Summertime - When I'm with you
Ebook & Taschenbuch
Inhalt
Mit ihrem Masterdiplom in der Hand kehrt Tammy Cantrell nach Hause zurück, fest entschlossen, künftig die Ranch Golden Meadows zu leiten und die Geschäfte der Familie zu übernehmen. Die Enttäuschung ist groß, als ihr Vater dies entschieden ablehnt. Gregory Cantrell ist überzeugt, dass eine Frau nicht zur Führung seines Imperiums geeignet ist, und hat längst einen passenden Heiratskandidaten für seine Tochter im Blick.
Doch Tammy durchkreuzt seine Pläne, als sie ihm ihren Freund vorstellt – einen britischen Adligen, dessen wahre Absichten Gregory sofort durchschaut. Als die beiden nach einer unerwarteten Verlobung nach Australien reisen, muss er handeln: Er schickt einen seiner Cowboys, den ehemaligen Marine Jackson „Jax“ Ballard, hinterher, um das Schlimmste zu verhindern …
Themen: Liebesroman, Romance, Smalltown Romance, Summer Romance, Fake Identity, False Love Interest, Forced Proximity, Survival/Adventure-Twist, Stranded together
Leseprobe
Kapitel 1
Zuhause. Der Anblick des Herrenhauses von Golden Meadows ließ Tammys Herz höherschlagen. Endlich war sie wieder da.
Voller Vorfreude öffnete sie die Beifahrertür des Uber und stieg aus.
Nachdem der Fahrer ihr Gepäck ausgeladen hatte, gab sie ihm ein großzügiges Trinkgeld. »Danke für die Fahrt.«
Der Mann bedankte sich ebenfalls, stieg wieder ein, wendete den Wagen und fuhr davon.
Für einen Moment stand Tammy einfach nur da, den Blick auf das zweistöckige Haus gerichtet, das seit Generationen im Besitz ihrer Familie war. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Der süße Duft frisch gemähter Wiesen vermischte sich mit dem erdigen Aroma der Felder. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, ein leichter Wind trug das vertraute, tiefe Muhen der Rinder zu ihr herüber.
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. So sehr sie die Studienzeit in Boise genossen hatte – hier draußen, umgeben von nichts als Land und Himmel, fühlte sich die Welt einfach richtiger an.
»Endlich wieder daheim«, flüsterte sie und streckte die Arme weit aus, als wolle sie die gesamte Ranch umarmen. Der Wind spielte mit ihren Haaren, während ihr Blick über die weitläufigen Weiden von Golden Meadows bis zu den fernen Gipfeln der Rocky Mountains wanderte. Hier gehörte sie hin. Hier war sie zuhause.
Dieses Mal war es kein Ferienaufenthalt zwischen den Semestern, kein kurzer Besuch an Feiertagen. Dieses Mal kam sie, um zu bleiben. Bereit, Verantwortung zu übernehmen. Bereit, Golden Meadows an der Seite ihres Vaters in die Zukunft zu führen.
Mit einem letzten tiefen Atemzug griff sie nach ihrem Koffer, ging zur Eingangstür, öffnete sie und trat ins Innere des Hauses, wo es trotz der sommerlichen Temperaturen angenehm kühl war. Stille lag über der Halle mit dem makellosen Marmorboden und den cremefarben schimmernden Seidentapeten. Der vertraute Zitronengeruch einer Möbelpolitur lag in der Luft und auf einem Beistelltisch prangte wie üblich eine kristallene Vase mit weißen Gladiolen. Sofort fühlte sie sich wieder heimisch, als hätten die vergangenen Jahre in der Stadt nie existiert.
Wie aus dem Nichts tauchte Fletcher Tierney auf, ein langjähriger Bediensteter, der schon fast zur Familie gehörte. Sein stets tadelloser schwarzer Anzug saß wie angegossen, und trotz seines fortgeschrittenen Alters hatte er nichts von seiner aufrechten Haltung eingebüßt.
»Fletcher!« Mit einem Freudenschrei stellte sie den Koffer ab und stürzte auf ihn zu.
Die überschwängliche Umarmung, die sie ihm verpasste, ließ er mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln über sich ergehen. Seine Arme hoben sich zögernd, um die Geste halbherzig zu erwidern. »Willkommen zuhause, Miss Tammy.«
Mit einem Lachen trat sie zurück. »Wo ist mein Vater? Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen!«
Fletcher räusperte sich und setzte zu einer Antwort an. »Mr. Cantrell befindet sich …«
»Warte, lass mich raten: Er sitzt wie immer in seinem Arbeitszimmer, vergraben hinter Bergen von Papieren und Akten, stimmt’s?«
Ein leichtes Nicken bestätigte ihre Vermutung.
»Manche Dinge ändern sich eben nie.« Mit einem Augenzwinkern deutete sie auf ihren Koffer. »Würdest du …?«
»Selbstverständlich. Ich bringe dein Gepäck nach oben auf dein Zimmer.«
»Du bist ein Schatz!«
Rasch durchquerte sie die Halle, steuerte zielstrebig auf eine Tür am Ende des Korridors zu, klopfte kurz und öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten.
Wie vermutet saß ihr Vater hinter seinem massiven Schreibtisch, umgeben von Papierstapeln, und hatte den Blick konzentriert auf den Bildschirm seines Laptops gerichtet.
Vor Freude strahlend huschte Tammy um den Tisch herum und schlang ihre Arme um seine breiten Schultern. »Überraschung!«
Gregory Cantrell, dem man seine dreiundfünfzig Jahre nicht ansah, lächelte. »Meine Kleine!« Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich aus seinem Ledersessel und erwiderte ihre Umarmung. Seine kräftigen Arme schlossen sich um sie, und der vertraute Duft seines Rasierwassers hüllte sie ein.
»Ich hab dich vermisst, Dad.«
»Ich dich auch. Schön, dass du zurück bist.«
Er hielt sie einen Moment lang an sich gedrückt, dann löste er sich von ihr, setzte sich wieder und heftete seinen Blick erneut auf den Monitor, während seine Finger sich mit moderater Geschwindigkeit über die Tasten bewegten.
Interessiert beugte sie sich vor und spähte auf den Bildschirm. »Woran arbeitest du?«
»Eine Investitionsfreigabe.« Mit einem Mausklick wechselte er zu einer anderen Tabelle voller Zahlen. »Nichts, womit du dein hübsches Köpfchen belasten solltest.«
Tammy hob eine Augenbraue. »Nun ja, vielleicht nicht heute, aber in absehbarer Zukunft. Ich freue mich schon darauf, mit dir zusammen die Geschäfte zu führen.«
Mit einem Seufzen klappte Gregory den Laptop zu und schüttelte den Kopf. »Daraus wird nichts. Ich habe schon oft genug gesagt, dass ich die Geschäftsführung nicht einer Frau überlassen werde, und daran hat sich nichts geändert.«
***
Ungläubig starrte Tammy ihren Vater an. Hatte er wirklich gerade gesagt, dass er ihr keine Verantwortung übertragen wollte, weil sie eine Frau war?
»Das kann nicht dein Ernst sein«, stieß sie hervor. »Ich habe fest damit gerechnet, dass du mich nach meinem Abschluss einbeziehst.«
Gregory lehnte sich in seinem Sessel zurück, völlig gelassen, als diskutierten sie über das Wetter und nicht über ihre Zukunft. »Tammy, wir hatten dieses Thema schon hundertmal. Ich habe dir nie etwas versprochen.«
»Nie etwas versprochen?« Fassungslos stemmte sie die Hände in die Hüften. »Wofür, glaubst du, habe ich mir die letzten Jahre den Hintern aufgerissen? Zwei Studiengänge mit Bestnoten abgeschlossen? BWL und Agrarwissenschaften? Alles für Golden Meadows!«
»Bildung ist nie verschwendet«, erwiderte er ungerührt. »Du kannst deine Kenntnisse sicher anderswo einbringen.«
»Anderswo?« Ihre Stimme wurde lauter. »Ich will nicht anderswo arbeiten! Das hier ist mein Zuhause, mein Erbe!«
»Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich meine Geschäftsführung keiner Frau überlassen werde. Das ist nichts Persönliches.«
»Nichts Persönliches?« Tammy lachte bitter auf. »Wie kann es nichts Persönliches sein, wenn du mir einfach ins Gesicht sagst, dass mein Geschlecht mich disqualifiziert? Das ist so was von rückständig und frauenfeindlich!«
Mit einem gleichgültigen Schulterzucken wandte Gregory sich wieder seinem Laptop zu. »Mag sein, aber das ist meine ehrliche Meinung. Das hier ist kein Ponyhof, sondern ein knallhartes Geschäft. Du hast keinerlei Erfahrung, und die Männer würden dich nicht ernstnehmen, du würdest untergehen.«
»Woher willst du das wissen, wenn du mir nicht mal eine Chance gibst? Warum lässt du es mich nicht wenigstens versuchen?«
Er schüttelte den Kopf. »Weil die Sache bereits entschieden ist. Ich habe diese Ranch aufgebaut und ich werde entscheiden, wer sie weiterführt.«
»Und das wird ein Mann sein, nehme ich an?« Vor lauter Wut und Enttäuschung stiegen ihr Tränen in die Augen. »Vielleicht sollte ich mir einen Schnurrbart ankleben und in Männerkleidung rumlaufen. Würde das helfen?«
»Sei nicht albern.«
»Ich bin albern?« Sie schlug auf den Tisch, so heftig, dass die Kaffeetasse gefährlich wackelte. »Du bist derjenige, der im verdammten Mittelalter feststeckt!«
Gregory lehnte sich mit einem milden Lächeln zurück, das Tammy noch mehr zur Weißglut trieb. »Siehst du? Genau das meine ich.« Er deutete mit dem Zeigefinger auf sie. »Diese emotionalen Ausbrüche. Im Geschäftsleben braucht man einen kühlen Kopf, rationale Entscheidungen, keine …«, er machte eine wegwerfende Handbewegung, »Gefühlsduselei.«
Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache. Wieder einmal maß er mit zweierlei Maß. Wäre es einer ihrer Brüder, der auf den Tisch schlug, hätte er es als Durchsetzungsvermögen bezeichnet. Aber bei ihr? Emotionale Schwäche.
»Verstehst du eigentlich, was du mir antust?« Ihre Stimme wurde leiser, kontrollierter, obwohl in ihr alles tobte. »All die Jahre habe ich nur ein Ziel verfolgt. Dich stolz zu machen. Dir zu beweisen, dass ich es kann.«
»Tammy …«
»Nein, jetzt rede ich.« Sie holte tief Luft und zwang sich, ruhig zu bleiben. »Weißt du, was das Schlimmste ist? Ich habe dich immer verteidigt. Wenn Leute sagten, du wärst hart und skrupellos, habe ich gesagt: ›Nein, ihr kennt ihn nicht. Er ist gerecht. Er ist fair.‹« Ein bitteres Lachen entrang sich ihrer Kehle. »Was für eine Idiotin ich war.«
»Du übertreibst maßlos.«
»Tue ich das?« Sie schüttelte den Kopf. »Du warst mein Held, Dad. Der Mann, zu dem ich aufgeschaut habe, egal was andere über dich sagten. Jetzt sehe ich, dass ich mich geirrt habe.«
Ihre Augen brannten, aber sie würde nicht weinen. Nicht hier. Nicht vor ihm. Langsam drehte sie sich um und ging zur Tür. Die Wut war verraucht, zurück blieb nur eine tiefe, schmerzende Enttäuschung. Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.
***
Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich in den Fenstern des großzügigen Ranchhauses, als Jackson Ballard seinen Jeep davor zum Stehen brachte. Er schaltete den Motor aus, blieb noch einen Moment sitzen und betrachtete das Gebäude durch die Windschutzscheibe. Die Abendsonne tauchte die Fassade aus Holz und Naturstein in ein goldenes Licht und ließ das Haus warm und einladend wirken.
Mit einem tiefen Atemzug stieg er aus und streckte sich ausgiebig, ehe er auf die breite Veranda zuging.
Wie Blake wohl reagieren würde, wenn er jetzt plötzlich ohne Vorankündigung hier auftauchte? Sie hatten sich vier Jahre nicht gesehen, lediglich in unregelmäßigen Abständen miteinander telefoniert.
Entschlossen klopfte er an die schwere Holztür. Schritte näherten sich, dann öffnete sich die Tür.
»Jax? Oh mein Gott!«
Vor ihm stand Blakes Frau Cathy, die Augen weit aufgerissen vor Überraschung. Sein Blick fiel sofort auf ihren gerundeten Babybauch, deutlich sichtbar unter dem lockeren Sommerkleid. Blake hatte es am Telefon erwähnt, aber sie tatsächlich so zu sehen … Etwas Unerwartetes zog sich in seiner Brust zusammen. Ein seltsames Gefühl von Sehnsucht, das er nicht einordnen konnte.
»Cathy! Wie hübsch du aussiehst – strahlend wie die Sonne selbst.« Mit einem breiten Grinsen zog er sie in eine vorsichtige Umarmung.
»Immer noch der gleiche Charmeur.« Sie lachte und trat beiseite. »Komm rein. Blake hat nicht erwähnt, dass du uns besuchst.«
»Weil er’s nicht wusste. War ein spontaner Einfall.«
»Er wird aus allen Wolken fallen.« Mit einer einladenden Handbewegung führte sie ihn durch den Flur. »Er ist in seinem Arbeitszimmer, vermutlich vergraben unter Papierkram.«
Sie öffnete eine Tür. »Schatz? Hier ist jemand, den du sehen solltest.«
Wie erwartet saß Blake Cantrell hinter seinem Schreibtisch, die Stirn in Falten gelegt, und blickte konzentriert auf einen Computerbildschirm. Als er aufsah, erstarrte er für einen Moment, bevor ein ungläubiges Lächeln über sein Gesicht zog.
»Speedy! Verdammt nochmal!« Er sprang auf, stieß dabei fast seinen Stuhl um und kam mit ausgebreiteten Armen auf Jax zu. »Was zum Teufel machst du hier?«
Die beiden Männer umarmten sich fest und klopften einander mit der brüderlichen Zuneigung langjähriger Freunde auf den Rücken.
»Ich dachte, ich schaue mal vorbei, ob du ohne mich überlebst.« Jax grinste, während Blake ihn zu den Ledersesseln vor dem Kamin dirigierte.
»Da hast du aber richtig Glück gehabt. Cathy und ich fahren nämlich morgen früh für ein paar Wochen weg. – Setz dich, Mann. Willst du was trinken? Kaffee? Eistee? Whiskey?«
»Später vielleicht.«
Cathy verschwand diskret und schloss die Tür hinter sich, während Blake sich Jax gegenüber niederließ.
»Also, was führt dich hierher? Deine letzte Nachricht war, dass du in Miami bist und die Eier in den Pool hängst.«
Entspannt lehnte Jax sich zurück und strich sich über die blonden, kurz geschnittenen Haare. »Tja, da war ich auch. Aber jetzt kann ich mir das süße Leben nicht mehr leisten, meine Kohle ist weg.«
»Echt jetzt? Du hast die ganze Abfindung verprasst? Die war doch …«
»… ordentlich, ja. Aber du kennst mich.« Er zuckte mit den Schultern. »Außerdem hängt mir das Lotterleben zum Hals heraus. Wein, Weib und Gesang wird irgendwann auch langweilig.«
Voller Skepsis hob Blake eine Augenbraue. »Du? Gelangweilt von Frauen und Partys? Wer bist du und was hast du mit meinem Freund gemacht?«
»Es wird Zeit, sesshaft zu werden.« Jax lehnte sich vor, plötzlich ernst. »Ich suche einen Job.«
Blake starrte ihn an, als hätte er gerade verkündet, er wolle Balletttänzer werden. »Ein Job?«
»Ja. Ich will mir etwas aufbauen, etwas Eigenes. Eine kleine Ranch, nichts Großes, aber ausreichend, um eine Familie zu ernähren. Und um das zu realisieren, brauche ich eine Arbeit. Kannst du mir was anbieten? Irgendwas? Ich fasse überall mit an.«
Bedauernd schüttelte Blake den Kopf. »Würde ich sofort, aber Ty arbeitet noch für mich, und mehr kann ich mir nicht leisten.«
»Schade.« Jax ließ sich in den Sessel zurückfallen. »Na, egal, ich werde schon was finden.«
»Warum gehst du nicht zu deinem Bruder und lässt dir dein Erbteil auszahlen? Das Geld steht dir zu, und nach allem was, du erzählt hast, wäre es doch sicher ein ausreichendes Startkapital für eine eigene Ranch.«
Jax verzog das Gesicht. »Lieber schneide ich mir ein Ei ab, als bei Adam um Geld zu betteln.« Die bloße Vorstellung ließ seinen Magen rebellieren. »Auch wenn es mir rechtmäßig zusteht – ich will nichts geschenkt haben. Besonders nicht von ihm.«
»Hm.« Nachdenklich rieb Blake sich das Kinn. »Du könntest es bei meinem Vater probieren. Auf Golden Meadows werden immer Leute gesucht, und er zahlt anständig, wenn man hart arbeitet.«
»Meinst du?«
»Definitiv. Er braucht zuverlässige Männer, und Erfahrung mit Rancharbeit hast du ja. Außerdem kannst du dort im Bunkhouse wohnen und sparst so Geld für Miete ein.«
Jax nickte. »Klingt gut. Wäre auf jeden Fall super, wenn das klappen würde.«
»Ich rufe gleich meinen Vater an und kündige dich an. Er ist zwar manchmal ein harter Hund, aber er wird dir eine Chance geben.«
»Das wäre verdammt großartig.«
»Ich freue mich, dass du in der Nähe bleibst.« Blake lächelte zufrieden. »Wird Zeit, dass wir wieder mehr miteinander zu tun haben.«
»Na klar, denkst du, ich lasse meinen besten Kumpel kurz vor der Geburt seines ersten Kindes im Stich? In der Stunde der Not braucht man doch seine Freunde.«
»Stunde der Not? Ich werde Vater, kein Todeskandidat.«
»Das kommt aufs Gleiche raus.« Jax grinste breit. »Schlaflose Nächte, Panikattacken – dein Leben, wie du es kennst, ist vorbei.«
Blake lachte und wischte die düsteren Prophezeiungen seines Freundes mit einer Handbewegung beiseite. »So dramatisch wird’s schon nicht werden. Ich habe schließlich Afghanistan überlebt, ein Baby kann nicht schlimmer sein.«
»Rede dir das nur weiter ein. Du wirst dich noch an meine Worte erinnern, wenn du nach drei Wochen ohne Schlaf mit Babykotze auf deinem letzten sauberen T-Shirt durch die Gegend läufst.«
»Du übertreibst mal wieder. Aber zur Sicherheit haben Cathy und ich noch einen Babymoon geplant, um ein letztes Mal die Zweisamkeit zu genießen, bevor der kleine Schreihals kommt. Wir fahren morgen für ein paar Wochen nach Oregon, in ein gemütliches Hotel direkt am Meer, bei Newport.« Blake machte eine einladende Geste. »Wenn du willst, kannst du aber trotzdem gerne hierbleiben, bis du einen Job und eine Unterkunft gefunden hast. Das Gästezimmer ist frei.«
Jax schüttelte den Kopf. »Danke, aber ich habe mir schon ein Zimmer im Old Inn genommen. Für ein paar Tage reicht mein Geld noch.«
»Wie du meinst. Aber das Angebot steht. Und sobald wir zurück sind, kommst du zum Abendessen vorbei. Cathys Rinderbraten ist legendär.«
»Die Einladung nehme ich gerne an.« Jax grinste. »Ich muss ja noch so viel Erwachsenenzeit wie möglich mit euch verbringen, bevor ihr in Babygeschrei und Windeln versinkt. Aber mal im Ernst, ich freue mich wirklich für euch beide. So ein Kind ist schon ein großes Wunder.«
Die Worte kamen überraschend ernst über seine Lippen. Während er sie aussprach, spürte er etwas in seiner Brust, ein seltsames Ziehen, das er nicht einordnen konnte. Blakes strahlendes Gesicht, die Art, wie er über Cathy sprach, die Vorfreude in seinen Augen … all das löste ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus.
Ein unerwartetes Bild formte sich in seinem Kopf: ein eigenes Haus, eine Frau an seiner Seite, vielleicht sogar Kinder. Etwas, das er bisher immer weit von sich geschoben hatte. Das Leben als ewiger Junggeselle hatte ihm all die Jahre genügt, zumindest hatte er sich das eingeredet.
Doch jetzt, in diesem Moment, während er Blake beobachtete, wie dieser stolz von seiner wachsenden Familie sprach, keimte in ihm ein Gefühl auf, das er noch nie gespürt hatte. Der Wunsch nach etwas Beständigem, nach einem Zuhause, das mehr war als nur ein vorübergehender Aufenthaltsort.
Kapitel 2
Mit einem frustrierten Stöhnen warf Tammy ihre Bluse in die Kommode. Ihre Bewegungen wurden immer heftiger, je mehr Kleidungsstücke sie aus dem Koffer zog. Wütend knallte sie eine Schublade zu, nur um sie gleich wieder aufzureißen, als sie bemerkte, dass sie ihre Socken noch nicht verstaut hatte.
Verdammter, sturer, rückständiger alter Mann! Wie konnte er nur so blind sein? Zwei Studiengänge mit Bestnoten, jahrelange Vorbereitung, und alles umsonst, weil sie zufällig als Frau geboren wurde.
Nach dem letzten Kleidungsstück ließ sie sich rücklings aufs Bett fallen und starrte an die Decke. Das Zimmer sah noch genauso aus wie in ihrer Jugend, mit zartgrünen Wänden, weißen Spitzengardinen sowie einem Regal voller Pferdebücher und Wirtschaftslektüre. Eine seltsame Mischung, die sie perfekt widerspiegelte.
Mit einem tiefen Atemzug nahm sie ihr Handy und wählte die Nummer ihrer besten Freundin Frances. Nach dem dritten Klingeln meldete sich die vertraute Stimme.
»Hey Tammy, wie schön, dich zu hören. Bist du gut angekommen?«
»Ja, aber ich wünschte, ich wäre in Boise geblieben.«
»Was ist passiert?«, fragte Frances besorgt.
»Dad hat mir gerade unmissverständlich klargemacht, dass ich die Ranch niemals leiten werde, weil ich eine Frau bin. Kannst du dir das vorstellen, Fran? Im einundzwanzigsten Jahrhundert!«
»Oh Süße, das tut mir leid. Aber er meint das sicher gar nicht so. Gib ihm einfach etwas Zeit.«
»Zeit?« Tammy schnaubte. »Als ob das etwas ändern würde. Er ist so verbohrt.«
»Ich weiß, ich weiß.« Frances’ Stimme klang beruhigend. »Aber vielleicht musst du ihm einfach beweisen, dass du es kannst. Zeig ihm, was in dir steckt.«
»Wie denn? Er lässt mich ja nicht mal in die Nähe der Geschäftsbücher.« Tammy drehte sich auf die Seite, zog ihre Beine an und seufzte. »Weißt du, ich kannte ja seine Einstellung, aber ich hatte so sehr gehofft, dass er sie ändern würde, wenn ich ihm meine Abschlüsse präsentiere. Ich habe so hart dafür gearbeitet, und er wischt das einfach so beiseite, als wäre es nichts.«
»Dein Vater ist vielleicht stur, aber nicht dumm. Er wird schon noch zur Einsicht kommen.«
»Kann sein.« Tammy wollte nicht mehr darüber nachdenken. »Lass uns über was anderes reden. Was macht die Liebe? Gibt’s jemand Neues in deinem Leben?«
Frances lachte kurz auf. »Liebe? In welchem Paralleluniversum soll ich denn Zeit dafür finden? Entweder arbeite ich bei deinem Bruder auf der Ranch oder ich kümmere mich um meinen Vater.«
»Wie geht es ihm denn?«, fragte Tammy mitfühlend.
»Er baut immer weiter ab, und das schneller, als mir lieb ist. Ich werde auch nur noch bis Ende der Woche bei Clint arbeiten, ich kann Dad nicht mehr so lange allein lassen.«
Tammy schluckte. »Das tut mir so wahnsinnig leid.«
»Ja, mir auch.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen in der Leitung.
»Sag mal,« durchbrach Frances schließlich die Stille, »hast du schon was für deinen Geburtstag geplant? Immerhin ist es ein Vierteljahrhundert, das muss doch ordentlich gefeiert werden.«
»Nein, noch nicht. Und ich möchte auch nichts Spektakuläres. Einfach nur ein gemütliches Beisammensein mit der Familie und meinem Freund.«
»Deinem was?« Frances’ Stimme überschlug sich fast. »Seit wann hast du denn einen Freund? Und warum weiß ich davon nichts?«
»Wir sind noch nicht lange zusammen.«
»Nicht lange zusammen? Tamara Cantrell, ich bin deine beste Freundin! Du hättest mir das sofort erzählen müssen! Wer ist er? Wie heißt er? Wie habt ihr euch kennengelernt? Ist er süß? Natürlich ist er süß, sonst würdest du nicht mit ihm ausgehen. Aber wie süß genau? Auf einer Skala von eins bis zehn?«
Tammy musste lachen. »Ich glaube, es ist zu viel, um dir das alles am Telefon zu erzählen. Wie wäre es, wenn wir uns treffen?«
»Das würde ich gerne, aber zwischen der Arbeit und meinem Vater bleibt kaum Zeit zum Durchatmen.«
»Weißt du was?«, sagte Tammy nach kurzem Überlegen. »Ich wollte morgen früh sowieso zu Clint rüberfahren, um nach meiner kleinen Nichte Emily zu sehen. Er hat bestimmt nichts dagegen, dass wir ein bisschen quatschen.«
»Das klingt gut.« Frances kicherte. »Aber erwarte bloß nicht, dass ich dich in Ruhe lasse, bevor ich dir jedes schmutzige Detail aus der Nase gezogen habe!«
***
Der späte Vormittagshimmel spannte sich in strahlendem Blau über Elkpoint, als Jax das Old Inn verließ. Die Schlüssel seines alten Jeeps klimperten in seiner Hand, während er über den Parkplatz schlenderte. Er stieg ein und startete den Motor. Der Wagen hatte bessere Tage gesehen, aber er brachte ihn zuverlässig von A nach B. Mehr brauchte er nicht.
Die Straße schlängelte sich aus dem Ort hinaus, vorbei an Weiden und Feldern, die in der Morgensonne glänzten. Jax kurbelte das Fenster herunter und ließ die frische Landluft hereinströmen. Der Geruch nach Gras und Erde erfüllte seine Lungen und erinnerte ihn an seine Heimat in Kansas.
Nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt erreichte er die Zufahrt nach Golden Meadows. Als er um die Kurve bog, kam ihm ein metallicblauer Subaru Crosstrek entgegen. Jax steuerte seinen Jeep an den Wegrand, hob mechanisch die Hand zum Gruß, und wartete, bis das Fahrzeug vorbeigefahren war, dann setzte er seine Fahrt fort. Nach einer weiteren Biegung kam das imposante Herrenhaus in Sicht, und genau wie bei seinem ersten und einzigen Besuch hier war er beeindruckt von der Pracht des Anwesens.
Er parkte seinen Wagen neben mehreren gepflegten SUVs mit dem Golden Meadows Logo, stieg aus und legte die wenigen Schritte zum Eingang zurück. Mit einem tiefen Atemzug drückte er auf die Klingel.
Kurz darauf öffnete ein Bediensteter, an den er sich vage erinnerte, die schwere Holztür.
»Guten Tag, Sir. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Jackson Ballard. Ich würde gerne mit Mr. Cantrell sprechen.«
»Ah, Mr. Ballard. Sie werden bereits erwartet. Bitte folgen Sie mir.«
Mit gemessenen Schritten führte der Mann ihn durch die geräumige Eingangshalle und dann einen breiten Flur entlang. Vor einer Tür am Ende des Gangs blieb er stehen und klopfte diskret.
»Herein!«, erklang eine tiefe, autoritäre Stimme von drinnen.
Der Bedienstete öffnete. »Mr. Ballard«, kündigte er an, ehe er Jax mit einer höflichen Geste bedeutete, einzutreten.
Gregory Cantrell saß hinter einem massiven Schreibtisch aus dunklem Holz. Das Sonnenlicht, das durch die großen Fenster fiel, malte Schatten auf sein Gesicht und ließ ihn streng wirken. Er erhob sich, als Jax eintrat, und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.
»Jax, wie schön, dich wiederzusehen. Wie lang ist es her, dass du zu Blakes und Cathys Hochzeit hier auf Golden Meadows warst? Vier Jahre, nicht wahr?«
»Richtig, Sir.« Jax erwiderte den Händedruck mit gleicher Festigkeit. »Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen, ich weiß das wirklich zu schätzen.«
»Keine Ursache, schließlich bist du Blakes bester Freund.« Gregory deutete auf einen der Sessel vor dem Schreibtisch. »Nimm Platz.« Nachdem er sich selbst ebenfalls wieder in seinem Ledersessel niedergelassen hatte, musterte er Jax prüfend. »Du willst also für mich arbeiten. Hast du Erfahrung mit Rancharbeit?«
»Ja, Sir. Meiner Familie gehört eine Ranch in Kansas. Ich bin dort aufgewachsen und habe von klein auf mitgeholfen.«
»Kansas … Bist du zufällig mit Henry Ballard verwandt?«
»Das ist mein Vater, Sir.«
»Ein sehr kompetenter und kluger Mann.« Gregorys Stimme war voller Respekt. »Ich habe ihn vor langer Zeit auf einer Landwirtschaftsausstellung kennengelernt. Warum arbeitest du nicht für ihn?«
Jax atmete tief durch. »Er ist vor ein paar Jahren gestorben. Danach ging der Besitz an meinen älteren Bruder und mich, wir sollten die Geschäfte gemeinsam weiterführen.« Er zögerte kurz. »Aber wir verstehen uns nicht besonders gut. Unsere Vorstellungen von der Leitung einer Ranch waren sehr unterschiedlich, und wir hatten deswegen oft Streit, also beschloss ich, mich zurückzuziehen. Deswegen ging ich damals zu den Marines.«
»Verstehe.« Gregory nickte langsam, als würde er jedes Wort abwägen. »Familienbetriebe können kompliziert sein.«
»Ja, und deswegen ist es besser, wenn ich meinen eigenen Weg gehe.«
»Ich schätze deine Offenheit, und natürlich auch deine Freundschaft zu Blake. Aber ich muss dir gleich sagen, dass ich dir keinen Sonderposten geben kann, nur weil du der beste Freund meines Sohnes bist.«
Jax nickte. Er hatte nichts anderes erwartet.
»Was ich dir anbieten kann, ist eine Stelle als Ranchhand«, fuhr Gregory fort. »Wenn du damit einverstanden bist, können wir ins Geschäft kommen.«
»Das ist völlig in Ordnung, Sir. Ich habe nicht mit einer Sonderbehandlung gerechnet, und ich habe auch kein Problem damit, hart zu arbeiten.«
Ein Anflug von Zufriedenheit huschte über Gregorys Gesicht. »Das wollte ich hören.« Er öffnete eine Schublade und zog ein Formular hervor. »Die Arbeitszeiten sind von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, sechs Tage die Woche. Sonntags ist frei, es sei denn, es gibt einen Notfall. Die Bezahlung ist fair. Sechshundert Dollar die Woche, plus Kost und Logis im Bunkhouse.«
Jax nickte. Die Bedingungen waren hart, aber üblich für Rancharbeit. »Das klingt gut.«
Gregory schob ihm das Formular und einen Stift über den Tisch. »Lies dir alles durch und unterschreib unten.«
Rasch überflog Jax das Dokument, setzte seine Unterschrift auf die gestrichelte Linie und schob das Papier zurück.
»Tja, dann …«, Gregory stand auf und reichte Jax die Hand, »willkommen auf Golden Meadows. Colt Brennan ist unser Vormann, du findest ihn in seinem Büro drüben bei den Baracken. Er wird dir alles zeigen und dich einweisen.«
Jax erhob sich ebenfalls und ergriff die dargebotene Hand. »Vielen Dank für die Chance, Mr. Cantrell. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«
»Das will ich hoffen.« Gregory sah ihm fest in die Augen. »Es wäre schade, wenn ich diese Entscheidung wieder rückgängig machen müsste.«
***
Kies knirschte unter den Reifen, als Tammy ihren Wagen vor dem Wohnhaus der C Bar Ranch zum Stehen brachte. Es war ein schönes zweistöckiges Gebäude aus hellem Holz mit einer breiten Veranda, die sich um das gesamte Erdgeschoss zog. Im Hintergrund waren Stallungen zu sehen, und weitläufige Koppeln, auf denen die Pferde grasten.
Kaum hatte sie den Motor abgestellt, flog die Haustür auf.
»Tante Tammy! Tante Tammy!«
Ein kleiner Wirbelwind mit fliegenden dunklen Locken raste die Stufen der Veranda hinunter und über den Hof.
Tammy stieg aus und breitete die Arme aus. »Emily!«
Das Mädchen warf sich mit voller Wucht auf sie, und Tammy fing sie auf, hob sie hoch und wirbelte sie durch die Luft.
Emilys Lachen perlte hell durch die Mittagsluft. »Schneller, schneller!«
Lachend drehte Tammy sich immer wilder im Kreis, bis ihr beinahe schwindelig wurde.
»Vorsicht, sonst fallt ihr beide noch hin«, ertönte eine amüsierte Stimme von der Veranda.
Megan, die künftige Frau ihres Bruders, stand in der Tür, die Hände in die Hüften gestemmt, ein Lächeln auf den Lippen. Ihre blonden Haare glänzten in der Sonne.
Behutsam setzte Tammy Emily ab und hielt sich theatralisch den Kopf. »Puh, ich glaube, ich werde zu alt für solche Stunts.«
Die Kleine kicherte. »Du bist gar nicht alt.«
»Na, das will ich auch meinen.« Mit einem Augenzwinkern tätschelte Tammy den Kopf ihrer Nichte und ging dann auf Megan zu.
Die beiden Frauen umarmten sich herzlich.
»Schön, dich zu sehen«, sagte Megan und machte eine einladende Handbewegung. »Komm rein. Clint ist noch in den Ställen unterwegs, aber Fran hat gerade frische Limonade gemacht, mit der wir uns inzwischen ein bisschen abkühlen können.«
Sie betraten gemeinsam das Haus, Emily hüpfte voraus.
»Und, hast du dich gut eingelebt?«, fragte Tammy, während sie sich auf dem Sofa niederließ. »Das letzte Mal, als ich hier war, standen noch überall Umzugskartons herum.«
Megan nahm den Limonadenkrug vom Tisch, füllte zwei Gläser und stellte eins vor Tammy ab. »Ja, endlich! Es hat ewig gedauert, alles einzuräumen.« Sie ließ sich auf den Sessel gegenüber sinken. »Aber jetzt fühlt es sich wirklich wie zu Hause an.«
Während die beiden Frauen über die neuesten Ereignisse in der Stadt plauderten, schleppte Emily einen Korb voller Spielzeug an und stellte ihn vor Tammy ab. »Das musst du alles sehen!«
Die Haustür öffnete sich, und Clint betrat den Flur.
»Schuhe aus!«, rief Megan mahnend, ohne sich umzudrehen.
Grinsend streifte er seine Stiefel ab und kam ins Wohnzimmer. »Sieh an, sieh an. Unser Nesthäkchen ist zurück.«
Tammy sprang auf und fiel ihrem Bruder um den Hals. »Ich hab dich vermisst.«
Er drückte sie fest an sich, hob sie kurz an und stellte sie dann wieder ab. »Jetzt, wo du wieder hier bist, werden wir wohl keine ruhige Minute mehr haben, was?«
»Da kannst du Gift drauf nehmen.« Mit einem schelmischen Lächeln stemmte sie die Hände in die Hüften. »Ich werde dich regelmäßig heimsuchen. Und Blake ebenfalls. Bei ihm und Cathy fahre ich nachher auch noch vorbei.«
»Tja«, Clint schüttelte den Kopf, »da hast du leider Pech. Die beiden sind heute in aller Herrgottsfrühe zu ihrem Babymoon aufgebrochen.«
»Was?« Enttäuscht ließ Tammy sich zurück aufs Sofa fallen. »Das ist ja typisch. Kaum bin ich wieder da, hauen die beiden ab.«
»Sie sind für ein paar Wochen weg«, erklärte Clint und nahm sich ein Glas Limonade.
Tammy seufzte. »Und das, obwohl ich nächste Woche Geburtstag habe. Die Welt ist so schlecht geworden.« Sie grinste. »Naja, dafür werde ich ihn doppelt so oft besuchen, wenn das Baby da ist.«
Megan und Clint lachten, und Emily zupfte an Tammys Ärmel. »Tante Tammy, spielst du mit mir?«
»Natürlich, Schätzchen.«
Während sie mit Emily deren Puppen umzog und frisierte, plauderte Tammy mit Clint und Megan, die alles über ihren Abschluss wissen wollten. Dadurch landete das Thema unweigerlich bei Gregory und dem Gespräch, das sich am Vortag abgespielt hatte.
»Und dann hat er einfach gesagt, dass er die Geschäftsführung niemals einer Frau überlassen würde.« Erbost warf Tammy die Arme in die Luft. »Ich meine, wir haben 2026, nicht 1826!«
Clint lehnte sich zurück und strich sich nachdenklich übers Kinn. »Dad ist halt aus einer anderen Zeit.«
»Aus der Steinzeit, meinst du wohl.« Tammy schnaubte verächtlich. »Ich habe zwei Abschlüsse mit Bestnoten! Zwei! Was soll ich denn noch tun? Einen dritten machen? Oder vielleicht einfach über Nacht zum Mann werden? Wie wäre es mit einer Geschlechtsumwandlung?«
Megan warf Clint einen bedeutungsvollen Blick zu und nahm Emily an die Hand. »Komm, Schätzchen, wir gehen nach oben und packen schon mal deine Sachen für den Übernachtungsbesuch bei Finn ein.«
Als die beiden den Raum verlassen hatten, nahm Clint die Unterhaltung wieder auf. »Ich verstehe, dass du wütend bist. Aber Dad braucht vielleicht einfach noch etwas Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Veränderungen fallen ihm schwer.«
»Du weißt, wie sehr ich Golden Meadows liebe. Ich hatte mich so darauf gefreut, an Daddys Seite in die Geschäfte einzusteigen.«
»Ja, ich weiß, und ich bin sicher, du würdest deine Sache gut machen.« Clint legte ihr eine Hand auf den Arm. »Hör zu, ich verspreche dir, dass ich bei deiner Geburtstagsfeier mit ihm rede und ein gutes Wort für dich einlege.«
Hoffnung flackerte in Tammys Augen auf. »Würdest du das wirklich tun?«
»Natürlich. Aber ich muss dich warnen. Du weißt, wie unnachgiebig Dad manchmal ist, und ich bin nicht sicher, ob ich wirklich etwas bewirken kann.«
Sie lehnte sich an ihn und legte ihren Kopf auf seine Schulter, wie sie es als Kind oft getan hatte, wenn sie Trost brauchte. »Weißt du, ich habe mir immer eingeredet, dass Dad so gerecht ist. Dass er jeden nach seinen Fähigkeiten beurteilt. Aber das stimmt einfach nicht.«
»Menschen sind kompliziert, Tammy. Selbst die, die wir am besten zu kennen glauben.«
»Ja.« Sie schluckte schwer. »Ich hatte nur gehofft, dass er stolz auf mich wäre.«
Einen Moment lang blieben die beiden Geschwister still sitzen, dann erhob Tammy sich und warf ihrem Bruder einen fragenden Blick zu. »Macht es dir etwas aus, wenn ich mich kurz mit Fran unterhalte?«
Clint schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht.«
Mit leichten Schritten durchquerte Tammy den Wohnraum und betrat die Küche, aus der bereits verführerische Düfte drangen. Der Geruch von frischem Brot und geschmortem Fleisch erfüllte den Raum. Frances stand mit dem Rücken zur Tür am Herd, ein kariertes Geschirrtuch über der Schulter, und rührte in einem großen Topf. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem praktischen Knoten hochgesteckt.
Beim Klang von Tammys Schritten drehte Frances sich um, und ihr Gesicht erhellte sich augenblicklich. Mit einem freudigen Ausruf ließ sie den Kochlöffel auf die Arbeitsplatte fallen, eilte auf ihre Freundin zu und die beiden Frauen fielen sich in die Arme.
Nach einer langen Umarmung lösten sie sich voneinander. Frances zog Tammy zum Küchentisch, drückte sie mit einem verschwörerischen Funkeln in den Augen auf einen der Stühle und setzte sich ihr gegenüber.
»So, und jetzt raus mit der Sprache: Wer ist dieser mysteriöse neue Freund, von dem du mir am Telefon erzählt hast? Ich will alles wissen!«
Ein verträumtes Lächeln zog über Tammys Gesicht, als sie an ihre erste Begegnung mit Archie dachte.
»Er heißt Rupert Archibald Fairfax, aber ich nenne ihn nur Archie. Wir haben uns vor etwa sechs Wochen in diesem neuen Café in Boise kennengelernt – du weißt schon, das mit den leckeren französischen Croissants, von denen ich dir erzählt habe. Ich saß da, total vertieft in meine Unterlagen, und hatte völlig die Zeit vergessen. Als ich dann endlich zahlen wollte, funktionierte meine Kreditkarte nicht.« Tammy verdrehte die Augen. »Frag nicht, wie peinlich mir das war. Du weißt genau, dass es nicht dein Fehler ist, aber alle gucken dich an, als ob du ein Verbrecher wärst.«
»Und dann kam er zur Rettung?« Frances’ Augen funkelten vor Neugier.
»Genau. Er saß schon die ganze Zeit am Nebentisch. Ich hatte ihn kaum bemerkt, aber offensichtlich hatte er mich beobachtet. Als er mitbekam, dass ich Probleme hatte, bot er an, meine Rechnung zu übernehmen. Einfach so. Er meinte, er könne es nicht ertragen, wenn eine so bezaubernde junge Dame in Verlegenheit gebracht würde.« Tammy kicherte. »Sein britischer Akzent ist zum Niederknien.«
»Ah, er ist Brite. Daher der ungewöhnliche Name.«
»Ja, und nicht nur das, er ist sogar adelig. Ein echter Baronet – kaum zu glauben, oder?«
Frances seufzte dramatisch. »Warum passieren mir eigentlich nie solche aufregenden Sachen?« Dann grinste sie und stupste Tammy mit dem Ellbogen an. »Wie ging es weiter?«
»Er gab mir seine Visitenkarte, so eine richtig edle Karte mit goldgeprägtem Namenszug und allem Drum und Dran. Am nächsten Tag habe ich ihm das Geld zurückgebracht. Ich dachte, das wäre es dann gewesen, aber er lud mich zum Dinner ein und seitdem haben wir uns regelmäßig getroffen.«
»Und? Wann hat er dich zum ersten Mal geküsst?«
»Es war nach unserem vierten Date. Wir waren im Egyptian Theatre und haben uns diesen französischen Schwarzweißfilm angesehen. Weißt du, diese alten Kinos haben etwas so Romantisches. Nach dem Film hat er mich nach Hause gebracht. Wir standen vor der Eingangstür zum Studentenwohnheim, und dann – stell dir vor – hat er tatsächlich gefragt: ›Darf ich dich küssen?‹« Tammy kicherte. »Ich meine, wer macht das heutzutage noch?«
Frances seufzte verzückt. »Ein echter Gentleman.«
»Ja, das ist er definitiv. Er ist so völlig anders als die Männer hier. So kultiviert und stilvoll, und er benimmt sich tadellos, wirklich. Er hat noch nicht einmal versucht, mir an die Wäsche zu gehen, was ja bei vielen Kerlen sonst schon am ersten Abend üblich ist.«
»Echt jetzt?« Frances’ Augen wurden groß. »Das heißt, ihr habt noch nicht …?«
»Nein, nichts außer Küssen«, bestätigte Tammy. »Und ehrlich gesagt genieße ich das. Es ist schön, so umworben zu werden, von einem Mann, der sich nicht benimmt wie ein Neandertaler. Er gibt mir das Gefühl, dass er mich wirklich schätzt, also tatsächlich meinetwegen, und nicht, weil er mich auf dem schnellsten Weg ins Bett kriegen will.«
»Das klingt wirklich perfekt, und ich freue mich sehr für dich.« Frances klang aufrichtig und kein bisschen neidisch. »Wann lerne ich dieses Prachtexemplar kennen?«
»An meinem Geburtstag«, sagte Tammy mit einem glücklichen Lächeln, »und ich freue mich schon sehr darauf, ihn wiederzusehen.«
Frances sprang auf, nahm einen Notizblock und einen Stift aus einer Schublade und setzte sich wieder hin. »Dann lass uns Pläne machen«, sie klickte auf den Kugelschreiber, »damit es eine unvergessliche Geburtstagsfeier wird.«
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