Motor Oil & Royal Kisses
Ebook & Taschenbuch
Inhalt
Frauen gehören nicht in eine Werkstatt – davon ist Earl Quigley, Automechaniker in Elkpoint, fest überzeugt. Als sein Chef eine neue Mitarbeiterin einstellt und diese auch noch bei ihm einquartiert, ist für ihn klar: Das kann nicht gutgehen!
Doch Hallie Carter ist nicht nur selbstbewusst, kompetent und freundlich – sie lacht sogar über Earls Witze, die sonst nicht so gut ankommen. Während Earl seine Vorurteile langsam über Bord wirft und sich über den neu gewonnenen „Kumpel“ freut, empfindet Hallie bald mehr für ihn. Doch bevor sie sich über ihre aufkeimenden Gefühle klarwerden kann, trifft eine Nachricht ein, die alles auf den Kopf stellt …
Themen: Liebesroman, Workplace-Romance, Forced Proximity, Slow Burn, Unrequited Love, Secret Identity, Love Triangle, Small Town Romance
Leseprobe
Kapitel 1
Die Augustsonne neigte sich bereits dem Horizont zu, als Earl Quigley die letzten Werkzeuge zurück an ihren Platz legte. Der Tag war produktiv gewesen: drei Ölwechsel, eine Kupplung, zwei »schnelle« Reparaturen, die sich natürlich beide als kniffliger herausstellten als erwartet. Mit einem zufriedenen Seufzen wischte er sich die ölverschmierten Hände an einem Lappen ab und griff nach seinem Schlüsselbund.
Er freute sich auf eine Dusche und den wöchentlichen Pokerabend, der dieses Mal im Haus von Glenn McKenna, dem Polizeichef von Elkpoint, und seiner Frau Violet stattfand.
Gerade als er die Tür zur Werkstatt abschließen wollte, winkte Moe ihm vom Büro aus zu. Earl stutzte kurz – normalerweise war sein Chef um diese Zeit längst auf dem Weg nach Hause, wo seine Frau Gladys sicher schon ein leckeres Abendessen für ihn gekocht hatte.
Earl zog die schwere Metalltür hinter sich zu und überquerte den Hof, wo neben dem großen Abschleppwagen und dem Werkstatt-Truck etliche Fahrzeuge standen. Einige waren zum Verkauf bestimmt, andere warteten auf ihre Reparatur. Über allem lag der vertraute Duft von Öl und Benzin.
Durch die Hintertür betrat er das kleine Büro, wo Moe Pendleton an seinem Schreibtisch saß – umgeben von Papierstapeln und der unvermeidlichen Kaffeetasse mit dem verblichenen Logo der Werkstatt. Durch das staubige Fenster fiel ein Lichtstrahl und ließ die grauen Strähnen in seinem Haar schimmern.
»Alles klar, Boss?« Earl lehnte sich an den Aktenschrank und steckte die Hände in die Taschen seines ölverschmierten Arbeitsoveralls.
»Setz dich, Junge«, sagte Moe und deutete auf den abgenutzten Besucherstuhl vor dem Schreibtisch.
Gehorsam ließ Earl sich auf den Stuhl fallen und musterte seinen Mentor aufmerksam. Moes Gesichtsausdruck war ernst, fast feierlich – ein ungewohnter Anblick bei dem sonst so entspannten Mann.
»Gladys und ich«, begann Moe, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte, »wir haben beschlossen, kürzerzutreten. Sie hat Fernweh, ich hab Rückenschmerzen, und wir sind uns einig, dass es reicht. Zeit für Weltreisen. Oder wenigstens für Kalifornien.« Er machte eine kurze Pause. »Ich will mich aus der Werkstatt zurückziehen und dir die Leitung übergeben. Du kennst den Laden in- und auswendig, die Leute vertrauen dir. Natürlich gibts auch eine Gehaltserhöhung – das versteht sich von selbst.«
Die Leitung? Das konnte Moe doch unmöglich ernst meinen. Earl blinzelte, als hätte er nicht richtig gehört. Er war Mechaniker, kein Unternehmer. Zwar war Elkpoint nur ein kleiner Ort und die Werkstatt auch nicht sehr groß. Aber die Kunden kamen aus dem gesamten Custer County – nicht nur zum Tanken, sondern weil sie dem Service vertrauten. Die praktische Arbeit war kein Problem, doch Büroarbeit? Papierkram? Nicht gerade seine Lieblingsdisziplin. Sicher, er kannte sich mit Zahlen aus – zumindest in der Theorie. Aber das hier war etwas anderes. Echt, greifbar, mit ernsthaftem Risiko. Künftig würde all das auf seinen Schultern ruhen. Ob er dieser Verantwortung wirklich gewachsen war?
»Ich soll das Geschäft übernehmen?«, fragte er langsam.
»Japp.« Moe nickte. »Gladys gibt auch ihre Stelle bei Janey und Quinn auf, aber sie wird dich noch eine Weile bei der Buchhaltung unterstützen. Ansonsten gehört die Werkstatt dir, wenn du willst. Erst mal nur die Leitung, was später daraus wird, sehen wir dann. Vielleicht möchtest du den Laden ja irgendwann ganz übernehmen.«
Earl lehnte sich zurück und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Ein Teil von ihm verstand Moe sofort – nach all den Jahren hatte er sich diese Freiheit verdient. Und doch …
»Das ist eine Menge Verantwortung, Moe, und ich weiß nicht, wie ich das alleine schaffen soll. Wir sind die einzige Werkstatt zwischen Arco und Challis. Wenn ich mit dem Abschleppwagen unterwegs bin, ist niemand hier und …«
»Hab ich mir gedacht.« Moe schmunzelte leicht, als hätte er genau diese Antwort erwartet. »Deshalb hab ich bereits jemanden eingestellt. Fängt in den nächsten Tagen an.«
Die Anspannung in Earls Miene löste sich ein wenig. Natürlich hatte Moe vorgesorgt. Ein neues Gesicht in der Werkstatt – das war immerhin ein Anfang.
Er schwieg einen Moment, dann nickte er langsam. »In dem Fall … versuchen wir es.«
»Also, abgemacht?« Moe streckte ihm die Hand entgegen.
Earl ergriff sie und drückte sie fest. »Abgemacht!«
***
Als Earl eine halbe Stunde später bei Glenn und Violet eintraf, parkten schon etliche Autos vor dem hübschen Haus im Saltbox-Stil. Er rangierte den Truck in eine freie Lücke, schnappte das Sixpack Bier und die Schachtel Pralinen vom Beifahrersitz und stieg aus.
Durch die Glastür fiel warmes Licht auf die Veranda. Nach dem zweiten Klopfen öffnete Violet.
»Hey«, sie umarmte ihn herzlich, »da bist du ja endlich – die anderen warten schon ungeduldig.«
Earl reichte ihr die Pralinenschachtel. »Danke für die Einladung.«
»Ach Earl«, sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, »du sollst doch nicht immer etwas mitbringen.«
»Ich mache es aber gerne.«
»Vielen Dank. – Und jetzt komm rein, bevor die Jungs durchdrehen.«
»Wie geht es dir?«, fragte Earl, während er sich automatisch die Schuhe an der Fußmatte abwischte. »Was macht das Kleine?«
Mit einem strahlenden Lächeln legte Violet eine Hand auf ihren Bauch, dem man die Schwangerschaft noch nicht ansah. »Uns beiden geht es sehr gut.«
»Das freut mich. Ich wette, Glenn ist schon sehr aufgeregt.«
»Earl!«, tönte Glenns tiefe Stimme aus einem Nebenraum, »hör auf, mit meiner Frau zu flirten, und trab an hier, damit wir endlich loslegen können. Clint ist schon ganz heiß darauf, sein Geld loszuwerden.«
Lachend führte Violet ihn in die Küche, wo sich mehrere Männer um den massiven Esstisch versammelt hatten.
»Wieso bist du so spät?«, fragte Hawk, ein muskulöser Cowboy mit leicht indigenen Gesichtszügen, und zwinkerte ihm zu. »Du hattest doch nicht etwa eine Autopanne?«
Clint grinste. »Bestimmt musste er noch etwas abschleppen.«
Sein Bruder Blake strich sich mit einer übertriebenen Geste die Haare nach hinten. »Hi, ich bin Earl«, säuselte er dann mit verstellter Stimme, »ich arbeite bei Moe’s Fuel & Repair, und falls Sie jemals abgeschleppt werden wollen, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.«
»Sehr witzig, Jungs.« Earl stellte das Bier auf den Tisch und ließ sich auf den freien Stuhl fallen. »Manche von uns müssen eben noch richtig arbeiten, statt mit Touristen herumzuspazieren, Pferde zu streicheln oder die Füße auf den Schreibtisch zu legen.«
»Oho, jetzt wird er bissig!« Luke schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter.
Während Glenn nach den Karten griff und begann, sie zu mischen, berichtete Earl von seiner Unterhaltung mit Moe.
»Den wahren Grund für meine Verspätung erratet ihr sowieso nicht«, sagte er und zog die Lasche seiner Bierdose ab. »Ich hatte ein längeres Gespräch mit Moe.«
»Hat er dich gefeuert, weil du die Schrauben nicht ordentlich einsortiert hast?«, witzelte Hawk.
»Nein, im Gegenteil.« Ein breites Grinsen schlich sich auf Earls Gesicht. »Er und Gladys gehen in Rente. Und er will, dass ich die Werkstatt übernehme.«
Anerkennend pfiff Blake durch die Zähne. »Das ist ja mal eine Neuigkeit.«
»Gratuliere, Mann!« Clint klopfte ihm auf die Schulter. »Das hast du dir verdient.«
Earl trank einen Schluck. »Danke, Jungs. Aber ehrlich gesagt …« Er zögerte. »Ich bin nicht sicher, ob ich der ganzen Sache gewachsen bin.«
»Ach komm«, winkte Hawk ab. »Natürlich schaffst du das.«
»Genau.« Blake nickte bestätigend. »Du bist der beste Mechaniker im Umkreis von hundert Meilen. Moe weiß schon, warum er dir die Werkstatt überlässt.«
»Ja, aber es gehört schon ein bisschen mehr dazu, das Geschäft zu führen«, erwiderte Earl und verzog den Mund. »Wegen der Reparaturen mache ich mir keine Gedanken. Aber der ganze Papierkram, und was da sonst noch so dranhängt.«
Beschwichtigend legte Clint ihm die Hand auf den Arm. »Mach dir keinen Kopf, das kriegst du schon hin. Und falls es doch mal ein Problem gibt, dann melde dich, ich helfe dir gerne – durch die Pferdezucht kenne ich mich mit geschäftlichen Abläufen aus.«
»Ja«, Blake nickte, »ich bin auch da, falls was sein sollte. Und wegen der Buchhaltung könntest du auch Kate fragen, ich bin sicher, dass sie dich da gerne unterstützen wird.«
Die aufmunternden Worte der Männer lösten Earls Anspannung ein wenig. Er kannte sie alle seit fast neun Jahren, und sie waren inzwischen zu echten Freunden geworden. Obwohl sie sich ständig gegenseitig neckten und aufzogen, waren sie immer füreinander da, wenn einer von ihnen Hilfe brauchte.
Ein dankbares Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. »Danke, Leute. Das bedeutet mir wirklich viel.«
»Können wir jetzt loslegen, bevor er vor lauter Rührung noch anfängt zu heulen?«, frotzelte Luke.
»Jaja, bin gleich fertig.« Glenn verteilte die letzten Karten. »Aber sag mal«, er warf Earl einen kurzen Blick zu, »willst du den ganzen Laden eigentlich alleine schmeißen? Ist doch ein bisschen viel für eine Person, oder?«
»Nein, zum Glück nicht.« Earl ordnete seine Karten. »Moe hat schon jemanden eingestellt, der in den nächsten Tagen anfängt.«
»Na also«, Hawk warf seine Chips in die Mitte, »dann ist doch alles in Butter.«
Earl nickte. »Ja, sieht ganz danach aus.«
***
Ein paar Tage später stand Earl unter einem aufgebockten Ford Mustang und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, als ein tiefes Knattern die Stille durchbrach. Der Sound war unverkennbar – ein klassischer V-Twin-Motor, kraftvoll und satt. Aber irgendwie anders als die üblichen Harley-Davidsons, die hier vorbeikamen.
Neugierig trat Earl unter dem Wagen hervor und wischte seine öligen Hände an einem Lappen ab. Als sein Blick durch die offene Tür der Werkstatt fiel, blieb er wie angewurzelt stehen.
Eine Indian Chief. Nicht irgendeine Indian Chief – eine aus den Fünfzigern, in makellosem Zustand. Nur die Farbe …
Earl blinzelte ungläubig. Das Motorrad war pink. Nicht dezent rosa oder altrosa, sondern knallig pink wie ein Flamingo auf Speed.
Wer zum Teufel tat einer solchen Maschine das an? Das war, als würde man einen Picasso in Neonfarben übermalen.
Eine schlanke Gestalt in schwarzer Motorradkluft und goldfarbenem Helm schwang elegant das Bein über den Sattel. Ohne zu zögern, marschierte der Fahrer ins Büro.
Immer noch staunend ließ Earl seinen Blick erneut über die Indian Chief gleiten. Eine echte Rarität, die man nicht alle Tage zu Gesicht bekam. Fast magnetisch angezogen trat er näher heran und beugte sich vor, um die Details zu studieren. Die individuelle Gestaltung war extravagant, aber professionell ausgeführt – von den handgefertigten Chromteilen bis zu den kunstvoll aufgetragenen Pinstripes auf der pinken Lackierung. Hier hatte jemand mit viel Liebe und Sachverstand gearbeitet.
»Earl! Komm mal rein.«
Moes Rufen riss ihn aus seiner Faszination. Earl richtete sich auf, schenkte der Indian einen letzten bewundernden Blick und ging ins Büro. Vermutlich wartete dort der Fahrer und brauchte einen Service oder eine Reparatur für das beeindruckende Gefährt. Vielleicht wollte er ja auch eine andere Lackierung – was zwar irgendwie schade, aber bei dem Pink durchaus verständlich wäre.
Als er durch die Tür trat, blieb er abrupt stehen. Der Fahrer war kein Er – sondern eine Sie. Eine junge Frau saß auf einem der abgenutzten Besucherstühle, die Hände locker auf die Knie gelegt. Ihr langer Zopf fiel über die schwarze Motorradkombi, der Helm stand neben ihr auf dem Boden.
Ungläubig starrte Earl sie an. Wie alt war sie? Durfte sie überhaupt schon ein Fahrzeug führen?
Moe lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück. »Earl, das hier ist Hallie Carter. Deine neue Kollegin.«
Eine Frau? In der Werkstatt? Earl schnappte nach Luft. Das musste ein schlechter Scherz sein. Er starrte auf ihre roten Haare, das zarte Gesicht, die porzellanartige Haut, die Sommersprossen. Sie sah aus wie ein Schulmädchen, das sich verlaufen hatte.
Seine Gedanken rasten. Wie sollte das funktionieren? Die schweren Reifen, die Motoren, die körperliche Arbeit. Kein Kunde würde sie ernst nehmen. Und überhaupt: Die ganze Situation war absurd. Vielleicht war das unfair – aber er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sie sich zwischen Reifenwechseln und öligen Bremsleitungen behaupten sollte.
»Wenn es okay ist, fange ich erst morgen an«, sagte Hallie mit einer Stimme, die überraschend selbstbewusst klang. »Ich muss mir noch eine Bleibe suchen.«
»Ach, das ist doch kein Problem.« Moe lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Augen funkelten auf eine Art, die Earl gar nicht gefiel. »Im Apartment über der Werkstatt ist noch ein Zimmer frei. Ist doch eine gute Lösung, oder, Junge?«
Jede Faser in Earls Körper sträubte sich gegen diese Worte. Seine Wohnung war sein Refugium, sein privater Rückzugsort. Der Gedanke, diese kleine Welt mit jemandem zu teilen – noch dazu mit einer Frau – ließ bei ihm alle Alarmglocken schrillen.
Irritiert schaute Hallie zwischen den beiden Männern hin und her.
Moe hob eine Augenbraue, als hätte er die Situation bereits entschieden.
Mit einem unterdrückten Seufzen presste Earl die Lippen aufeinander und zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck. Was blieb ihm auch übrig, wenn er nicht wie ein kompletter Arsch dastehen wollte. Zudem gehörte die Wohnung zur Werkstatt und Moe ließ ihn dort kostenlos wohnen – er hatte also gar nicht die Option, Nein zu sagen.
»Klar«, er rang sich ein Nicken ab, »kein Problem.«
***
Überglücklich strahlte Hallie Moe an und drückte seine raue Hand. »Danke für die Chance. Du wirst es nicht bereuen.«
»Ach was«, er winkte ab, »das wird schon. Mach dir keinen Kopf.« Moe deutete mit dem Kinn zur Tür. »Earl zeigt dir gleich alles – Wohnung, Werkstatt, wo du was findest. Frag ihn einfach, wenn du was brauchst.«
Hallie nickte, immer noch grinsend. Dann beeilte sie sich, Earl zu folgen, der aus dem Büro stapfte und mit großen Schritten den Hof überquerte. Seine breiten Schultern waren angespannt, der Gang steif. Er hielt auf ein Nebengebäude zu, durch dessen offenes Tor sie einen aufgebockten Mustang erkennen konnte – zweifellos die Werkstatt.
Rasch löste sie die schweren Satteltaschen von ihrer Indian Chief, hievte sie über die Schulter und schnappte sich dann noch die große Reisetasche vom Gepäckträger.
Ohne sich auch nur einmal umzudrehen, stieg Earl die metallene Außentreppe an der Werkstatt hoch. Seine Gleichgültigkeit war wie eine kalte Dusche nach der herzlichen Begrüßung durch Moe. An der Wohnungstür fummelte er mit dem Schlüssel herum, stieß sie auf und verschwand im Inneren.
Mit ihrem Gepäck kämpfend keuchte Hallie hinterher, ohne etwas von ihrer Umgebung wahrzunehmen – seine langen Schritte ließen ihr keine Zeit zum Schauen.
»Hier.« Das erste Wort seit ihrer Vorstellung unten im Büro. Er riss eine Tür auf und deutete hinein.
Neugierig trat Hallie über die Schwelle und blieb dann wie angewurzelt stehen. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Das sollte ihr Zimmer sein? Überall türmten sich Kartons, in der Ecke lehnte ein Stapel alte Reifen. Und dieses merkwürdige Metallgebilde an der Wand – war das mal ein Motorrad gewesen?
Earl schob halbherzig ein paar Kisten mit dem Fuß zur Seite. »Ich räume das die nächsten Tage weg.« Seine Stimme klang betont neutral, als er hinzufügte: »Ich hatte ja nicht mit Besuch gerechnet.«
Der passiv-aggressive Unterton war kaum zu überhören und sie hob eine Augenbraue. »Wenn das ein Problem ist, sags ruhig. Dann suche ich mir einen anderen Schlafplatz.«
Er erwiderte nichts – aber der harte Zug um seinen Mund sprach Bände. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, während er offensichtlich nach einer diplomatischen Antwort suchte.
Schließlich seufzte er. »Nein, schon gut.« Mit einem gemurmelten »Ich habe noch zu tun, bis dann« verschwand er und zog die Tür ins Schloss.
Als seine Schritte verklungen waren, ließ Hallie ihre Satteltaschen auf den Boden fallen. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, begab sie sich auf eine kleine Erkundungstour durch die Wohnung.
Der Anblick, der sich ihr bot, war genau das, was sie von einer Junggesellenbude erwartet hatte. In der Küche türmte sich benutztes Geschirr im Waschbecken, die Klobrille war wie eine Flagge der männlichen Vorherrschaft nach oben geklappt, und auf dem alten Lehnsessel neben der Couch lag ein zerknülltes T-Shirt.
Sie blieb mitten im Raum stehen und ließ die Situation auf sich wirken. War das wirklich eine gute Idee gewesen? Aber Moe war der Einzige, der ihr überhaupt eine Chance gegeben hatte, und das auch nur, weil er weitläufig mit ihrem Vater verwandt war.
Sie könnte jetzt aufgeben. Ihre Sachen packen, sich ein Motel suchen und irgendwo an einer Supermarktkasse landen. Oder sie biss sich durch und kämpfte für ihren Traumjob.
Entschlossen schüttelte sie den Kopf. »Wenn dieser Kerl glaubt, ich haue wieder ab, hat er sich geschnitten.«
***
Unterdessen stapfte Earl in Moes Büro, seine Schritte hallten auf dem Betonboden wider.
Sein Mentor saß hinter seinem Schreibtisch, eine dampfende Tasse Kaffee vor sich, und blätterte in Rechnungen.
»Wir müssen reden.« Earl schloss die Tür. »Diese Hallie … ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«
Moe sah nicht einmal von seinen Papieren auf. »Ach?«
»Sie ist so zierlich. Wie soll sie denn schwere Teile heben oder Reifen wechseln?« Earl fuhr sich durchs Haar. »Und was werden die Kunden sagen? Die wollen einen richtigen Mechaniker, keine … na ja, du weißt schon.«
»Nein, was denn?« Moe nahm einen bedächtigen Schluck aus seiner Tasse.
»Eine Frau! Die Leute werden uns nicht mehr ernst nehmen.«
»Der Vertrag ist unterschrieben«, sagte Moe gelassen und lehnte sich zurück. »Sie fängt morgen an.«
Earl stöhnte. »Kannst du das nicht rückgängig machen?«
»Nein. Außerdem ist Hallie die Tochter meiner Cousine zweiten Grades.«
»Was?« Earl starrte ihn ungläubig an. Jetzt ergab alles einen Sinn – sie hatte den Job nur bekommen, weil sie zur Familie gehörte. »Also war es eine reine Gefälligkeit?«
Achselzuckend widmete Moe sich wieder seinen Unterlagen.
Mit zusammengepressten Lippen drehte Earl sich um und verließ das Büro. Er überquerte den Hof, während der Ärger in ihm brodelte. Vitamin B öffnete eben alle Türen – selbst die zu seiner Werkstatt.
Missmutig schlurfte er die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, den Kopf voller düsterer Gedanken über Moe und seine neue »Kollegin«. Seine Schultern schmerzten von der Arbeit unter dem Mustang, und sein Nacken fühlte sich steif an. Eine heiße Dusche, ein kaltes Bier und seine vertraute Couch, das war alles, was er jetzt brauchte.
Als er die Tür öffnete, erstarrte er. »Was zum …?!«
Vor seiner Schlafzimmertür türmten sich seine Sachen wie eine Miniatur-Skyline. Kisten, alte Reifen, das Motorradteil, an dem er seit Monaten herumbastelte, alles war fein säuberlich aufgestapelt, als hätte jemand Tetris damit gespielt.
Mit offenem Mund starrte er auf das seltsam strukturiert wirkende Chaos. Seine Finger verkrampften sich um den Schlüsselbund.
Im Bad erwartete ihn der nächste Schock. Ein handgeschriebener Zettel hing über der Klobrille wie eine königliche Proklamation: »Bitte hinsetzen!«
Earl kniff sich in den Nasenrücken. Das musste ein schlechter Scherz sein.
In der Küche wurde es nicht besser. Sein schmutziges Geschirr stand noch da, wo er es verlassen hatte. Aber an der Kühlschranktür prangte eine penibel gestaltete Tabelle. Ein Putzplan. Mit Aufgaben. Und Terminen.
»Du machst Witze«, murmelte er und öffnete den Kühlschrank.
Die Fächer waren mit Namensschildern versehen. Earl. Hallie. Säuberlich getrennt wie bei einem geschiedenen Ehepaar.
Am liebsten hätte er alles herausgerissen und diesem rothaarigen Eindringling erklärt, dass hier seine Regeln galten. Aber dann würde sie sich garantiert bei Moe beschweren, und er wollte keinen Streit mit dem alten Mann, dafür schätzte er ihn zu sehr.
Resigniert schnappte er sich eine Dose Bier und ließ sich mit einem schweren Seufzer auf die Couch fallen. Mit einem Ruck zog er die Lasche auf und nahm einen langen Schluck. Was kam als Nächstes? Essensgong und Hausschuhpflicht? Vielleicht sollte er seine Eier künftig gleich an der Haustür abgeben.
Kapitel 2
Schlaflos wälzte Hallie sich in dem fremden Bett hin und her. Das Kissen roch nach einem strengen Waschmittel, die Matratze war zu weich, und jedes Mal, wenn das alte Haus ein Geräusch von sich gab, schreckte sie auf. Nach dem anstrengenden Tag hatte sie gehofft, einfach ins Bett zu fallen und durchzuschlafen, aber ihre Gedanken ließen sie nicht zur Ruhe kommen.
Als sie am nächsten Morgen verschlafen aus ihrem Zimmer trottete, saß Earl bereits an der kleinen Frühstückstheke. Seine breiten Schultern waren über sein Smartphone gebeugt, während er gedankenverloren an seiner Kaffeetasse nippte.
»Guten Morgen«, grüßte sie freundlich.
Ein unverständliches Brummen war die einzige Antwort. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, scrollte er weiter auf seinem Handy.
Hallie betrachtete ihn einen Moment lang. Seine blonden Haare standen in alle Richtungen ab, als wäre er gerade erst aufgestanden. Sein Gesicht wirkte noch verschlafen, aber selbst mit den müden Augen hatte er etwas an sich, das sie kurz innehalten ließ. Gleichzeitig fragte sie sich, ob seine morgendliche Wortkargheit nur ihr galt oder ob er generell kein Frühaufsteher war.
Mit einem Schulterzucken ging sie ins Bad. Als sie die Tür öffnete, blieb ihr Blick an der hochgeklappten Klobrille hängen.
Sie schnaubte leise. Das war ja wohl kaum ein Zufall. Eine klassische provokative Botschaft à la »Hier wohnt ein Mann«. Wahrscheinlich erwartete er, dass sie sich darüber aufregte. Aber sie würde ihm diesen Gefallen nicht tun. Wenn er glaubte, sie mit solchen Kindereien vertreiben zu können, lag er falsch.
Nach einer schnellen Dusche zog Hallie eine ihrer Latzhosen und ein frisches Ringelshirt an.
Als sie wenig später ins Büro kam, standen Moe und Earl bereits über den Schreibtisch gebeugt. Eine Liste lag zwischen ihnen, während sie die anstehenden Reparaturen durchgingen.
Moe blickte auf. »Na, wie war deine erste Nacht?«
»Alles super«, antwortete Hallie prompt. Sie bemerkte, wie sich Earls Augenbrauen hoben – offensichtlich hatte er mit Beschwerden gerechnet.
Mit einem verschmitzten Lächeln nickte Moe in Earls Richtung. »Er zeigt dir die Werkstatt.«
Prompt verzog Earl das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Ohne ein Wort drehte er sich um und stapfte über den Hof, Hallie eilte hinter ihm her.
In der Werkstatt hielt er so abrupt inne, dass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre.
Lustlos deutete er in verschiedene Richtungen. »Hebebühne. Grube. Werkzeug.« Dann wandte er sich einem Auto zu, das in der Halle geparkt war und ließ sie einfach stehen.
Hallie blinzelte verwirrt. Das war’s? Keine Erklärung der Abläufe, keine Einweisung in die Besonderheiten der Werkstatt?
»Und was soll ich tun?«, fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
»Werkzeug sortieren.«
Sein Tonfall klang neutral, aber Hallie verstand die eigentliche Botschaft dahinter: Bleib mir aus dem Weg.
Sie erwog kurz, ihm die Meinung zu geigen, entschied sich jedoch dagegen. Eine Konfrontation würde jetzt nichts bringen. Wenn er glaubte, sie mit Handlangerarbeiten abspeisen zu können, hatte er sich getäuscht. Sie würde einen anderen Weg finden, ihn zu überzeugen.
Also schnappte sie sich eine Werkzeugkiste, hockte sich neben die Werkbank und begann zu sortieren. Ihre Gelegenheit würde kommen.
***
Unauffällig beobachtete Earl, wie Hallie den Werkstattboden fegte – zum dritten Mal an diesem Tag. Mit zusammengekniffenen Augen registrierte er ihr fröhliches Summen. Wie konnte jemand beim Kehren so verdammt gut drauf sein?
»Wenn du fertig bist, füll die Ölkanister auf. Alle.« Er deutete auf die lange Reihe leerer Behälter.
»Klar.« Sie lächelte und schulterte den Besen. »Mach ich gerne.«
Gerne? Er knirschte mit den Zähnen. Die letzten Tage hatte er sie stundenlang Werkzeug putzen und das komplette Ersatzteillager neu sortieren lassen. Aber nichts schien ihren Enthusiasmus zu dämpfen.
Zu Hause war es nicht besser. Seine demonstrative Missachtung ihrer Hausordnung prallte an ihr ab wie ein Flummi von einer Betonwand. Der Putzplan hing immer noch akkurat an der Kühlschranktür, obwohl Earl keinen einzigen Haken gesetzt hatte. Das Gerümpel, das er aus Protest ins Wohnzimmer geschoben hatte, stand unkommentiert in der Ecke. Selbst die hochgeklappte Klobrille quittierte sie mit Schweigen.
In der Werkstatt summte Hallie weiter vor sich hin, während sie methodisch einen Kanister nach dem anderen füllte.
Mit verschränkten Armen lehnte Earl sich gegen einen Pfosten. Das kleine Grinsen auf ihrem Gesicht trieb ihn in den Wahnsinn. Als hätte sie alle Zeit der Welt, als wäre das hier ein verdammter Disneyland-Werbespot.
So ging das nicht weiter. Er brauchte einen anderen Plan. Diese Frau war offensichtlich immun gegen seine bisherigen Versuche, sie zu vergraulen. Zeit für härtere Maßnahmen. Der alte John Deere stand seit gestern in der Werkstatt – ein Koloss von einem Traktor mit Hinterrädern, die selbst ihm Respekt einflößten.
»Hallie?« Er deutete auf das grün-gelbe Ungetüm. »Der braucht neue Reifen. Alle vier.«
Gespannt beobachtete er ihre Reaktion, rechnete mit einem Zögern, mit einem Anflug von Unsicherheit. Doch sie nickte nur, als hätte er ihr gerade den Einkaufszettel vorgelesen, und griff nach dem Werkzeug.
Abwartend lehnte er sich gegen die Werkbank, bereit für die Show. Das würde sie an ihre Grenzen bringen. Diese Reifen waren schwerer als sie selbst.
Sekunden später klappte ihm beinahe die Kinnlade herunter.
Hallie ging die Aufgabe mit einer Systematik an, die ihn verblüffte. Ihre Bewegungen waren präzise, jeder Handgriff saß. Der Wagenheber wurde perfekt positioniert, die Schrauben routiniert gelöst. Sie wuchtete den ersten Reifen zur Seite, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ihre Technik war makellos – sie nutzte ihr Körpergewicht als Hebel, bewegte sich mit dem Schwerpunkt.
Earls triumphierendes Grinsen verblasste.
Schweigend arbeitete sie weiter, Rad für Rad. Kein Keuchen, kein Jammern, nicht einmal ein Stirnrunzeln.
Als sie den letzten Reifen montierte und die Schrauben mit dem Drehmomentschlüssel anzog, wusste er, dass sein Plan gescheitert war. Hallie hatte die Aufgabe nicht nur bewältigt – sie hatte sie gemeistert.
Verdammt.
Nun gut. Ewig würde sie das nicht durchhalten. Nicht mehr lange, und sie würde das Handtuch werfen, davon war Earl überzeugt.
Doch weitere Tage vergingen – und Hallie Carter war immer noch da. Immer noch summend. Immer noch lächelnd. Immer noch unkaputtbar.
Unruhig tigerte Earl in der Werkstatt umher. Er wartete darauf, dass Hallie sich bei Moe über die fortwährenden Schikanen beschwerte. Doch sie tat nichts dergleichen. Stattdessen stand sie an der Hebebühne und checkte die Bremsen eines Chevrolets, während sie Sweet Home Alabama vor sich hin summte.
Er rieb sich über das stoppelige Kinn. Gestern hatte er ihr die Reinigung des verstopften Ölabscheiders aufgetragen. Eine Drecksarbeit, bei der selbst ihm übel wurde. Ihre Reaktion? Ein fröhliches »Klar, mach ich« und dieses verdammte Lächeln.
Vorgestern hatte er sie den kompletten Tag Reifen wuchten lassen. Dutzende davon. Sie hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt.
Gegen seinen Werkstattwagen gelehnt beobachtete Earl, wie sie methodisch die Bremsbeläge prüfte. Ihre geflochtenen Zöpfe wippten im Takt ihrer selbst gesummten Melodie.
Langsam dämmerte es ihm und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
Sie würde nicht aufgeben.
Sie würde sich nicht beschweren.
Sie würde einfach weitermachen, Tag für Tag, mit diesem unerschütterlichen Lächeln im Gesicht.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag mit dem Schraubenschlüssel: Hallie Carter war gekommen, um zu bleiben. Keine seiner miesen Aufgaben würde sie vertreiben, keine noch so große Herausforderung würde sie zum Aufgeben bringen.
Sie war wie ein Ölfleck auf seinem liebsten T-Shirt – unmöglich loszuwerden.
Earl stöhnte innerlich. Ab jetzt würde er täglich dieses Summen ertragen müssen, diese penetrante gute Laune, diese … diese … Kompetenz.
Hallie drehte sich zu ihm um, einen Bremsbelag in der Hand. »Hey Earl, die hier sind fertig. Was kommt als Nächstes?«
Er schluckte schwer. Für immer und ewig.
***
Entspannt lehnte Earl am Tresen des Naughty Moose und genoss die wohlverdiente Ruhe des Samstagabends. Eine Woche voller Arbeit und dieser nervtötend gutgelaunten Hallie lag hinter ihm. Hier konnte er endlich durchatmen und sich entspannen.
Rusty, der wie immer geschäftig hinter dem Tresen herumhantierte, schob ihm wortlos ein frisch gezapftes Bier zu. Earl nickte dankbar und nahm einen großen Schluck. Die kühle Flüssigkeit rann durch seine Kehle, während er die ausgelassene Atmosphäre in der Bar aufsog.
Um ihn herum wogte das übliche Samstagsgetümmel. Zwei Bedienungen balancierten geschickt volle Tabletts durch die Menge. An den Tischen brach immer wieder Gelächter aus, am anderen Ende der Bar diskutierten einige Cowboys hitzig über Rodeos.
Die Country-Band im Nebenraum spielte Sweet Home Alabama – ausgerechnet. Earl verzog das Gesicht. Selbst hier verfolgte ihn Hallies ewiges Summen. Die Tanzfläche war zum Bersten gefüllt. Stiefel stampften im Takt, Cowboyhüte wippten auf und ab. Ein typischer Tanzabend im Naughty Moose – und genau das, was er brauchte.
Mit den Biergläsern in der Hand standen seine Kumpels um ihn herum und diskutierten über den anstehenden Talentwettbewerb.
»Trent wird wieder seine Elvis-Nummer abziehen, oder?«, fragte Clint und schob seinen Stetson in den Nacken.
»Hundertprozentig«, bestätigte Hawk. »Ich schwöre, wenn der Kerl noch einmal Love Me Tender zum Besten gibt, werfe ich Tomaten.«
Unwillkürlich musste Earl grinsen. Letztes Jahr hatte Trent, sonst ganz der seriöse Anwalt, tatsächlich in einem weißen Glitzeranzug auf der Bühne gestanden. Das Bild hatte sich offenbar nicht nur in sein Gehirn eingebrannt.
»Würde mich nicht wundern, wenn Trevor und Colin wieder ihren Comedy-Auftritt bringen«, warf Glenn ein und schüttelte den Kopf. »Die beiden halten sich für die neuen Blues Brothers.«
Earl trank einen großen Schluck von seinem Bier und lauschte dem Geplänkel seiner Freunde. Die Anspannung der letzten Tage fiel allmählich von ihm ab – bis ein weiterer Cowboy namens Quinn sich an ihn wandte.
»Sag mal, kann ich meinen Wagen nächste Woche zum Ölwechsel vorbeibringen?«
»Ja, sicher«, sagte Earl missmutig, »Hallie wird das schon erledigen – mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen.«
»Hallie?« Clint runzelte die Stirn. »Wer ist Hallie?«
»Meine neue Kollegin.« Earl spuckte die Worte förmlich aus. »Moe hat sie eingestellt und darüber hinaus auch noch bei mir im Apartment über der Werkstatt einquartiert. Und wisst ihr was? Sie hat mir einen Putzplan in die Küche gehängt! Einen Putzplan!«
»Ist sie wenigstens heiß?«, fragte Hawk mit einem breiten Grinsen.
Earl verdrehte die Augen. »Darum gehts doch nicht. Diese Frau ist überall. Ich kann sie nicht loswerden. In der Werkstatt. In meiner Wohnung. In meinem Badezimmer und sogar in meinem verdammten Kühlschrank.«
»Harte Nummer.« Quinn konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Also keine romantischen Vibes?«
»Romantik?« Earl schnaubte verächtlich. »Ich bin heilfroh, sie heute Abend nicht an der Backe zu haben.«
In diesem Moment tippte ihm jemand auf den Rücken. Er drehte sich um und erstarrte mitten in der Bewegung, das Bierglas auf halbem Weg zu seinen Lippen.
Da stand sie.
Hallie.
Mit ihren zwei geflochtenen Zöpfen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht. »Hi«, grüßte sie ihn, so selbstverständlich, als wären sie miteinander verabredet.
Mit zusammengepressten Lippen starrte er in sein Bierglas und wünschte sich, er könnte darin verschwinden. Der Abend war gelaufen.
Seine Schultern verkrampften sich, als Hallie sich neben ihn an den Tresen schob.
»Ich hatte ja keine Ahnung, dass du auch hier bist«, plapperte sie los und gab Rusty mit einer Geste zu verstehen, dass sie bestellen wollte. »Kommst du öfter her?«
Earl brummte etwas Unverständliches in sein Bier. Vielleicht würde sie ja von alleine wieder verschwinden, wenn er sie lange genug ignorierte.
Doch Hallie schien seine abweisende Haltung nicht zu bemerken – oder es war ihr schlicht egal. »Ist ja richtig was los heute Abend«, fuhr sie munter fort und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. »Erinnert mich total an O’Malleys, die Bar in meiner Heimatstadt. Da war samstags auch immer die Hölle los.«
Seine Freunde grinsten amüsiert. Hawk stieß Quinn den Ellbogen in die Seite und zog vielsagend die Augenbrauen hoch.
»Na dann, viel Spaß, Kumpel«, sagte Clint und klopfte ihm grinsend auf die Schulter.
Earl spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Das war sein Revier, sein Zufluchtsort. Und jetzt stand Hallie hier, als gehöre sie dazu, und plauderte einfach drauflos, als wären sie beste Freunde.
Frustriert hob er sein Bierglas und nahm einen tiefen, langen Schluck. Es gab kein Entkommen.
***
Die Abendsonne tauchte die Mainstreet von Elkpoint in warmes Licht, als Hallie die Straße entlang schlenderte. Die bunten Fassaden der Geschäfte leuchteten in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, während sich die majestätischen Rocky Mountains im Hintergrund gegen den Himmel abzeichneten.
Hallie blieb vor dem Schaufenster des Coiffeur & Beauty Salons stehen, wo eine altmodische Frisierpuppe mit einer gewagten Hochsteckfrisur thronte. Auf der anderen Straßenseite lockte Salinger’s Store mit seiner bunten Auslage, die von Konservendosen bis zur Angelausrüstung reichte. Ein Stück weiter die Straße hinauf gab es eine Apotheke, eine Filiale der Farmers National Bank und sogar ein kleines Kino, dessen nostalgische Leuchtreklame für einen älteren Actionfilm warb.
Schräg gegenüber vom Rathaus mit seinem imposanten Glockenturm entdeckte Hallie eine Bar namens Naughty Moose. Durch die beschlagenen Fenster drang gedämpfte Countrymusik, begleitet von ausgelassenem Gelächter.
Sie blieb stehen und lauschte. Ob sie hineingehen sollte? Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, auszugehen – aber warum nicht? Nach einer nervtötenden Woche mit Earl hatte sie sich etwas Spaß verdient.
Entschlossen stieß sie die Tür auf und betrat das Lokal. Der süßliche Geruch von Bier und Whiskey, vermischt mit dem Aroma von fettigen Onion Rings, schlug ihr entgegen. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an das schummrige Licht zu gewöhnen, dann ließ sie ihren Blick schweifen.
An den rustikalen Holztischen saßen die Gäste eng beieinander, ihre Köpfe zusammengesteckt, um sich über die dröhnende Countrymusik hinweg zu unterhalten. Gelächter und Gesprächsfetzen vermischten sich mit dem Klirren von Biergläsern. Die lange Theke war von Männern in Karohemden und Cowboyhüten gesäumt.
Durch einen breiten Durchgang konnte Hallie in den Nebenraum spähen, wo sich Paare zu den Klängen einer Liveband drehten. Unzählige Stiefelpaare stampften rhythmisch im Takt von Tim McGraws I Like It, I Love It über den abgewetzten Holzboden.
Ein warmes Gefühl der Vertrautheit durchströmte sie. Die Atmosphäre erinnerte sie an die kleinen Bars in ihrer Heimatstadt, wo sie sich oft mit ihren Freunden getroffen hatte. Hier in Elkpoint schien die Zeit stehengeblieben zu sein – aber genau das gefiel ihr.
Dann entdeckte sie Earl. Er lehnte an der Theke, ein Bier in der Hand, umringt von einer Gruppe Cowboys. Sie bahnte sich einen Weg durch das Getümmel und tippte ihm auf die Schulter.
Er drehte sich um und sein Lächeln gefror. Seine Augen weiteten sich, als hätte er einen Geist gesehen.
Ein freches Grinsen schlich sich auf Hallies Gesicht. »Hi«, grüßte sie ihn überschwänglich, als wären sie die besten Freunde.
Die Männer um Earl herum grinsten noch breiter. Einer stieß seinem Nachbarn den Ellbogen in die Seite, ein anderer versuchte erfolglos, ein Lachen zu unterdrücken. Ihr war klar, dass Earl von ihr erzählt hatte – und vermutlich waren es keine Lobeshymnen gewesen.
Sie plauderte munter weiter und beobachtete dabei amüsiert, wie Earl sich unter den Blicken seiner Freunde wand.
»Willst du es nicht mit deinem üblichen Spruch versuchen?«, fragte einer der Cowboys und zwinkerte Earl zu.
Ein anderer räusperte sich theatralisch. »Hi, ich bin Earl«, säuselte er Hallie übertrieben charmant zu. »Ich arbeite bei Moe’s Fuel & Repair, und falls Sie jemals abgeschleppt werden wollen, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.«
Die Männer lachten lauthals, Earl knurrte ein bissiges »Sehr witzig, du Holzkopf.«
»Oder du erzählst ihr einen deiner furchtbaren Kalauer«, warf ein anderer amüsiert ein. »Damit schlägst du sie garantiert in die Flucht.«
Hallie hob interessiert eine Augenbraue. Der sonst so schlagfertige Earl wirkte plötzlich wie ein hilfloser Schuljunge. Fast tat er ihr leid. Fast.
Sie trat näher heran. »Ich kenne einen Witz über Cowboys.«
Die Männer verstummten schlagartig. Alle Augen richteten sich auf sie und sie grinste breit.
»Warum sind Cowboys keine guten Liebhaber? – Weil sie glauben, dass ein guter Ritt acht Sekunden dauert.«
Ohne eine Miene zu verziehen, starrten die Männer sie schweigend an.
Die Stille dehnte sich wie ein Gummiband und Hallie hielt unbewusst den Atem an. Vielleicht war der Witz doch zu gewagt gewesen.
Aber dann platzte es aus einem der Cowboys heraus. Er prustete los, und wie bei einem Domino-Effekt brachen die anderen ebenfalls in schallendes Gelächter aus. Selbst Earl konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, auch wenn er versuchte, es hinter seinem Bierglas zu verstecken.
»Ich glaube, die Kleine ist hier goldrichtig«, sagte einer der Männer, während er sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel wischte. Dann trat er auf Hallie zu. »Was hältst du von einem Tanz?«
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