Das Herz des Rinderbarons

Ebook & Taschenbuch

Cover Ebook Das Herz des Rinderbarons

ab 29. Oktober 2026

Inhalt

Nach einem schweren Schicksalsschlag nimmt Frances Bailey eine Stelle als Haushälterin beim Vater ihrer besten Freundin an. Gregory Cantrell ist attraktiv, einflussreich und ein Mann, der immer bekommt, was er will. Als er beginnt, Frances zu umwerben, wird aus ihrer heimlichen Schwärmerei für ihn plötzlich Wirklichkeit – doch nicht jede Liebe beruht auf ehrlichen Absichten …

 

Themen: Liebesroman, Small Town Romance, Cowboy Romance, Age Gap Romance, Marriage Of Convenience, He Falls Harder, Unrequited Love, Reluctant Lover

Leseprobe

Kapitel 1

Die Septembersonne fiel durch die Vorhänge und warf lange Schatten in das kleine Schlafzimmer. Frances blieb an der Schwelle stehen, die Hand auf der Türklinke. Neben dem Bett stand immer noch das Sauerstoffgerät, auf dem Nachttisch lagen ein Inhalator und eine Lesebrille. Der Geruch nach Schweiß und Medikamenten hing in der Luft, als wäre ihr Vater nur für einen Moment hinausgegangen.

»Es kommt mir komisch vor, so kurz nach seinem Tod in seinen Sachen herumzuwühlen«, murmelte sie.

Ihre beste Freundin Tammy legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. »Ja, das glaube ich dir. Aber du musst dich um einiges kümmern, und je eher du es hinter dir hast, desto besser.«

»Ich weiß.«

Frances zwang sich, einen Schritt nach vorn zu machen. Die Holzdielen unter ihren Füßen knarrten, als sie langsam auf den Kleiderschrank zuging. Sie öffnete die Tür und ein vertrauter Geruch schlug ihr entgegen: eine Mischung aus dem herben Rasierwasser, das ihr Vater benutzt hatte, seit sie sich erinnern konnte, und dem trockenen Duft von Zedernholz. Seine Hemden hingen ordentlich aufgereiht auf Bügeln, daneben Jacken und Hosen. In den Regalfächern lagen sauber zusammengefaltete Pullover und T-Shirts.

»Er war immer so pingelig mit seiner Kleidung«, flüsterte sie und strich über den Stoff des einzigen Anzugs, den er besessen hatte.

Tammy setzte sich auf die Bettkante. »Erinnerst du dich noch, wie er sich jeden Sonntagmorgen für die Kirche herausgeputzt hat?«

»Auch wenn er die letzten Jahre kaum noch hingegangen ist.« Frances’ Stimme brach. Es fiel ihr immer noch schwer zu begreifen, wie schnell es zu Ende gegangen war. Obwohl klar gewesen war, dass er sterben würde, hatte sie doch bis zum Schluss gehofft, noch mehr Zeit zu haben.

Sie streckte sich auf die Zehenspitzen und zerrte an einer großen Pappkiste, die ganz hinten auf dem obersten Regalbrett stand.

»Vorsichtig!« Tammy sprang auf und half ihr, die überraschend schwere Kiste herunterzuheben.

Gemeinsam setzten sie sich aufs Bett, den Karton zwischen sich. Frances öffnete den Deckel und ein Ordner mit der Aufschrift »Wichtige Papiere« kam zum Vorschein. Darunter lagen mehrere in Leder gebundene Fotoalben.

»Oh Gott.«

Sie schlug das oberste Album auf und blätterte durch die Seiten. Auf den ersten Bildern lächelten ihre Eltern ihr entgegen, jung und strahlend vor Glück. Das Haar ihres Vaters war noch voll und dunkel, seine Augen funkelten, während er ihre Mutter fest an sich drückte.

»Sieh dir das an«, flüsterte sie. »Sie waren so verliebt.«

»Dein Dad war ja richtig gutaussehend.« Tammy beugte sich näher heran. »Und deine Mom … wow.«

Frances blätterte weiter. Ihre Mutter stand in einem geblümten Kleid vor einem Apfelbaum, die Hände liebevoll auf ihrem stark gerundeten Bauch. Der Wind hatte ihre langen, blonden Haare zerzaust, und sie strahlte voller Glück.

Die nächsten Seiten zeigten Frances als winziges Baby in den Armen ihres Vaters. Er hielt sie, als wäre sie aus Porzellan, sein Gesicht eine Mischung aus Ehrfurcht und leichter Panik.

»Er sieht aus, als hätte er Angst, dich fallen zu lassen«, stellte Tammy fest.

Frances lachte leise. »Wahrscheinlich hatte er das auch.«

Auf den weiteren Bildern wurde ihr Vater mutiger. Da saß sie als Kleinkind auf seinen Schultern, ihre kleinen Fäuste in seinem Haar vergraben, während er sie durch den Garten trug. Auf einem anderen Foto plantschten sie zusammen in einem aufblasbaren Pool, beide tropfnass und grinsend.

Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen, und Tammy legte einen Arm um sie. »Er hat dich so geliebt.«

Frances nickte stumm und blätterte weiter. Geburtstage, Schulaufführungen, ihr Abschlussball – jeder wichtige Moment ihres Lebens war hier festgehalten.

Schließlich schloss sie die Alben und entdeckte darunter einen Stapel vergilbter Briefe, die sorgfältig mit einem roten Seidenband zusammengebunden waren. Die Tinte auf den Umschlägen war verblasst, aber noch lesbar.

Sie nahm den Inhalt aus dem obersten Kuvert und ihr sprang sofort die schwungvolle Handschrift ihres Vaters ins Auge.

Meine liebste Sarah, seit unserem ersten Kuss kann ich an nichts anderes denken …

Schnell klappte Frances den Brief wieder zu. »Das sind Liebesbriefe.«

»Von deinen Eltern?« Neugierig lugte Tammy über ihre Schulter.

»Ja.« Frances nahm den ganzen Stapel in die Hand und betrachtete die Kuverts. Manche trugen Poststempel, einige waren nie versendet worden. »Aus der Zeit, als sie noch zusammen waren.« Vorsichtig band sie das Seidenband wieder um die Briefe. »Ich werde sie Mom schicken.«

Tammy hob eine Augenbraue. »Glaubst du wirklich, dass sie die haben will? Immerhin hat sie deinen Dad damals für einen anderen Mann verlassen.«

Der Stich in Frances’ Brust war scharf und vertraut. »Keine Ahnung«, murmelte sie achselzuckend, »aber ich werde sie fragen.«

Sie legte die Briefe beiseite und öffnete den Ordner. Ihr Vater hatte alles säuberlich abgeheftet: Geburtsurkunden, Sterbeurkunden ihrer Großeltern, Versicherungspolicen, Bankunterlagen, sein Testament, das sie als Alleinerbin auswies. Jedes Dokument steckte in einer durchsichtigen Hülle, beschriftet mit seiner ordentlichen Blockschrift.

»Dein Dad war wirklich organisiert«, bemerkte Tammy.

Frances nickte. »Ja, das war er schon immer.«

Sie blätterte weiter und stellte fest, dass für sie nicht viel zu tun war. Das Testament bei Gericht einreichen, ein paar Anrufe wegen Strom, Gas und anderer laufender Verträge, ansonsten schien alles geregelt zu sein.

Weiter hinten im Ordner stieß Frances auf die Unterlagen zu Haus und Grundstück. Die Hypothek war bereits vor mehreren Jahren vollständig abbezahlt worden, sodass sie sich darum auch keine Sorgen machen musste.

Dann entdeckte sie ein vergilbtes Dokument, dessen Schrift stark verblasst und kaum noch zu lesen war. Es knisterte leise, als sie es vorsichtig aus der Hülle zog.

»Was ist das denn?«, murmelte sie und hielt das Papier ins Licht.

Es war eine Besitzurkunde für 48 Acres unbebautes Land am Big Fall Lake in Custer County, Idaho. Sie war auf 1952 datiert und ausgestellt auf den Namen Margaret Whitaker.

Interessiert beugte Tammy sich vor und studierte das Dokument. »Wer ist Margaret Whitaker?«

»Ich glaube, meine Grandma, also die Mutter meines Vaters, hieß mit Mädchennamen Whitaker.« Frances blätterte zu den Urkunden zurück. »Ja, hier ist die Geburtsurkunde: Charlotte Whitaker. Und als Eltern sind Margaret und John Whitaker eingetragen. Also muss sie meine Urgroßmutter gewesen sein.«

Nachdenklich betrachtete Tammy die Besitzurkunde. »Der Big Fall Lake ist nicht allzu weit entfernt in den Bergen. Und 48 Acres sind eine Menge Land, das sind knapp 20 Hektar.«

»Das stimmt. Aber was macht so ein altes Dokument in Dads Unterlagen?« Frances drehte das Blatt um, in der Hoffnung, weitere Hinweise zu finden, doch die Rückseite war leer.

»Du solltest in den nächsten Tagen nach Challis zur County-Verwaltung fahren«, schlug Tammy vor und tippte auf das vergilbte Papier. »Vielleicht kann man dir dort sagen, was es damit auf sich hat.«

Frances nickte. »Gute Idee, das mache ich.«

Behutsam legte sie alles zurück in die Kiste. Lediglich den Ordner mit den Dokumenten behielt sie draußen und nahm ihn mit ins Wohnzimmer.

»Ich mache uns einen Kaffee«, bot sie an.

In der Küche füllte sie die Kaffeemaschine mit Wasser und zählte das Pulver ab. Mit einem leisen Blubbern nahm das Gerät seine Arbeit auf, und ein aromatischer Duft breitete sich aus.

»Wie weit seid ihr mit eurer Ranch?«, wollte Frances wissen, während sie zwei Tassen aus dem Schrank holte.

Tammy ließ sich auf einen der Stühle am Küchentisch fallen und stöhnte. »Auf den Weiden ist noch so viel zu tun, dass wir manchmal nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Wir sind seit Tagen damit beschäftigt, die Zäune instand zu setzen, bevor wir überhaupt daran denken können, die ersten Rinder zu holen.«

Lachend goss Frances den Kaffee ein, füllte eine Glasschale mit Cookies und stellte alles auf den Tisch. »Das klingt nach viel Arbeit und wenig Romantik für zwei frisch Verliebte«, meinte sie, während sie sich der Freundin gegenübersetzte. »Wie läuft es zwischen euch beiden?«

Tammys Augen leuchteten auf. »Ehrlich gesagt war ich noch nie so glücklich. Jax ist …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Er ist so ruhig und besonnen. Nach all dem Drama mit meiner Familie tut es gut, jemanden zu haben, der einen erdet.«

»Klingt perfekt.«

»Ist es auch. Alles. Also ich meine …« Tammys Wangen röteten sich. »Wirklich alles – auch der Sex.«

Frances seufzte. »Wenn du nicht meine beste Freundin wärst, wäre ich jetzt sehr neidisch.«

Liebevoll griff Tammy nach ihrer Hand und drückte sie. »Für dich wird auch noch der Richtige kommen, ganz sicher.«

»Hoffentlich. Ich hätte schon sehr gerne eine eigene Familie.«

Tammy nippte an ihrem Kaffee. »Du solltest einfach ein bisschen mehr unter Leute gehen.«

»Ja, ich weiß. Aber zuerst muss ich mir einen neuen Job suchen. Das Geld von Dads Lebensversicherung würde zwar eine Weile reichen, aber ich will es für Notfälle aufheben. Außerdem mag ich nicht auf der faulen Haut liegen.«

»Kannst du nicht zu Clint zurück?«

»Das geht nicht.« Frances stellte ihre Tasse ab und drehte sie zwischen den Händen. »Megan kümmert sich jetzt um alles, und dein Bruder wird sicher nicht noch zusätzlich eine Haushälterin einstellen wollen.«

Tammy tippte mit dem Finger auf die Tischplatte, die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf. »Weißt du was? Ich hätte da vielleicht eine Idee.«

Misstrauisch sah Frances sie an. »Was für eine Idee?«

»Nein, nein.« Tammy winkte ab und grinste verschmitzt. »Erst muss ich die Sache abchecken. Kann sein, dass daraus nichts wird.«

»Tamara Cantrell! Du kannst nicht einfach so was sagen und dann nichts verraten.«

»Doch, kann ich. Gib mir ein paar Tage. Wenn es klappt, melde ich mich.«

Frances verschränkte die Arme vor der Brust. »Du bist unmöglich.«

»Das hast du mir schon öfter gesagt.« Tammy zwinkerte ihr zu. »Aber vertrau mir – falls es funktioniert, könnte es genau das Richtige für dich sein.«

***

Fluchend starrte Gregory Cantrell auf die Spülmaschine. Das verdammte Ding piepte seit zehn Minuten ununterbrochen, ein kleines, rotes Licht über einem Symbol, das wie ein S aussah, blinkte.

»Zum Teufel mit diesem Scheißding!« Er schlug mit der flachen Hand gegen die Tür. »Fletcher, was hat das zu bedeuten?«

Sein langjähriger Angestellter Fletcher, der sich gewöhnlich um Gäste, Gregorys persönliche Belange sowie den reibungslosen Ablauf im Haus kümmerte, stand neben ihm und betrachtete das Display mit der gleichen Ratlosigkeit. »Keine Ahnung, Sir. Aber ich kann ja mal im Internet nachschauen.« Er nahm sein Smartphone aus der Innentasche seines Jacketts und tippte eine Weile darauf herum. »Salz«, verkündete er dann mit der Miene eines Mannes, der eine weltverändernde Entdeckung gemacht hatte. »Das Gerät benötigt Salz.«

»Salz? Wozu das denn? Und wie soll das funktionieren?«

»Schauen Sie hier.« Fletcher zog den unteren Korb heraus und deutete auf einen großen Schraubverschluss am Boden der Maschine. »Das ist der Behälter dafür.«

Gregory beugte sich vor und inspizierte den mysteriösen Plastikdeckel. »Und was sollen wir da reintun? Kochsalz?«

»Hier steht, es gibt ein spezielles Spülmaschinensalz.«

»Spezielles Spülmaschinensalz?« Gregorys Stimme wurde noch gereizter. »Was zum Henker soll das sein?«

Fletcher zuckte mit den Schultern. »Fragen Sie mich nicht. Ich bin Hausdiener, kein Spülmaschinenexperte.«

Das Piepen wurde immer nerviger, und Gregory rieb sich mit einem leisen Stöhnen die Schläfen. »Herrgott, Fletcher, jetzt tun Sie doch etwas. Dieser Krach macht mich verrückt.«

»Was ist denn hier los?«, fragte im selben Moment eine fröhliche Stimme hinter ihm.

Er fuhr herum und sah seine Tochter Tammy, die mit einem breiten Grinsen in der Küchentür stand.

»Diese verfluchte Maschine will Salz«, knurrte er, »und wir wissen nicht, was genau wir da reinschütten sollen.«

Lachend schob Tammy ihn beiseite. »Das ist doch ganz einfach.« Sie öffnete einen der Unterschränke und zog eine Packung heraus. »Spülmaschinensalz. Steht hier schon seit Ewigkeiten rum.«

Mit geübten Handgriffen füllte sie das Salz in den Behälter, und das Piepen verstummte augenblicklich. Nachdem sie noch ein Programm ausgewählt und den Startknopf gedrückt hatte, schnurrte die Maschine leise los, als wäre nie etwas gewesen.

»So, Problem gelöst.« Sie drehte sich zu ihrem Vater um und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Hey Dad.«

Gregory drückte seine Tochter kurz an sich. »Hallo Kleine. Schön, dich zu sehen. Wie läuft es auf der Ranch?«

»Sehr gut. Ich bin hier, weil ich …« Tammy stockte und ihre Augen weiteten sich. »Du trägst ein rosafarbenes Hemd?«

Mit einem leisen Knurren blickte Gregory an sich hinunter und verzog das Gesicht. »Ja, verdammt noch mal.«

»Wow.« Es war Tammy deutlich anzusehen, dass sie Mühe hatte, sich das Lachen zu verkneifen. »Das ist aber ein gewagter Look für dich. Ist das jetzt der neueste Schrei?«

Anklagend zeigte Gregory auf Fletcher. »Frag ihn. Er ist für die Wäsche zuständig, seit Mrs. Harmon beschlossen hat, mich hier mit allem einfach sitzenzulassen.«

Fletcher zuckte mit den Schultern. »Ich habe mich noch nie mit Wäsche beschäftigen müssen. Woher soll ich wissen, dass man nach Farben trennt?«

Stöhnend schüttelte Gregory den Kopf. Verfärbte Kleidung war nur das neueste Kapitel in einer endlosen Serie von Katastrophen, seit die Haushälterin gekündigt hatte. Gestern hatte Fletcher das Mittagessen so verkohlt, dass der Rauchmelder anging und die Küche für mehrere Stunden nicht betretbar war. Am Ende hatten sie Ravioli aus der Dose gegessen. Vorgestern war es der Kampf mit dem Staubsauger gewesen, der plötzlich Dreck ausspuckte, anstatt ihn aufzusaugen, und heute das Drama mit der Spülmaschine. Würde dieser Haushalt jemals wieder reibungslos laufen?

»Du brauchst dringend eine neue Haushälterin, Dad.«

»Ach, wirklich?«, gab er mit sarkastischem Tonfall zurück. »Darauf wäre ich gar nicht gekommen.« Er wanderte zum Küchentisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ich habe vor Wochen Anfragen bei mehreren Agenturen gestellt, und auch selbst Annoncen in verschiedenen Zeitungen aufgegeben – Arco Advertiser, Challis Messenger, Post Register und sogar im Idaho Statesman. Aber offenbar hat niemand Lust, in einem Kaff wie Elkpoint zu arbeiten.«

Resigniert schüttelte er den Kopf. Die wenigen Bewerbungen, die eingegangen waren, hatten sich als unbrauchbar erwiesen. Eine Frau hatte am Telefon gefragt, ob es WLAN gäbe und ob sie ihre drei Katzen mitbringen könne. Eine andere hatte sich erkundigt, wie weit der nächste Starbucks entfernt sei, und aufgelegt, als er ihr erklärte, dass Elkpoint nicht New York sei.

Plötzlich kam ihm eine Idee, und er sah Tammy hoffnungsvoll an. »Du könntest doch vielleicht …?«

»Auf gar keinen Fall. Jax und ich haben genug zu tun auf der Ranch. Außerdem weißt du genau, dass wir uns nach spätestens zwei Tagen an die Gurgel gehen würden.«

Gregory seufzte. Natürlich. Es war dumm gewesen, überhaupt zu fragen. Seine Tochter ging jetzt ihrer eigenen Wege, und daran war er nicht ganz unschuldig.

»Aber ich habe vielleicht eine Lösung«, ergänzte Tammy.

Er hob eine Braue. »Ach ja? Und die wäre?«

»Fran könnte für dich arbeiten.«

»Deine Freundin?«

»Genau.« Tammy lehnte sich gegen die Küchenzeile. »Sie sucht nach dem Tod ihres Vaters eine neue Stelle.«

»Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als ich jemanden aus Gefälligkeit eingestellt habe, oder?«

Sie schnaubte leise. »Falls du von Jax sprichst – es war deine Idee, ihn als Spion hinter mir herzuschicken, erinnerst du dich? Außerdem sind wir jetzt glücklich zusammen, also war es im Prinzip doch nicht verkehrt gewesen, ihm einen Job zu geben.«

Nachdenklich rieb Gregory sich das Kinn. Als er vor wenigen Monaten Blakes bestem Freund Jax eine Anstellung als Ranchhand gegeben hatte, war einiges aus dem Ruder gelaufen. Aber das wäre ohne sein Zutun nicht geschehen, musste er sich ehrlicherweise eingestehen.

Trotzdem hatte er sich vorgenommen, künftig keine Mitarbeiter mehr einzustellen, nur um jemandem einen Gefallen zu tun. Geschäft war Geschäft, und persönliche Beziehungen sollten dabei keine Rolle spielen.

Andererseits …

Der Anblick seines verfärbten Hemdes erinnerte ihn daran, wie verzweifelt seine Lage war. Fletcher war ein ausgezeichneter Angestellter für repräsentative Zwecke. Er konnte Gäste empfangen, sich um private Dinge kümmern und bei gesellschaftlichen Anlässen assistieren. Aber Haushaltsführung? Das war offensichtlich nicht seine Stärke.

»Sie kann kochen?«

»Natürlich kann sie kochen. Wie du weißt, hat sie jahrelang für Clint den Haushalt geführt, bevor er Megan kennenlernte, und er war immer sehr zufrieden mit ihr. Außerdem hat sie lange ihren kranken Vater versorgt.«

Das klang vielversprechend. Gregory stellte sich vor, wieder richtige Mahlzeiten zu bekommen statt verkohlter Experimente oder Fertiggerichte aus der Dose.

»Welche Referenzen hat sie denn abgesehen von Clint?«

Mit einem Schnauben verdrehte Tammy die Augen. »Dad, sie ist meine beste Freundin. Ich kenne sie seit meiner Schulzeit. Sie ist ehrlich, arbeitsam und braucht dringend einen Job.«

Fletcher, der im Hintergrund die Küche aufgeräumt und gesäubert hatte, räusperte sich. »Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir: Eine zusätzliche Arbeitskraft im Haushalt wäre durchaus hilfreich.«

Einen Moment lang musterte Gregory seinen Bediensteten stumm. »Also gut«, entschied er dann, »sie soll sich morgen vorstellen. Sehr viel schlimmer als jetzt kann es ja nicht mehr werden.«

***

Langsam lenkte Frances ihren alten Honda Civic die gewundene Auffahrt von Golden Meadows hinauf. Durch die Windschutzscheibe sah sie das imposante Herrenhaus vor sich auftauchen, dessen hohe Fenster das Morgenlicht reflektierten.

Vor dem Haupteingang hielt sie an, stellte den Motor ab und blieb einen Moment sitzen.

Wie oft war sie hier gewesen? Hunderte Male, schätzte sie. Als Kind war sie fast jeden Tag nach der Schule hierher gekommen, um mit Tammy zu spielen. Trotz des Altersunterschieds von vier Jahren waren sie unzertrennlich gewesen, beinahe wie Schwestern.

Sie waren um das Haus gerannt, durch die Flure gepoltert, hatten sich in den zahlreichen Zimmern versteckt und Fletcher manchmal in den Wahnsinn getrieben mit ihrem Gelächter und Gekreische. Damals war alles so einfach gewesen. So unschuldig. Und jetzt …

Ein merkwürdiges Flattern breitete sich in ihrem Bauch aus. Nicht wegen des Vorstellungsgesprächs, das bereitete ihr keine Sorge. Nein, ihre Unruhe hatte einen anderen Grund: Gregory Cantrell.

Frances schloss die Augen und lehnte sich gegen die Kopfstütze. Schon als Teenager hatte sie heimlich für Tammys Vater geschwärmt. Er war damals Mitte dreißig gewesen, gutaussehend und für ein junges Mädchen wie sie unerreichbar.

Heute war sie neunundzwanzig Jahre alt und kein verliebtes Gänschen mehr, doch trotzdem war da immer noch diese dumme Nervosität.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich streng. Du bewirbst dich für eine Arbeitsstelle, nicht für die Hauptrolle in einem Liebesroman.

Der plötzliche Einfall, einfach zu wenden und zu verschwinden, war verführerisch. Sie könnte nach Hause fahren, Tammy anrufen und behaupten, überraschend krank geworden zu sein. Oder einen anderen Vorwand erfinden.

Aber das war Unsinn. Gregory Cantrell brauchte offenbar dringend Hilfe, und sie würde so schnell keinen anderen Job finden, zumindest nicht in der Nähe. Außerdem war er den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer oder irgendwo draußen unterwegs, sie würden sich doch sowieso kaum begegnen.

Frances holte tief Luft, griff nach ihrer Handtasche und stieg aus dem Auto. Zeit, vernünftig zu werden.

Die schwere Eingangstür öffnete sich, bevor sie überhaupt klingeln konnte. Fletcher stand im Türrahmen, seine grauen Haare sorgfältig zurückgekämmt, die Haltung wie immer tadellos aufrecht.

»Miss Bailey«, begrüßte er sie freundlich, »schön, Sie zu sehen.«

»Hallo, Fletcher.« Sie lächelte und drückte seine Hand. »Ich freue mich auch.«

»Mr. Cantrell erwartet Sie bereits.«

Der alte Hausdiener führte sie durch die vertraute Eingangshalle, vorbei an der geschwungenen Treppe und dem antiken Tischchen mit der Vase, in der wie gewohnt frische Gladiolen steckten. Vor der Tür zu Gregorys Arbeitszimmer blieb er stehen und klopfte an.

»Herein.«

Die tiefe Stimme ließ Frances’ Knie weich werden.

Fletcher öffnete die Tür und trat zur Seite. »Miss Bailey, Sir.«

Zögernd betrat Frances den Raum und sah Gregory hinter seinem massiven Schreibtisch sitzen. Sonnenlicht fiel durch die hohen Fenster und ließ seine schwarzen Haare schimmern, in denen sich mittlerweile einzelne silbrige Strähnen zeigten. Dennoch sah man ihm seine dreiundfünfzig Jahre kaum an. Sein Gesicht war nahezu glatt, lediglich um die grauen Augen waren ein paar Fältchen zu sehen, und er strahlte eine jugendliche Vitalität aus.

Als er aufstand und um den Schreibtisch herumkam, stockte ihr der Atem. Er war etwas schmaler geworden, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte, aber immer noch groß und breitschultrig, seine Bewegungen geschmeidig.

»Frances.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Danke, dass du gekommen bist.«

Seine warmen, rauen Finger umschlossen ihre, und sofort schoss ihr Hitze in die Wangen. »Guten Tag, Mr. Cantrell«, erwiderte sie und betete, dass er ihre Röte nicht bemerken würde.

Himmel nochmal, hör auf damit, schalt sie sich. Denk einfach nur an den Job, und nicht daran, wie attraktiv er ist!

Sein Lächeln war freundlich, aber geschäftsmäßig. »Setz dich doch.«

Sie nahm in einem der Ledersessel vor seinem Schreibtisch Platz und verschränkte die Hände im Schoß.

»Ich denke, wir können uns das übliche Prozedere ersparen«, kam Gregory ohne Umschweife zum Punkt. »Du hast für Clint gearbeitet, und soweit ich weiß, war er zufrieden. Außerdem hast du auch für deinen Vater den Haushalt geführt.«

»Ja, bis er vor zwei Monaten gestorben ist.«

»Das tut mir sehr leid.«

Die aufrichtige Anteilnahme in seiner Stimme ließ etwas in Frances’ Brust flattern. »Danke.«

»Die Stelle hier auf Golden Meadows würde die gesamte Haushaltsführung umfassen«, fuhr er fort. »Putzen, kochen, einkaufen, Wäsche waschen, und so weiter. Fletcher hilft natürlich weiterhin, aber er wird nicht jünger.«

»Das verstehe ich.«

»Deine Arbeitszeit wäre von Montag bis Freitag, die Wochenenden sind frei, es sei denn, wir haben Gäste. Ich würde zunächst eine dreimonatige Probezeit ansetzen. Viertausend Dollar im Monat. Wenn wir beide danach der Meinung sind, dass es funktioniert, erhöhen wir auf viertausendfünfhundert. Was denkst du?«

Sie blinzelte überrascht. »Das ist mehr, als ich erwartet hätte.«

»Nun, ich brauche jemanden, der den gesamten Haushalt selbstständig organisiert, und wer gute Arbeit leistet, sollte auch entsprechend bezahlt werden.« Er zuckte mit den Schultern. »Lieber zahle ich einer zuverlässigen Person tausend Dollar mehr im Monat, als mich ständig mit irgendwelchen Problemen herumzuärgern.«

Während des weiteren Gesprächs gelang es Frances allmählich, ihre Nervosität abzulegen und sich etwas zu entspannen.

Gregory stellte noch einige Fragen über ihre Erfahrungen und erklärte ihre Aufgaben etwas detaillierter. Dann schob er ihr einen Arbeitsvertrag über den Schreibtisch und reichte ihr seinen silbernen Kugelschreiber.

Dabei berührten sich ihre Finger und Frances verlor ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung. Sie zuckte zurück und der schwere Stift fiel mit einem Klappern auf den Tisch.

»Entschuldigung.« Ihr Gesicht brannte vor Verlegenheit, während sie hastig nach dem Kuli griff und dann mit zitternder Hand ihre Unterschrift auf den Vertrag krakelte.

Gregory war bereits dabei, die übrigen Unterlagen in eine Mappe zu schieben, und schenkte dem Zwischenfall keinerlei Aufmerksamkeit. »Gut, ich denke, das war alles. Du kannst gleich morgen anfangen.«

»Ich werde pünktlich da sein. Vielen Dank für die Chance, Mr. Cantrell.«

Ohne ihm noch einmal in die Augen zu blicken, stand sie auf, eilte zur Tür und verließ mit einem hastigen »Auf Wiedersehen« den Raum. Mit großen Schritten durchquerte sie die Eingangshalle, vorbei an Fletcher, der ihr ein freundliches Nicken zuwarf.

Wenig später saß sie in ihrem Wagen, und während sie langsam die breite Auffahrt hinunterrollte, fragte sie sich, ob das wirklich eine gute Idee gewesen war.

Kapitel 2

Die ersten Tage auf Golden Meadows vergingen schneller als erwartet. Das Haus war Frances von ihren zahllosen früheren Besuchen vertraut. Sie wusste, wo die einzelnen Zimmer lagen, kannte die Hintertreppe und erinnerte sich sogar daran, dass der Spülknopf im Gäste-WC ein wenig klemmte.

Fletcher, mit dem sie sich inzwischen duzte, erwies sich als geduldige Unterstützung. Er zeigte ihr, wo sich Bettwäsche, Handtücher und Putzzeug befanden, warnte sie vor den Eigenarten der Waschmaschine, die manchmal mitten im Waschgang stehenblieb, und klärte sie über Gregorys Vorlieben beim Essen auf.

»Mr. Cantrell möchte sein Frühstück pünktlich um neun«, erläuterte er, während er ihr die Speisekammer zeigte. »Rührei, Vollkorntoast, frische Früchte, den Kaffee stark und schwarz. Zum Mittagessen bevorzugt er etwas Leichtes, oft nur einen Salat oder ein Sandwich, abends darf es dann etwas gehaltvoller sein, da hast du freie Hand.«

Gelegentlich musste Frances Gregory direkt fragen, meist wegen Kleinigkeiten wie beispielsweise seiner Präferenz für einen bestimmten Wein oder ob sie die Vorhänge im Wohnzimmer reinigen lassen sollte. Diese Gespräche fanden fast immer während der Mahlzeiten statt, wenn er im Frühstücksraum saß, der über einen offenen Durchgang mit der Küche verbunden war.

Ihre anfängliche Nervosität hatte sich größtenteils gelegt. Trotzdem ertappte sie sich immer wieder dabei, wie sie ihn verstohlen ansah, wenn er sein Essen zu sich nahm, während sie nebenan in der Küche hantierte.

Als sie zum ersten Mal Gregorys Schlafzimmer betreten musste, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Das war sein persönlicher Bereich, und irgendwie fühlte es sich sehr intim an, dort einzudringen. Nachdem sie vorsichtig die Klinke heruntergedrückt hatte, als würde sie etwas Verbotenes tun, trat sie ein und blieb stehen, die Hände um den Staubwedel geklammert.

Der Raum war größer als erwartet, mit einem massiven Bett aus dunklem Holz als Mittelpunkt. Sie trat näher, starrte auf die zerwühlten Laken und stellte sich unwillkürlich vor, wie es wäre, dort neben ihm zu liegen. In seinen Armen. Seinen Atem zu hören, seine Wärme zu spüren, ihn zu spüren …

Hitze stieg ihr ins Gesicht. Was dachte sie denn da? Hastig begann sie, die Laken glattzuziehen, und versuchte, diese dummen Fantasien abzuschütteln. Das war völlig unangebracht. Gregory hatte dieses Zimmer und vermutlich auch dieses Bett mit seiner verstorbenen Frau geteilt, und es war unangemessen, solche Gedanken zu hegen. Sie war hier angestellt, um sich um den Haushalt zu kümmern, und nicht, um sich irgendwelche Dinge auszumalen, die sowieso niemals geschehen würden.

Hör auf zu träumen, mahnte sie sich, während sie mit energischen Bewegungen die Bettdecke richtete, das wird zu nichts führen.

Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass sie jedes Mal, wenn sie diesen Raum betrat, ein merkwürdiges Gefühl verspürte.

Noch merkwürdiger fühlte es sich an, wenn Frances die Wäsche wusch. Sie zwang sich, nicht darüber nachzudenken, wem die Hemden, Jeans und Boxershorts gehörten, die sie sortierte. Dennoch überkam sie ein seltsames Gefühl, als sie einen von Gregorys Pullovern aufhob. Der Stoff war weich, abgenutzt von Jahren des Tragens, und noch immer hing ein Hauch seines Aftershaves daran. Ohne es zu wollen, hielt sie ihn einen Moment länger fest als nötig.

»Konzentrier dich«, murmelte sie vor sich hin und stopfte das Kleidungsstück hastig in die Maschine.

Sie war eine erwachsene Frau und hatte schon früher Wäsche gewaschen, hielt sie sich immer wieder vor Augen. Trotzdem war sie jedes Mal erleichtert, wenn alles in der Waschmaschine verschwunden war.

Nach ein paar Tagen ging das Brot zur Neige, der Kühlschrank leerte sich, und Frances fragte Fletcher, wo normalerweise eingekauft wurde. »Soll ich zur Grand Teton Mall fahren oder zu Salingers Store?«

»Zum Store«, erklärte er. »Du kannst alles anschreiben lassen, Mr. Cantrell rechnet einmal im Monat ab.«

Nachdem sie eine Einkaufsliste angefertigt hatte, fuhr sie mit ihrem Wagen in die Stadt. Elkpoint wirkte an diesem Nachmittag verschlafen; nur wenige Autos parkten entlang der Mainstreet, sodass sie einen freien Platz direkt vor dem Store in der Ortsmitte fand.

Die Glocke über der Ladentür klingelte, als sie das Geschäft betrat. Der vertraute Duft nach Kaffeebohnen, frischen Backwaren und Gewürzen empfing sie.

Hinter der Theke stand wie gewohnt Ada Salinger, die Inhaberin des Ladens, umringt von Ruth Lawson, Nancy Beacham und Matilda Warden – das berüchtigte Klatschquartett von Elkpoint.

»Guten Morgen«, grüßte Frances in die Runde.

»Frances, Liebes!« Ada winkte sie heran, die Stimme voller Wärme. »Schön, dich zu sehen.«

Ruth Lawson, die Gattin des ehemaligen Dorfarztes, legte mit einer mütterlichen Geste eine Hand auf Frances’ Arm. »Wir sind alle immer noch ganz betroffen wegen deines Vaters. Er war so ein wunderbarer Mann.«

»Ja, das war er. Danke.«

»Die Beerdigung war sehr würdevoll«, stellte die Frau des Bürgermeisters, Nancy Beacham, fest. »Reverend Dalton hat eine wunderbare Rede gehalten.«

Die Haushälterin des Reverends, Matilda Warden, nickte zustimmend. »Gott nimmt die Guten zu sich, wenn ihre Zeit gekommen ist.«

Frances presste die Lippen zusammen und griff nach einem Einkaufskorb.

»Sag mal«, Ada lehnte sich über die Theke, die Augen funkelnd vor Neugier, »wir haben gehört, dass du jetzt auf Golden Meadows arbeitest.«

»Als Haushälterin«, fügte Ruth hinzu.

»Ja, das stimmt.« Instinktiv hob Frances den Korb etwas höher, als könnte er sie vor den bohrenden Blicken schützen.

Nancy neigte sich vor, ihre Stimme wurde vertraulich. »Wie ist er denn so? Gregory, meine ich. Nach allem, was passiert ist.«

»Was meinen Sie?«, fragte Frances irritiert.

»Nun ja«, Ada wechselte einen bedeutungsschweren Blick mit den anderen Frauen, »seit Tammy auch noch ausgezogen ist, lebt er jetzt ganz allein in diesem großen Kasten. Das ist doch nicht natürlich für einen Mann in seinem Alter.«

Ruth zuckte mit den Schultern. »Also ich finde ja, er ist selbst schuld. Er hat seine Kinder doch förmlich aus dem Haus getrieben mit seiner rücksichtslosen Art.«

»Mich wundert das auch nicht«, murmelte Matilda, »dieser Mensch denkt doch nur an seine Geschäfte. Ein liebevoller Vater ist er ganz sicher nicht.«

Frances hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Solche Bemerkungen hörte sie nicht zum ersten Mal, sie hatte schon mitbekommen, was in Elkpoint über Gregory Cantrell geredet wurde.

Sie selbst hatte ihn stets als einen angenehmen und höflichen Mann erlebt, der seine Kinder immer gut behandelt hatte. Natürlich wusste sie, dass es hin und wieder zu Auseinandersetzungen gekommen war, zumindest was Tammy anbelangte. Aber in welcher Familie gab es keine Reibereien zwischen Eltern und Kindern? Sie selbst war mit ihrem Vater schließlich auch nicht immer einer Meinung gewesen. Und nachdem er seine Frau kurz nach Tammys Geburt verloren hatte, war es für Gregory sicher nicht leicht gewesen, alles zusammenzuhalten; es war gemein, auf diese Art und Weise über ihn herzuziehen.

»Er war schon immer kalt und geldgierig«, fuhr Ruth fort, »kein Wunder, dass Evelyn so früh gestorben ist.«

»Ruth!« Ada warf ihr einen tadelnden Blick zu. »Das ist aber hart.«

»Ist doch wahr. Sie hat garantiert genug unter seiner herrischen Art gelitten.«

Frances biss sich auf die Zunge. Für einen Moment war sie versucht, Gregory zu verteidigen, ihn in Schutz zu nehmen gegen diese gehässigen Kommentare. Aber das würde sicher seltsam aussehen und am Ende noch für weiteres Gerede sorgen.

Sie unterdrückte den Impuls, wandte sich ab und ging zu den Regalen. Zielstrebig legte sie die benötigten Lebensmittel in ihren Korb, während der Tratsch hinter ihr weiterging.

»Ich sage nur, ein Mann braucht eine Frau im Haus«, verkündete Nancy. »Sonst verwildert er völlig.«

Ada kicherte. »Vielleicht findet er ja noch eine. Er ist noch nicht zu alt dafür.«

»Wer würde ihn denn nehmen?« Matildas Stimme klang skeptisch. »Mit seinem Ruf?«

Bemüht, das Getuschel und die gelegentlichen Blicke in ihre Richtung zu ignorieren, arbeitete Frances ihre Liste ab. Als sie endlich alles beisammenhatte, ging sie zum Tresen zurück.

»Das macht sechsundvierzig Dollar und zwanzig Cent«, verkündete Ada, nachdem sie alles in die Kasse getippt hatte.

»Bitte setzen Sie es auf Mr. Cantrells Rechnung«, bat Frances.

Mit einem Nicken holte Ada ein Buch unter dem Tresen hervor und notierte den Betrag. Anschließend packte sie in aller Seelenruhe die Sachen ein, während die anderen Frauen lauernd jedes einzelne Stück registrierten, von der Butter bis hin zur Möbelpolitur.

Als Ada endlich fertig war, schnappte Frances sich die Tüten und verließ mit einem hastigen Abschiedsgruß den Laden, froh, den neugierigen Blicken entrinnen zu können.

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