einzelnen Stücke an, bis er leise Schritte hörte. Er drehte sich um und musterte Jenna, die in der Tür stand.

Sie war immer noch ein bisschen blass, ein paar feuchte Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Irgendwie erschien sie ihm auf einmal sehr verletzlich.

Nate räusperte sich. »Besser?«, fragte er knapp.

»Ja. Tut mir leid wegen deines Autos. Ich mache es sauber.«

»Nein, schon gut, ich bringe es zum Reinigen.« Ein wenig unsicher rieb er sich am Ohrläppchen. »Tja, dann mache ich mich wohl mal wieder auf den Weg.«

Jenna nickte. »Okay. Und danke fürs Fahren.«

»Keine Ursache.« Er ging zur Tür und war bereits im Treppenhaus, als ihm etwas einfiel. »Was ist mit deinem Wagen?«

»Ich lasse mich morgen nach Northampton rausfahren und hole ihn ab.«

»Ansonsten …«, sagte er zögernd, »ich muss sowieso nochmal zur Fabrik, ich könnte …« Er hielt inne, als er Jennas amüsiertes Grinsen sah. »Was ist?«

»Du bist ganz schön clever, Walker«, schmunzelte sie. »Naja, ich schätze, ich schulde dir was.« Sie griff in ihre Hosentasche und warf ihm den Autoschlüssel zu, den er geschickt auffing. »Hier, viel Spaß – aber fahr mir ja keine Beulen rein.«

Einen Moment lang schaute er sie​​ überrascht an, dann grinste er zurück. »Versprechen kann ich das nicht, Rivers – schließlich bin ich Rennfahrer.«

»Vorsicht, Walker, bevor ich es mir anders überlege«, warnte sie ihn. »Es reicht, wenn du ihn mir morgen bringst.«

Er nickte. »In Ordnung.«

Mit einem leisen »Gute Nacht« schloss sie die Tür, und wenig später saß er in seinem Wagen.

Kopfschüttelnd betrachtete er die Schweinerei auf dem Fußboden vor dem Beifahrersitz. Womit hatte er das nur verdient?

 

 

Am anderen Morgen gegen elf Uhr stellte Nate den Käfer ein Stück von Jennas Haus entfernt ab. Er stieg aus, schlug den Kragen seiner Jacke hoch, steuerte auf den Eingang zu und drückte auf die Klingel, die mit ‚J. Rivers‘ beschriftet war. Als sich nichts tat, versuchte er es ein zweites Mal,​​ doch Jenna war offenbar nicht da. Nach kurzem Überlegen beschloss er, einen Moment zu warten, vielleicht kam sie ja gleich zurück.

Um die Kälte zu vertreiben, spazierte er vor dem Tor auf und ab, bis sich plötzlich ein Fenster im Erdgeschoss des Hauses öffnete und eine ältere Frau den Kopf herausstreckte.

»Hey Sie, was lungern Sie da herum?«

»Ich warte auf Jenna Rivers – wissen Sie zufällig, wann sie zurückkommt?«

»Nein, und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen auch nicht auf die Nase binden«, erwiderte die Alte pampig. »Sie sind doch garantiert einer von diesen Paparazzi, die hier ständig das Haus belagern.«

»Nein, ich …«

»Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei.«

Das Fenster krachte zu und Nate fragte sich im gleichen Moment, was er hier eigentlich tat.

Schließlich hatten sie keine Uhrzeit ausgemacht, Jenna konnte sonst wo sein, und er hatte Besseres zu tun, als hier herumzulungern wie bestellt und nicht abgeholt.

Die Gardine hinter dem Parterrefenster wackelte, und er beschloss, zu verschwinden, bevor der weibliche Zerberus seine Drohung in die Tat umsetzte und tatsächlich die blauen Jungs anrief.

Entschlossen trat er an die Eingangstür, hob den Deckel von Jennas Briefkasten an und warf den Schlüssel hinein. Dort würde sie ihn sicher finden, und damit war die Sache erledigt.

Nate nahm sein Handy aus der Jackentasche und ließ sich mit einer Taxi-Zentrale verbinden. Etwa zehn Minuten später saß er im Fond des schwarzen Wagens und schloss entnervt die Augen. Er war viel zu gutmütig. Das musste aufhören. Was dabei herauskam, hatte er ja in den letzten Jahren mehr als deutlich​​ erfahren. Noch einmal würde er diesen Fehler nicht begehen.

 

 

»Kommst du noch auf einen Tee mit hoch?«, fragte Jenna ein wenig außer Atem.

Nach einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr nickte Ashley. »Eine Viertelstunde habe ich.«

Jenna schloss die Haustür auf und schaute, wie jeden Morgen nach ihrer ausgedehnten Joggingrunde, in den Briefkasten.

»Oh«, sagte sie überrascht, als ihr neben der üblichen Reklame auch ihr Autoschlüssel entgegen fiel, »sieht so aus, als wäre Nate da gewesen.«

Ashley kicherte. »Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du ihm tatsächlich ins Auto gekotzt hast.«

»Hör bloß auf, du ahnst gar nicht, wie peinlich mir das war«, murmelte Jenna,​​ während sie die Treppe hinaufstiegen.

»Immerhin hat er dir nicht den Kopf abgerissen.«

»Das nicht, aber vermutlich werde ich mir in der nächsten Zeit einige dumme Sprüche anhören dürfen.«

Sie betraten die Wohnung und gingen in die Küche. Jenna stellte den Wasserkocher an und wenig später saßen die beiden Frauen sich am Küchentisch gegenüber.

»Ist er wirklich so ein Ekelpaket?«, fragte Ashley, nachdem sie genüsslich einen Schluck aus ihrer Tasse genommen hatte.

Jenna zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Auf jeden Fall finde ich es schade, dass die Stimmung zwischen uns so schlecht ist. Ich hatte eigentlich auf eine entspannte Atmosphäre und eine freundschaftliche Zusammenarbeit gehofft, aber danach sieht es wohl nicht aus.«

»Naja, immerhin hat er sich um dich gekümmert und dich nach Hause gebracht​​ – vielleicht beruhigt sich das Ganze ja nun ein bisschen.«

Frustriert schüttelte Jenna den Kopf. »Das glaube ich kaum«, seufzte sie. »Nächste Woche fliegen wir nach Jerez zu den ersten Tests, und ich habe so das dumpfe Gefühl, dass der Ärger dann erst richtig losgeht.«

 

 

Am darauffolgenden Freitag fand in der Fabrik die Präsentation des neuen Rennwagens für die bevorstehende Saison statt. In einer alten Montagehalle, die zu einem Saal umgebaut worden war und für offizielle Anlässe genutzt wurde, hatte sich ein großes Publikum eingefunden. Vor einer Vielzahl von Sponsoren, prominenten Gästen und natürlich den Medien enthüllten Jenna und Nate, beide mit ihren Rennoveralls bekleidet, feierlich das neue Fahrzeug. Henry Reardon war ebenfalls anwesend, er hielt eine kleine​​ Ansprache, Albert erläuterte die Veränderungen im Vergleich zum Vorjahreswagen, und zum Schluss richtete auch Charley ein paar Worte an die Besucher.

Es gab diverse Interviews, jede Menge Fotos wurden geschossen, und Jenna, die sich inzwischen ein wenig an den ganzen Rummel gewöhnt hatte, erledigte ihre Aufgabe souverän und selbstbewusst. Entgegen ihren Befürchtungen hatte Nate keinerlei Bemerkungen mehr über den Zwischenfall in seinem Wagen gemacht, aber er war nach wie vor kühl und distanziert. Jenna fand sich damit ab, ging ihm aus dem Weg, so weit es möglich war, und konzentrierte sich auf ihren Job.

Am Montag darauf flogen sie mit dem gesamten Team nach Jerez, wo dienstags die Testfahrten begannen.

Die folgenden Tage waren harte Arbeit. Etliche Runden auf der Strecke, Besprechungen mit Technikern und Ingenieuren, Auswertung und Analyse der​​ aufgezeichneten Daten, Änderungen am Setup und erneute Fahrtests. Trotz der Anstrengung war Jenna mit Begeisterung bei der Sache, so sehr, dass sie ohne Ashleys Ermahnungen sogar manchmal das Essen vergessen hätte. Obwohl sie den Circuit kannte, konnte sie nicht sofort mit dem Tempo der erfahrenen Fahrer mithalten, dennoch lief es insgesamt recht gut, und Charley war voll des Lobes.

Nach und nach begegnete sie auch den Piloten der übrigen Teams. Einige davon kannte sie bereits aus den anderen Rennserien, der Rest nahm sie freundlich auf, und sie verstand sich auf Anhieb mit allen. Natürlich musste sie sich auch Neckereien und Scherze anhören, doch alles geschah auf eine kameradschaftliche Art und sie hatte kein Problem damit.

Abends wurde sie von den anderen Fahrern mehrmals aufgefordert, sie zu einem Stadtbummel oder zum Abendessen zu begleiten, aber dazu war sie nicht mehr in der Lage. Sobald sie ins​​ Hotel zurückgekehrt war, gönnte sie sich ein ausgedehntes Bad, ließ sich von Ashley massieren und fiel nach einem kleinen Imbiss völlig erschlagen in ihr Bett.

Von Jerez aus flogen sie weiter nach Barcelona. Während das Team alles für die nächsten Tests vorbereitete, hatten die Fahrer ein wenig Freizeit. Jenna erkundete mit Ashley die Stadt, saß in eine Decke eingewickelt auf dem Balkon ihres Hotelzimmers und genoss die Sonne oder lag einfach nur auf der Couch und las oder hörte Musik.

Die übrige Zeit widmete sie sich ihrem Fitnesstraining. Sie hatte in der Nähe des Hotels einen weiträumig angelegten Park entdeckt, und absolvierte dort frühmorgens ihre Joggingrunden. Ashley schlief meistens noch, und so konnte Jenna in Ruhe die Umgebung genießen und ihren Gedanken nachhängen.

Am Freitag vor den Tests war sie auch wieder früh unterwegs. Sie hatte ihren MP3-Player dabei, sang gutgelaunt die​​ Lieder mit und joggte in zügigem Tempo durch die Grünanlage.

Irgendwann, auf der Hälfte ihrer Runde, passte sie für einen Moment nicht richtig auf und blieb an einer Baumwurzel hängen, die ein Stück aus dem unbefestigten, schmalen Weg herausragte.

Es gelang ihr noch, sich abzufangen, sodass sie nicht hinfiel, doch sie knickte mit dem Fuß um, und als sie danach weiterlaufen wollte, fuhr ein stechender Schmerz durch ihren Knöchel.

Sie biss die Zähne zusammen und machte ein paar Schritte, aber sie konnte kaum auftreten, also schleppte sie sich an den Wegrand, wo sie sich ins Gras fallen ließ.

Rasch öffnete sie den Schuh, rollte die Socke herunter und stellte fest, dass der Fuß unterhalb des Gelenks bereits angeschwollen war.

»So ein Mist«, fluchte sie leise, »wie soll ich denn jetzt ins Hotel zurückkommen?«

Im gleichen Moment tauchte ein​​ Schatten über ihr auf. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, zog ihr jemand die In-Ears ihres MP3-Players aus den Ohren und eine ihr inzwischen gut bekannte Stimme sagte: »Am besten auf allen vieren.«

 

 

Nate war ebenfalls auf seiner morgendlichen Joggingrunde, als er Jenna entdeckte. Er brauchte nicht lange, um den Abstand aufzuholen, und war bereits relativ nahe, als er sah, wie sie stolperte. Natürlich fiel ihm sofort auf, dass sie humpelte, und er rief nach ihr, sie reagierte jedoch nicht darauf. Beim Näherkommen wurde ihm klar, weshalb, und als er sie erreichte, beseitigte er kurzerhand das Hindernis, indem er ihr mit raschem Griff die Ohrstöpsel herauszog.

»Mensch Rivers, was hast du denn nun schon wieder angestellt?«, brummte er​​ vorwurfsvoll. Sie gab keine Antwort, und so ging er in die Hocke und betrachtete ihren Fuß. »Das sieht nicht gut aus. Hast du starke Schmerzen?«

»Halb so wild«, winkte sie lässig ab, doch er wusste, dass sie schwindelte.

Er richtete sich auf und schaute auf sie herunter. Sein Kopf sagte ihm, dass er zum Hotel zurückgehen und jemand anderen zu ihr schicken sollte. Aber sie wirkte so hilflos und zerbrechlich, und sie war verletzt. Außerdem war es kalt, schon allein deswegen konnte er sie hier nicht einfach so sitzen lassen.

Mit einem leisen Seufzer beugte er sich ein Stück nach unten und hielt ihr die Hände hin. »Komm, ich bringe dich zurück.«

»Das brauchst du nicht, ich schaffe das schon.«

»Verdammt, Rivers, du kostest mich die letzten Nerven. Steh auf jetzt, bevor ich es mir anders überlege.«

»Charmant wie immer«, murmelte sie,​​ griff aber trotzdem nach seinen Händen und ließ sich von ihm hochziehen.

»Okay«, er legte ihren Arm um seine Taille und schlang seinen dann um sie, »so müsste es gehen.«

Langsam setzten sie sich in Bewegung, sie humpelte neben ihm her, und er passte seine Schritte ein wenig an, damit sie mithalten konnte. Stumm liefen sie den Weg entlang, und plötzlich fiel ihm auf, wie zierlich sie sich anfühlte. Und sie war ziemlich klein, reichte ihm gerade mal bis unters Kinn. Außerdem sah sie sehr jung aus, viel jünger als ihre vierundzwanzig Jahre. Sie wirkte wie ein Teenager, wie er mit einem raschen Seitenblick feststellte, was vermutlich an ihren Haaren lag, die sie zu zwei Zöpfen geflochten hatte.

Ein Räuspern von ihr riss ihn abrupt aus seinen Überlegungen.

»Sag mal Walker, wieso bist du eigentlich jedes Mal zur Stelle, wenn ich Hilfe brauche? Stalkst du mich etwa?«

Er musste lachen. »Sei nicht so frech​​ Rivers, sonst überlasse ich dich deinem Schicksal. Es sind noch gute zwei Kilometer bis zum Hotel.«

»Wir lassen das jetzt aber nicht zur Gewohnheit werden, oder?«

»Das habe ich nicht vor«, erwiderte er schmunzelnd. Mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln fügte er hinzu: »Wobei ich mich allerdings frage, wie du es immer wieder schaffst, dich und deine Mitmenschen in solche Situationen zu bringen. Auf der Rennstrecke stellst du dich doch auch nicht so ungeschickt an.«

Sie blieb stehen und schaute zu ihm auf. »Das sind ja ganz neue Töne. Du gibst also zu, dass ich gut fahren kann?«

»Gar nichts gebe ich zu«, knurrte er und gab ihr einen sanften Schubs mit dem Arm. »Lauf weiter. In drei Tagen fangen die nächsten Tests an, und ich will deinetwegen nicht zu spät kommen.«

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, und trotz ihres Protests brachte Nate Jenna bis zu ihrer​​ Zimmertür.

»Danke für deine Hilfe«, sie kramte ihre Keycard aus der Tasche ihres Hoodies, »aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen.«

»Doch, andernfalls hätte ich garantiert Ärger mit Charley bekommen.«

»Soso, darum ging es dir also nur bei deiner Rettungsaktion.«

Sein Gesicht wurde ernst. »Es geht immer nur darum«, sagte er bitter, »das wirst du auch noch merken. Echter Wettbewerb und Sportsgeist sind aus diesem Metier schon lange verschwunden. Geld, Einfluss und Kalkül zählen, sonst nichts. Auf persönliche Einstellungen oder Meinungen wird keine Rücksicht genommen, es sei denn, sie passen ins Raster. Kritik ist überhaupt nicht erwünscht, wer sich nicht unterordnet, kann seine Sachen nehmen und gehen. Es ist nicht leicht, in diesem Dschungel zu überleben, erst recht nicht, wenn man an seine Träume glaubt.« Er nahm ihr die​​ Schlüsselkarte aus der Hand, öffnete die Tür und machte eine auffordernde Handbewegung. »Und jetzt rein da mit dir. Ashley soll sich um deinen Fuß kümmern, damit du am Montag wieder fit bist. Wäre schade, wenn du die Tests verpasst.«

Jenna humpelte einen Schritt vorwärts, drehte sich dann noch einmal zu ihm um und lächelte. »Weißt du was, Walker? Im Grunde genommen bist du ja doch ein ganz netter Kerl.«

Einen Moment lang schaute Nate sie verdutzt an. »Und du, Rivers«, brummte er schließlich, »bist eine ziemliche Nervensäge.«

 

 

Jennas Verletzung war bis zum Montag so weit abgeklungen, dass sie an den Testfahrten teilnehmen konnte, sie landete mit ihren Zeiten jedoch während der gesamten vier Tage stets im hinteren​​ Feld.

Nate hingegen war in Bestform, und wie im Vorjahr gelang es ihm, die schnellste Runde zu fahren. Wenn er nicht auf der Strecke war oder sich mit seinem Team besprach, stand er gutgelaunt in der Box und verfolgte die Fahrten der anderen. Unbewusst richtete sich sein Hauptaugenmerk dabei auf Jenna, und er musste sich eingestehen, dass sie tatsächlich eine sehr talentierte Fahrerin war.

Am Freitagabend flogen sie nach Hause, und die folgenden drei Wochen verbrachten sie mit der Vorbereitung auf den Grand Prix von Australien, der Mitte März stattfand und den Auftakt der Saison bildete.

Jenna saß vorwiegend im Fahrsimulator, um sich mit dem Verhalten ihres Wagens auf dem Albert Park Circuit vertraut zu machen. Ihre anfängliche Übelkeit hatte sich inzwischen gelegt, und so konnte sie sich völlig aufs Fahren​​ konzentrieren. Insgesamt bereitete ihr der Straßenkurs keine großen Probleme, aber wirklich zufrieden war sie mit ihrer Leistung nicht. Sie lag um einiges hinter dem möglichen Top Speed und flog auch das ein oder andere Mal von der Strecke.

Eines Nachmittags, während sie unter der Anleitung von Andres und Iggy verbissen versuchte, ihre Fehler auszumerzen, betrat Nate unbemerkt den Raum. Er stellte sich zu den beiden Männern ans Pult und schaute eine Weile zu.

»Lass mich mal dahin«, bat er Iggy dann.

Dieser überließ ihm seinen Platz, und Nate zog das Headset auf. »Rivers«, sprach er ins Mikro, »wir gehen jetzt mal ein paar Sachen durch, okay?«

»Walker? – Was machst du denn hier?«, kam es aus dem Kopfhörer zurück.

Das frage ich mich auch, dachte er im gleichen Moment überrascht.

»Eigentlich gehört der Sim schon seit​​ zwanzig Minuten mir, aber du kommst ja nicht in die Gänge«, brummte er. »Also, bereit?«

»Sorry. – Ja, bereit.«

Nate nickte Andres zu, der startete das Programm, und begleitet von Nates Anweisungen setzte Jenna das Training fort.

»Okay, so ist es gut. – Bleib auf der Linie. – Zu weit raus, das machst du in der nächsten Runde besser. – Vor der Clark kommen Bodenwellen, aufpassen. – Ein bisschen früher bremsen … jetzt, aber nicht so fest … Glückwunsch Rivers, du hast dir soeben das Genick gebrochen. Mehr Gefühl, wir sind hier nicht beim Holzhacken …«

»Noch mehr Gefühl, Walker, und ich schmelze«, unterbrach Jenna ihn trocken.

Er grinste. »Komm schon Rivers, zeig mir, was du drauf hast«, forderte er sie heraus. »Gut so … gib Gas, geh auf 290 hoch. – Die Kurve nach der Senna etwas schneller, dann kannst du den Schwung​​ auf die Start-Ziel-Gerade mitnehmen. – Ja, perfekt.«

Fast eine Stunde ging es so weiter, und Jenna schaffte es tatsächlich, sich spürbar zu verbessern. Nassgeschwitzt und erschöpft stieg sie vom Hexapod herunter und trat zu den Männern ans Pult.

»Du bist ein Sklaventreiber, Walker, weißt du das?«, sagte sie und schnitt eine Grimasse, während sie sich mit einem Handtuch das Gesicht abwischte.

Mit übertrieben strenger Miene deutete er auf den Stuhl neben sich. »Setz dich – wir sind noch nicht fertig.«

Zusammen sahen sie sich die Aufzeichnungen an, schauten mit den Ingenieuren die Telemetriedaten durch, besprachen kleine Änderungen im Setup, und Nate gab Jenna noch den ein oder anderen Tipp.

Schließlich waren sie mit allem durch, und Jenna verabschiedete sich. Sie gab Andres und Iggy die Hand, dann schaute sie Nate an.

»Danke.«

»Schon gut.« Er deutete auf die Plattform. »Also werde ich mal mein Glück versuchen – ich hoffe, ich finde da drinnen nicht irgendwelche Überreste von dir.«

Sie verpasste ihm einen kleinen Klaps mit ihrem Handtuch. »Du bist wirklich ein richtiger Prince Charming«, sagte sie trocken und imitierte dann seine Stimme: »Mehr Gefühl, Walker, viel mehr Gefühl.«

Er lachte, ging zum Simulator und nickte ihr von der Treppe aus noch einmal kurz zu. »Wir sehen uns in Melbourne, Rivers.«

Zwei Herzen auf der Poleposition

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