Eine Nanny für den Tierarzt
Ebook & Taschenbuch
Inhalt
Traum von der eigenen Ranch geplatzt. Geld weg. Auto kaputt.
Völlig mittellos strandet Jolene „Joe“ Harding in Elkpoint und landet zufällig im Haus von Kent Sheridan, dem attraktiven, alleinerziehenden Tierarzt.
Als Nanny erobert sie schnell das Herz seiner drei kleinen Jungs und auch Kent kann sich nach anfänglichem Widerstand ihrer Anziehungskraft nicht entziehen. Sie beginnen eine heiße Affäre ohne Verpflichtungen – doch dann klopft die Vergangenheit an die Tür und plötzlich ändert sich alles …
Themen: Liebesroman, Single Dad Romance, Nanny, Found Family, Slow Burn, Broken Hero, Small Town Romance, Spicy Romance
Leseprobe
1
Irritiert starrte Joe Harding auf das Blockhaus am Ufer des Sees. Rauch stieg träge aus dem Schornstein auf, die Veranda war mit funkelnden Schneekristallen bedeckt. Es war idyllisch, allerdings keine Ranch. Definitiv nicht.
Mit einem leisen Seufzen zog sie den Kaufvertrag aus ihrer Tasche und studierte zum wiederholten Male die Adresse. Crook Reservoir Road. Sie war doch richtig, oder? Aber hier war der Weg zu Ende, und nirgends gab es eine Spur von der Ranch, die sie gekauft hatte.
»Okay, kein Problem«, murmelte sie. »Vielleicht habe ich irgendwo eine Abzweigung übersehen. Ich fahre einfach zurück und schaue mich noch einmal gründlich um.«
Sie wendete den Pick-up und rollte langsam über die unbefestigte Straße zurück. Dabei huschte ihr Blick immer wieder zu beiden Seiten hin und her. Irgendwo musste diese verdammte Ranch doch sein.
Ein schmaler Trampelpfad zwischen den Bäumen erregte ihre Aufmerksamkeit. Er war kaum mehr als ein dunkler Strich im Schnee, definitiv zu eng für den Pick-up.
»Na toll.« Mit zusammengekniffenen Augen spähte sie den Pfad entlang. Zwischen den kahlen Ästen schimmerte etwas hindurch. Vielleicht ein Gebäude? Sie lenkte den Pick-up an den Wegrand und stellte den Motor ab. Frostiger Wind peitschte ihr ins Gesicht, als sie die Wagentür öffnete. Ihre Stiefel versanken knöcheltief im Schnee.
»Das kann doch nicht wahr sein«, knurrte sie und zog den Reißverschluss ihrer Daunenjacke bis unters Kinn.
Der schmale Weg schlängelte sich zwischen hohen Kiefern hindurch. Tannennadeln knackten unter ihren Schritten. Nach zehn Minuten Fußmarsch lichtete sich der Wald. Statt der erhofften Ranch stand dort jedoch nur ein windschiefer Schuppen, dessen morsches Holz sich dunkel gegen den weißen Schnee abhob. Das Dach war an mehreren Stellen eingesackt, die Fenster mit Brettern vernagelt.
Ein hysterisches Lachen stieg in Joes Kehle auf. Die Fotos des Maklers hatten ein gemütliches Ranchhaus mit großer Scheune und umzäunten Koppeln gezeigt. Nichts davon war hier zu sehen.
Frustriert machte sie sich auf den Rückweg zu ihrem Wagen. Völlig durchgefroren ließ sie sich hinter das Steuer fallen und startete den Motor. Als sie Gas gab, heulte der Motor auf, die Reifen drehten durch, und ein Schwall Schneematsch flog an die Seitenfenster.
Kopfschüttelnd legte Joe wieder den Rückwärtsgang ein und trat ganz sanft auf das Gaspedal, doch das Ergebnis war das Gleiche. Nachdem sie noch ein paar Mal vergeblich versucht hatte, das Fahrzeug zu befreien, schlug sie mit der flachen Hand auf das Lenkrad.
»Verdammte Axt.«
Leise fluchend stieß sie die Tür auf, stieg aus, stapfte durch den knöcheltiefen Matsch und beäugte die Reifen, die in einer tiefen Rille feststeckten.
Na großartig. Jetzt fehlte nur noch, dass ein Grizzly um die Ecke kam, um den Tag endgültig zu ruinieren.
Während Joe überlegte, wie sie den Wagen befreien könnte, ertönte plötzlich ein leises Brummen, das sich langsam näherte, zusammen mit dem knirschenden Geräusch von Reifen auf Schnee. Sekunden später kam ein jeansblauer Hyundai Venue um die Wegbiegung und hielt dann neben ihrem Pick-up an. Eine junge Frau mit dunklen Locken sprang heraus.
»Brauchen Sie Hilfe?«
Joe deutete achselzuckend auf die Räder. »Ich fürchte, ich habe mich festgefahren.«
»Das kenne ich, ist mir auch schon passiert, trotz Allradantrieb. Aber das haben wir gleich, wir legen einfach die Fußmatten unter die Reifen.«
Gemeinsam platzierten sie die Gummimatten unter den Rädern, und tatsächlich hatten sie den Pick-up kurz darauf befreit.
»Danke für die Hilfe.« Joe klopfte den Schnee von ihren Handschuhen. »Ohne Sie hätte ich hier wohl noch ewig festgesteckt.«
»Kein Problem. Aber was machen Sie eigentlich bei dem Wetter hier draußen? Wollten Sie zu uns oder haben Sie sich verirrt?«
Joe seufzte. »Ja, ich glaube, ich habe mich tatsächlich verfahren. Ich suche die 2435 Crook Reservoir Road.«
»2435?«, wiederholte die Frau und schüttelte den Kopf. »Eine Hausnummer 2435 gibt es nicht.« Sie deutete in die Richtung, in der das Blockhaus lag. »Wir sind das letzte Haus und haben die Nummer 2387. Vielleicht haben Sie sich beim Aufschreiben der Ziffern vertan, oder die Straße verwechselt.«
»Nein, ganz bestimmt nicht«, erklärte Joe, angelte den Kaufvertrag vom Beifahrersitz und reichte ihn der Fremden. »Sehen Sie selbst.«
Die Frau griff nach dem Papier, studierte es einen Moment, dann nahm ihr Gesicht einen bedauernden Ausdruck an. »Es tut mir sehr leid, aber es gibt hier an der Straße nirgends eine Ranch.«
Joes Magen verkrampfte sich. »Das … das kann nicht sein.« Ihre Stimme klang dünn und fremd in ihren eigenen Ohren. »Der Makler hat mir jede Menge Fotos gezeigt. Und ich habe doch beim Notar den Vertrag unterschrieben.«
»Wissen Sie was? Ich rufe meinen Verlobten an. Er ist stellvertretender Polizeichef hier in Elkpoint und kann Ihnen sicher weiterhelfen.«
Rasch nahm die Fremde ihr Handy aus der Tasche und tippte auf dem Display herum. Es dauerte nicht lange, bis die Verbindung hergestellt war.
»Morgan? Hier ist eine ziemlich verzwickte Situation …«
Während die Frau ihrem Verlobten die Geschichte in knappen Worten schilderte, lehnte Joe sich gegen ihren Pick-up. Ihre Knie fühlten sich wackelig an. Der eisige Wind zerrte an ihrer Jacke, doch sie spürte die Kälte kaum. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Miranda hatte sie gewarnt, dass es riskant war, eine Ranch zu kaufen, ohne sie vorher persönlich zu besichtigen. Aber sie hatte es eilig gehabt, wegzukommen, und der Preis war so verlockend gewesen …
»Morgan sagt, Sie sollen direkt ins Polizeirevier kommen«, durchbrach die Fremde Joes Gedanken. »Er kennt sich hier in der Gegend bestens aus und ist sich ziemlich sicher, dass derzeit keine Ranch zum Verkauf steht.«
Ein eisiger Klumpen bildete sich in Joes Magen. »Das bedeutet …«
»Tut mir wirklich leid, aber es sieht ganz danach aus, als wären Sie einem Betrüger aufgesessen.«
Benommen starrte Joe auf den Kaufvertrag in ihrer Hand. In ihren Ohren begann es zu rauschen, als sie an das Geld dachte. 67.000 Dollar. Ihre kompletten Ersparnisse. Alles, was sie in den letzten Jahren zusammengekratzt hatte. Einfach weg.
***
Mit zitternden Fingern umklammerte Joe den heißen Kaffeebecher, den Morgan Sheppard ihr gebracht hatte. Der stellvertretende Polizeichef saß ihr hinter seinem Schreibtisch gegenüber, seine blauen Augen musterten sie aufmerksam, während sie ihre Geschichte zum wiederholten Mal erzählte.
»Der Makler nannte sich James Miller von der Mountain View Real Estate. Die Anzeige fand ich auf einer Immobilienwebseite.« Ihre Stimme klang heiser. »Er schickte mir Fotos von der Ranch, Grundrisse, alles. Die Papiere sahen echt aus.«
»Hm.« Morgan Sheppard griff zum Telefonhörer und wählte eine Nummer. »Einen Moment bitte.«
Während er auf die Verbindung wartete, starrte Joe auf die Auszeichnungen und Urkunden an der Wand hinter seinem Schreibtisch. Ihr Magen rebellierte bei dem Gedanken an das verlorene Geld.
»Jack? Morgan hier. Sag mal, wurde in den letzten Wochen irgendeine Ranch in oder um Elkpoint verkauft?« Er lauschte einen Moment. »Verstehe. Auch keine Verkaufsangebote in Aussicht? Alles klar, danke.«
Mit einem Seufzen legte er auf und sah Joe an. Seine Miene verhieß nichts Gutes. »Wie ich es mir schon dachte. In den letzten sechs Monaten gab es hier keine Immobilienverkäufe.«
Joe schloss die Augen und atmete tief durch. Der Kaffee in ihrem Magen verwandelte sich in feurige Lava und eine Welle der Übelkeit überrollte sie. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen, während sie verzweifelt versuchte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
»Das bedeutet wohl, ich wurde übers Ohr gehauen«, murmelte sie tonlos.
»Leider ist das kein Einzelfall.« Mit ernstem Gesicht lehnte Morgan sich in seinem Stuhl zurück. »In der letzten Zeit häufen sich solche Immobilienbetrügereien. Die Täter werden dabei immer professioneller. Sie nutzen echte Immobilienanzeigen als Vorlage, ändern nur die Kontaktdaten. Die gefälschten Dokumente sehen täuschend echt aus. Allein in Idaho hatten wir seit Jahresbeginn zwölf ähnliche Fälle. Landesweit sind es Hunderte.«
Die Worte schnürten Joe die Kehle zu und sie schluckte schwer. Ihr ganzes Erspartes, ihre Träume – alles weg.
»Sie sollten Anzeige erstatten.« Morgan zog ein Formular aus einer Schublade. »Je mehr Details Sie mir geben können, desto besser. E-Mails, Telefonnummern, Kontoverbindungen – alles kann uns helfen, die Täter zu finden.«
Mit zitternden Händen kramte Joe ihr Handy hervor und öffnete den E-Mail-Verlauf. Während sie Morgan die Informationen diktierte, verschwamm ihre Sicht. Verdammt, sie würde jetzt nicht weinen. Nicht hier. Nicht vor diesem fremden Polizisten.
»Das war’s erstmal.« Morgan legte den Stift beiseite. »Ich setze alle Hebel in Bewegung und melde mich, sobald ich etwas erfahre.«
Joe nickte stumm. Was sollte sie auch sagen? Dass sie sich wie die größte Idiotin des Jahrhunderts fühlte? Dass sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte?
»Hier.« Er schob ihr seine Visitenkarte über den Schreibtisch. »Falls Ihnen noch etwas einfällt oder Sie Fragen haben, rufen Sie mich an. Jederzeit.«
Nachdem sie sich bedankt und verabschiedet hatte, verließ Joe die kleine Polizeistation. Draußen hielt sie einen Moment inne und ließ den Blick schweifen.
Elkpoint. Gegenüber ragte das Rathaus mit seinem schmucken Glockenturm in den grauen Winterhimmel. An der Hauptstraße reihten sich kleine Geschäfte aneinander, auf den verschneiten Gehwegen spazierten Menschen mit hochgeschlagenen Kragen und nickten sich im Vorbeigehen zu. Diese friedliche Kleinstadtatmosphäre war genau das, was sie sich gewünscht hatte. Fort von Las Vegas, weg vom Neonlicht und dem ewigen Spielerglück.
Vor wenigen Stunden war sie voller Hoffnung und Vorfreude hier in diesem kleinen beschaulichen Ort angekommen, hatte sich ausgemalt, wie sie die alte Ranch renovieren und zu neuem Leben erwecken würde. Ihr langgehegter Traum, der nun zerplatzt war wie eine Seifenblase.
Ein eisiger Windhauch trug den Geruch von gebratenem Fleisch heran und ließ Joes Magen knurren. Ihr Blick fiel auf die Leuchtreklame des Diners, das nur wenige Schritte neben dem Polizeirevier lag. Sie beschloss, sich dort mit einem kleinen Imbiss aufzuwärmen und dabei in Ruhe zu überlegen, wie es jetzt weitergehen sollte.
***
Die Türglocke bimmelte, als Joe das Diner betrat. Warme Luft, durchzogen vom Duft nach Kaffee und gebratenen Zwiebeln, schlug ihr entgegen. Das Lokal war wie eine Zeitkapsel, mit schwarz-weißen Bodenfliesen, roten Sitzbänken und einer chromglänzenden Theke, hinter deren bauchiger Glasscheibe bunte Kuchenkreationen lockten.
An einem Tisch am Fenster ließ sie sich auf die Bank sinken. Die Heizung darunter strahlte angenehme Wärme ab. Durch die beschlagene Scheibe sah sie verschwommen die verschneite Hauptstraße.
»Herzlich willkommen! Ich bin Patty.« Eine Frau in den Fünfzigern trat mit freundlichem Lächeln an ihren Tisch. »Was darf’s denn sein, Schätzchen?«
»Ein Cheeseburger mit Fries, bitte. Und einen Kaffee.«
»Kommt sofort.« Patty zwinkerte ihr zu und verschwand hinter der Theke.
Joe ließ den Blick durch den Raum schweifen. An den Wänden hingen vergilbte Reklameschilder für Cola und längst vergessene Marken. In der Ecke stand eine alte Jukebox, aus der leise ein Johnny-Cash-Song dudelte. Das gedämpfte Stimmengemurmel der anderen Gäste und das rhythmische Klappern von Geschirr aus der Küche vermischten sich zu einer beruhigenden Geräuschkulisse. An der Theke saßen zwei ältere Männer in Holzfällerhemden, die sich angeregt über die Playoffs unterhielten. Ein paar Tische weiter fütterte eine junge Mutter ihr quengelndes Baby mit Apfelmus.
Dieser Ort strahlte genau die heimelige Atmosphäre aus, die Joe sich für ihr neues Leben erträumt hatte. Der Gedanke ließ einen schmerzhaften Knoten in ihrer Kehle entstehen. Sie blinzelte hastig und heftete ihren Blick auf die Speisekarte, die vor ihr auf dem Tisch lag, ohne jedoch wirklich wahrzunehmen, was darauf stand.
Wie sollte es nun weitergehen? Zurück nach Vegas konnte sie nicht. Ihren Job als Mitarbeiterin im Package & Mail Services bei einem der großen Casinos hatte sie bereits gekündigt, ebenso das winzige Apartment, das sie bewohnt hatte. Abgesehen davon wollte sie auch nicht zurück. Die Stadt war ein greller, niemals schlafender Höllenschlund voller Spielsüchtiger und falscher Versprechen, ein Ort, an dem sie sich nie wirklich heimisch gefühlt hatte.
Mitten in ihre Gedanken hinein schrillte plötzlich Chapel of love, der Klingelton, den Joe auf ihrem Handy für ihre beste Freundin Miranda eingestellt hatte.
Sie ignorierte die verwunderten Blicke der anderen Gäste und nahm das Gespräch an. »Hi Randy.«
»Hey Süße«, klang es vertraut an ihr Ohr. »Bist du gut angekommen? Wie ist die Ranch? Erzähl!«
Der Klumpen in Joes Hals wurde größer. »Randy, ich …« Ihre Stimme brach.
»Joe? Was ist los?«
»Es … es gibt keine Ranch.«
»Was soll das heißen?«
»Ich wurde betrogen. Das Geld ist weg. Alles.« Die Worte sprudelten aus ihr heraus, während Tränen über ihre Wangen liefen.
»Oh Scheiße. Joe, das tut mir so leid.« Randys Ton wurde sanfter. »Was ist passiert?«
Mit stockender Stimme berichtete Joe von den gefälschten Dokumenten, dem nicht existierenden Makler und ihrem Gespräch mit dem Deputy Chief.
»Diese miesen Schweine!« Randy fluchte los. »Und nun?«, fragte sie, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte. »Kommst du zurück?«
»Ich habe keinen Job und keine Bleibe mehr, schon vergessen?«
Am anderen Ende der Leitung war ein leises Schnauben zu hören. »Als ob ich dich auf der Straße stehen lassen würde. Du kannst für eine Weile bei mir wohnen, ich habe genug Platz. Abgesehen davon würde das Silver Crown dich sicher wieder einstellen, sie waren doch äußerst zufrieden mit dir.«
»Nein«, obwohl die Freundin sie nicht sehen konnte, schüttelte Joe den Kopf, »ich möchte nicht zurück nach Vegas. Du weißt, dass ich dort nie besonders glücklich war, und ich will meinen Traum von der Ranch nicht aufgeben.« Sie überlegte kurz. »Ich glaube, ich gehe nach North Dakota«, sagte sie dann. »Eine entfernte Cousine meiner Mutter hat dort in der Nähe von Washburn eine Farm. Bestimmt kann ich eine Weile bei ihr unterkommen, bis ich Fuß gefasst habe.«
»North Dakota«, wiederholte Randy und es war deutlich zu hören, wie wenig ihr diese Idee gefiel. »Bist du sicher? Dir ist schon klar, dass du da wirklich am Ende der Welt bist, oder? Es gibt dort nichts außer trostloser Einöde, schlechtem Wetter und vielleicht ein paar Kühen.«
Trotz ihrer unglücklichen Situation musste Joe lachen. »Ja, das weiß ich, und es ist genau das, was ich mir wünsche. Ich werde mir dort einen Job suchen.«
»Na schön, wie du willst. Aber du weißt, dass du jederzeit bei mir unterkommen kannst«, betonte Randy noch einmal. »Versprochen ist versprochen.«
»Danke.« Joe lächelte gerührt. »Ich melde mich, sobald ich angekommen bin.«
»Apropos melden …« Randy zögerte. »Solltest du nicht vielleicht Austin anrufen? Bestimmt macht er sich schon Sorgen.«
»Auf gar keinen Fall«, wehrte Joe ab. »Und ich möchte auch nicht, dass du ihm meine neue Nummer gibst, falls er bei dir auftaucht.«
»Natürlich werde ich das nicht tun«, versicherte Randy und klang verletzt, »was denkst du denn von mir?«
Joe biss sich auf die Lippe. »Sorry, war nicht böse gemeint, ich weiß, dass du mich niemals verraten würdest. Ich bin einfach ein wenig neben der Spur wegen der Sache mit der Ranch.«
»Schon gut, das verstehe ich. Und ich werde Austin weder deine Nummer geben noch erzählen, wo du bist, auch nicht unter Androhung von Folterqualen.«
Im selben Moment brachte Patty das Essen, und Joe schob sich kichernd eine Pommes in den Mund.
»Ich werde jetzt etwas futtern und dann losfahren«, erklärte sie kauend, »solange die Straßen noch frei sind.«
»In Ordnung. Mach’s gut und pass auf dich auf.«
Joe versprach es, beendete das Gespräch und widmete sich ihrer Mahlzeit. Das saftige Fleisch und die knusprigen Fries waren sehr lecker und hoben ihre Stimmung ein wenig an.
Als sie fertig war, legte sie mit einem freundlichen Nicken in Pattys Richtung den fälligen Betrag sowie ein kleines Trinkgeld auf den Tisch und verließ das Diner.
Wenig später saß sie in ihrem Pick-up und fuhr die verschneite Hauptstraße entlang. Während sie an einem Coffeeshop, einer Apotheke und einer Poststation vorbeifuhr, ging sie im Geiste ihre Pläne durch.
Bis Washburn würde sie etwa dreizehn Stunden brauchen, das war zu viel, um es an einem Stück zu bewältigen, zumal sie ja auch erst eine zehnstündige Fahrt von Las Vegas hinter sich hatte. Wenn sie nicht riskieren wollte, völlig übermüdet am Steuer einzuschlafen, würde sie übernachten müssen. Dies würde allerdings ihre ohnehin nur noch knappe Geldreserve weiter schrumpfen lassen.
Im Kopf überschlug sie ihr restliches Budget und seufzte. 450 Dollar. Das musste für das Benzin nach North Dakota reichen und um sie so lange über Wasser zu halten, bis sie einen Job gefunden hatte. Ein Motel konnte sie sich eigentlich gar nicht leisten. Ob sie im Wagen schlafen sollte? Sie verzog das Gesicht. Keine verlockende Aussicht angesichts der winterlichen Temperaturen.
Plötzlich – sie hatte gerade den Ortsausgang von Elkpoint erreicht – flackerte die Armaturenbeleuchtung. Das Radio knackte, verstummte, und als Joe irritiert mehr Gas gab, reagierte der Wagen kaum noch. Die Scheinwerfer wurden dunkler, eine Kontrollleuchte nach der anderen blinkte kurz auf, dann starb der Motor ab. Mit letzter Kraft rollte der Pick-up an den Straßenrand.
»Nein, nein, nein!«
Joe drehte den Zündschlüssel. Nichts. Sie versuchte es ein zweites Mal, aber der Wagen gab keinen Mucks von sich.
»Das darf doch nicht wahr sein!« Frustriert schlug sie mit beiden Händen aufs Lenkrad. So hatte sie sich diesen Tag nicht vorgestellt.
2
Und nun? Joe hatte keine Ahnung, was mit dem Wagen los war, doch was auch immer das Problem war, die Reparatur würde garantiert ihre wenigen Dollar verschlingen, wenn sie nicht sogar ein neues Auto kaufen musste. Der Pick-up war Baujahr 93 und vielleicht völlig hinüber. Abgesehen davon war es bereits später Nachmittag, und heute würde der Wagen ganz sicher nicht mehr fertig werden, also musste sie definitiv eine Übernachtung einplanen, die ebenfalls Geld kosten würde – Geld, das sie nicht hatte.
Nach längerem Überlegen kramte Joe ihr Smartphone aus der Tasche. Der Gedanke, Randy um Hilfe zu bitten, gefiel ihr überhaupt nicht. Sie hasste es, von anderen abhängig zu sein, auch wenn sie wusste, dass die Freundin ihr sicher gerne helfen würde. Aber was hatte sie für eine Wahl? Nach einigen Sekunden des Zögerns betätigte sie den Einschaltknopf, doch das gewohnte Vibrieren des Handys blieb aus. Stattdessen starrte ihr nur das schwarze Display entgegen. Hektisch drückte sie mehrmals auf den Power-Button.
»Nein, nein, nein …«
Der kleine rote Balken in der Ecke bestätigte ihre Befürchtung: Der Akku war komplett leer.
Frustriert ließ sie den Kopf aufs Lenkrad sinken und schloss die Augen. Dieser Tag war an Beschissenheit wohl nicht mehr zu überbieten. Erst verlor sie ihre gesamten Ersparnisse an einen Betrüger, dann streikte ihr Auto mitten im Nirgendwo, und jetzt machte ihr Handy auch noch Zicken.
Nachdem sie eine Weile mit ihrem Schicksal gehadert hatte, beschloss sie, ein Festnetztelefon zu suchen. Der kalte Wind pfiff durch ihre dünne Jeans, als sie aus dem Pick-up kletterte. Fröstelnd rieb sie die Hände aneinander und sah sich um. Ihr Blick fiel auf ein verwittertes Holzschild am Straßenrand. »Sheridan Veterinary Services« stand in verblichenen Lettern darauf, darunter ein Pfeil, der nach rechts wies.
Sie ließ ihren Blick in diese Richtung schweifen und sah eine schmale Straße, die sich zwischen Feldern bis zu einem großen Ranchhaus schlängelte, dessen Fenster warm durch die frühe Dämmerung leuchteten.
»Na immerhin«, murmelte Joe. Eine Tierarztpraxis war doch ideal. Dort gab es bestimmt ein Telefon, das sie benutzen konnte.
Sie warf noch einen letzten Blick auf ihren Pick-up, der einsam am Straßenrand stand, dann stapfte sie mit eingezogenem Kopf den Weg entlang.
Eine Katze beäugte sie misstrauisch vom Geländer der Veranda, als sie auf das Haus zuging. Mit klammen Fingern klopfte Joe an die Eingangstür mit dem kleinen Buntglasfenster. Schritte näherten sich von innen, dann schwang die Tür auf und eine ältere Dame mit silbergrauem Haar und freundlichen Lachfältchen um die Augen stand vor ihr.
»Hallo«, begann Joe, »bitte entschuldigen Sie die Störung, aber dürfte ich vielleicht Ihr Telefon benutzen? Ich bin mit dem Wagen liegengeblieben.« Als ihr Gegenüber nicht gleich reagierte, fügte sie hinzu: »Es ist ein Ferngespräch, aber ich zahle das natürlich.«
»Ach was, kommen Sie rein.« Die Frau ließ Joe eintreten und deutete dann auf einen Telefonapparat, der auf einer kleinen Kommode im Wohnraum stand. »Dort drüben.«
»Vielen Dank.«
Joe nahm den Hörer ab und tippte Randys Nummer ein. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf, dass die Freundin sich meldete, doch nach dem vierten Klingeln sprang nur die Mailbox an.
»Hey, hier ist Randy. Ich kann gerade nicht …«
Seufzend legte Joe auf. Natürlich. Warum sollte denn auch irgendetwas an diesem miesen Tag klappen? Wahrscheinlich steckte Randy wieder bis zum Hals in den Vorbereitungen für eine ihrer extravaganten Hochzeiten und ging deswegen nicht an ihr Handy.
»Keine Antwort?« Die ältere Dame war ein paar Schritte entfernt stehengeblieben.
»Nein, leider nicht.« Joe rieb sich müde über die Augen. »Heute ist wirklich nicht mein Glückstag.«
»Sie können es ja gleich noch einmal versuchen«, bot die Frau an, »und sich in der Zwischenzeit mit einer Tasse Kaffee aufwärmen. Wie klingt das?«
»Wunderbar.«
Joe folgte ihr in die gemütliche Landhausküche und setzte sich an den großen Esstisch.
»Ich bin übrigens Myrtle, Myrtle Sheridan«, stellte die Dame sich vor, während sie Wasser in die Kaffeemaschine füllte. »Meinem Sohn Kent gehört die Tierarztpraxis.«
»Mein Name ist Jolene, Jolene Harding, aber alle nennen mich nur Joe.«
Myrtle lachte. »Jolene? Wirklich? Wie der Song?«
»Ja. Meine Mom war ein großer Fan von Dolly Parton. Seit sie sie einmal bei einem Auftritt in einem der Casinos gesehen hat, war sie hin und weg.«
Sorgfältig zählte Myrtle die Löffel mit Kaffeepulver in den Filter. »Casinos? Kommen Sie aus Vegas?«
»Ja, ich bin dort geboren.«
»Ah. Und was führt Sie hierher nach Idaho, wenn ich fragen darf?«
Joe stützte die Ellenbogen auf den Tisch, verschränkte die Hände, legte das Kinn darauf und seufzte. »Das ist eine lange Geschichte.«
»Nun, ich glaube, wir haben ein paar Minuten Zeit.«
***
Wenig später erfüllte der aromatische Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee die Küche. Myrtle füllte zwei Becher und stellte sie zusammen mit Kaffeesahne und Zucker auf den Tisch.
Ein lautes Poltern aus dem oberen Stockwerk ließ sie innehalten. »Entschuldigen Sie bitte.« Sie lächelte und deutete zur Decke. »Das sind meine Enkel, sie toben gerne durchs Haus.«
Joe zuckte zusammen, als über ihren Köpfen Geräusche zu hören waren, die wie das Stampfen einer Elefantenherde klangen. Ein Krachen folgte, vermutlich war ein Möbelstück umgefallen.
Myrtle seufzte tief. »Einen kleinen Moment, bitte.«
Sie verschwand, und Joe ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.
Die Küche war eine Mischung aus rustikaler Gemütlichkeit und modernem Komfort. In einem zarten Pastellgrün gestrichene Einbauschränke zogen sich an den Wänden entlang. In einer Ecke stand ein alter Geschirrschrank mit Bleiglastüren, hinter denen sorgfältig aufgereihte Gläser und Porzellan hervorblitzten.
An den cremefarbenen Wänden hingen Fotos von Tieren, die Fenster wurden von karierten Vorhängen in Weiß und Grün eingerahmt, deren Muster sich auf den Sitzkissen der Stühle am Esstisch wiederholte. Der Tisch selbst war aus dunklem Holz, das über die Jahre einige Kratzer und Schrammen abbekommen hatte.
Im krassen Gegensatz zu dieser ländlichen Idylle blitzten moderne Küchengeräte auf der Arbeitsplatte. An dem großen Side-by-Side-Kühlschrank hingen neben zwei Listen mit Namen und Telefonnummern unzählige Kinderzeichnungen, die mit bunten Magneten befestigt waren. Pferde mit wackeligen Beinen, Regenbögen und ein paar Kritzeleien, die nicht zu identifizieren waren.
»Tut mir leid«, Myrtle kehrte zurück und zuckte entschuldigend mit den Achseln, »normalerweise sind sie nicht ganz so lebhaft.«
Joe lächelte und winkte ab. »Kein Problem, es sind nun mal Kinder.«
»Schön, dass Sie so verständnisvoll sind.« Myrtle ließ sich ebenfalls am Tisch nieder, und wenig später erzählte Joe von ihrem gescheiterten Traum von einer Ranch und dem Betrug.
»Sie armes Ding«, sagte Myrtle mitfühlend, als Joe geendet hatte. »Das ist ja eine furchtbare Situation. Und Sie haben tatsächlich all ihre Ersparnisse verloren?«
»Bis auf etwa 450 Dollar, ja.« Joe verzog das Gesicht. »Ich weiß, es war sehr dumm von mir.«
»Dumm nicht«, widersprach Myrtle sanft, »vielleicht ein bisschen leichtsinnig. Aber Sie wollten sich Ihren Traum erfüllen, und da macht man schon mal etwas Unüberlegtes. Was hatten Sie denn mit der Ranch vor?«
Joe nippte an ihrem Kaffee. »Alpakas züchten«, erklärte sie, und als Myrtle überrascht die Augenbrauen hob, fügte sie hinzu: »Ich hatte vor, mir einen Job zu suchen, bis ich ein wenig Geld zusammen habe, und mir dann ein paar Alpakas und Schafe anzuschaffen und selbst gesponnene Wolle zu verkaufen.«
»Oh, das klingt wundervoll«, sagte Myrtle. »Ich …«
Über ihren Köpfen erschallte neuerliches Geschrei, gefolgt von einem lauten Trampeln, das näherzukommen schien. Dann flog die Küchentür auf und drei kleine Jungs mit erhitzten Gesichtern stolperten herein. Joes Anblick ließ sie sekundenlang innehalten, ehe sie lautstark ihre Großmutter bestürmten.
»Grandma! Noah hat meinen Dinosaurier!«
»Stimmt gar nicht!«
Während die Kinder sich stritten, wanderte Joes Blick zwischen ihnen hin und her und sie stellte überrascht fest, dass es sich bei den zwei kleineren Jungs um Zwillinge handelte. Beide hatten das gleiche strubbelige braune Haar, identische Stupsnäschen, die gleichen großen braunen Augen. Selbst ihre Kleidung schien aufeinander abgestimmt zu sein, der eine trug einen blauen Pullover mit Dinosaurier, der andere einen grünen mit dem gleichen Motiv. Der Größere ähnelte seinen Brüdern sehr, hatte allerdings etwas dunkleres Haar.
»Aber ich hatte ihn zuerst!«, brüllte einer der Zwillinge.
»Nein, ich!«, konterte der andere und versuchte, seinem Bruder einen Plastik-T-Rex aus der Hand zu reißen.
Myrtle bemühte sich, den Streit zu schlichten, kam jedoch nicht gegen den Tumult der Kinder an. Der Größere mischte sich ein und zerrte ebenfalls an dem Spielzeug, während die Zwillinge einander anschrien.
Spontan griff Joe in ihre Tasche und zog eine angebrochene Packung Oreos hervor. Mit einem lauten Rascheln der Folie verschaffte sie sich Aufmerksamkeit.
Schlagartig verstummten die drei Jungs. Sechs Augenpaare starrten gebannt auf die Kekse in ihrer Hand.
»Wie wäre es damit«, fragte Joe, »jeder, der mir seinen Namen nennt und verspricht, nicht mehr zu streiten, bekommt einen Cookie?«
Die Kinder tauschten unsichere Blicke und schauten zu ihrer Großmutter.
Als Myrtle aufmunternd nickte, trat der Älteste vor. »Ich bin Finn«, verkündete er stolz und streckte die Hand aus.
Joe reichte ihm einen Oreo.
Die Zwillinge drängten nach vorne.
»Ich bin Noah!«
»Und ich Liam!«
Nacheinander nahmen sie ihre Kekse entgegen, bedankten sich und stürmten davon. »Ihr sollt doch nicht in euren Zimmern essen«, rief Myrtle ihnen noch hinterher, aber da polterten sie bereits die Stufen der Treppe hinauf. Sie schüttelte den Kopf und seufzte. »Diese Rasselbande.«
Als Myrtle die Kaffeebecher wieder aufgefüllt hatte, sah sie Joe fragend an. »Und was haben Sie jetzt vor, nachdem der Ranchkauf geplatzt ist?«
Joe umklammerte die warme Tasse und zuckte mit den Achseln. »Eigentlich wollte ich nach North Dakota, zu einer entfernten Cousine meiner verstorbenen Mutter. Sie hat dort eine kleine Farm und ich könnte vermutlich eine Weile bei ihr unterkommen, bis ich Arbeit und eine eigene Bleibe gefunden habe.« Ein bitteres Lachen entfuhr ihr. »Aber jetzt stecke ich erst mal hier fest. Mein Pick-up macht keinen Mucks mehr, und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, ob ich die Reparatur bezahlen und meine Reise überhaupt fortsetzen kann. Deswegen muss ich auch telefonieren, ich will meine Freundin bitten, mir etwas Geld zu leihen. Ich tue das zwar sehr ungern, aber ich habe keine andere Wahl.«
Joe verstummte und beinahe gleichzeitig setzte in der oberen Etage wieder das Getrampel und Geschrei ein.
Nachdenklich rührte Myrtle in ihrer Tasse. Dann hob sie den Kopf und musterte Joe eindringlich. »Wissen Sie … Wir suchen gerade jemanden.«
»Jemanden?«
»Eine Nanny für die Jungs.« Myrtle deutete zur Decke. »Kent ist oft unterwegs, und normalerweise betreue ich die Jungs dann, zumindest an den Nachmittagen, vormittags sind sie in der Schule und im Kindergarten. Aber ich bin auch nicht mehr die Jüngste, und drei lebhafte Kinder zu versorgen ist schon eine Menge Arbeit. Außerdem ist mein Mann krank. Er hat Parkinson und braucht Pflege, und ich weiß manchmal gar nicht, wie ich das alles schaffen soll.« Sie verstummte kurz. »Na ja, jedenfalls bräuchten wir dringend Unterstützung. Wäre das vielleicht etwas für Sie? Zumindest vorübergehend, bis Sie wieder auf die Beine gekommen sind?«
Joe blinzelte überrascht. »Sie würden mir einen Job anbieten? Obwohl Sie mich gar nicht kennen?«
Myrtle zögerte kurz. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein«, fuhr sie dann fort. »Wir hatten in den letzten Jahren mehrere Nannys, die jedoch nie lange geblieben sind. Es waren alles ältere Frauen und ihnen waren die Jungs zu anstrengend. Es ist sowieso schwierig, jemanden zu finden. Wer möchte denn heutzutage noch in so einem abgeschiedenen Ort wie Elkpoint leben? Aber für Sie wäre es doch ideal. Sie wünschen sich ein Leben auf dem Land, und wie ich eben gesehen habe, können Sie gut mit Kindern umgehen. Besser könnte es doch gar nicht sein, nicht wahr? Und die Stelle wäre mit Kost und Logis verbunden. Sie bewohnen das Gästezimmer und bekommen zusätzlich zu Ihrem Lohn sämtliche Mahlzeiten gratis.«
Nachdenklich nippte Joe an ihrem Kaffee. Das Angebot kam wie gerufen – fast zu perfekt, um wahr zu sein. Ein Job und dazu ein Dach über dem Kopf. Das klang verlockend nach einem sicheren Hafen. Sie müsste Randy nicht um Geld anbetteln, keine demütigenden Telefonate, keine drückenden Schulden.
Der Gedanke, sich völlig Fremden anzuvertrauen, ließ sie jedoch zögern. »Ich weiß nicht recht«, murmelte sie und fuhr mit dem Finger über den Rand der Kaffeetasse. »Das kommt alles sehr plötzlich.«
Myrtle nickte verständnisvoll. »Ja, das verstehe ich. Aber wie wäre es, wenn ich Ihnen kurz Ihr Zimmer zeige und Sie die Jungs ein wenig besser kennenlernen? Vielleicht fällt Ihnen die Entscheidung dann ja leichter?«
Über ihren Köpfen dröhnte erneut Lärm durch die Decke und unwillkürlich musste Joe lächeln. »Okay, warum nicht.«
***
Die beiden Frauen verließen die Küche und steuerten auf die Treppe zu, die an einer Seite des Wohnraums nach oben führte. Als sie dort ankamen, entdeckte Joe am oberen Ende drei kleine Gesichter, die sich zwischen die gedrechselten Holzstäbe des Geländers gequetscht hatten. Kichernd spähten sie hinab, und als Joe ihnen zuwinkte, stoben sie blitzartig davon. Getrappel hallte über den Flur, gefolgt vom lautstarken Knallen einer Tür.
Das Holz unter Joes Füßen knarrte, als sie hinter Myrtle die Stufen hinaufstieg.
Die obere Diele erstreckte sich zu beiden Seiten, gesäumt von mehreren Türen. Myrtle öffnete eine davon und deutete hinein. »Das wäre Ihr Reich.«
Das Gästezimmer war klein, aber gemütlich eingerichtet. Ein Doppelbett mit hellblauer Tagesdecke stand an einer Wand, daneben ein Nachttisch aus hellem Holz. Gegenüber befand sich ein rustikaler Kleiderschrank, dessen Türen mit Spiegeln versehen waren. Das Fenster war mit karierten Gardinen umrahmt, davor stand ein kleiner Tisch mit einem Sessel.
»Das Bad ist direkt nebenan«, erklärte Myrtle und ging den Flur entlang zur nächsten Tür. »Und hier ist eines der beiden Kinderzimmer.«
Der Anblick, der sich Joe bot, verschlug ihr die Sprache. Der Raum glich einem Schlachtfeld. Spielzeug bedeckte nahezu jeden Zentimeter des Fußbodens; Legosteine, Matchboxautos, Stofftiere und Bilderbücher lagen wild verstreut herum. Die beiden Betten waren zerwühlt, die Kissen auf dem Boden verteilt. Ein umgekipptes Regal lehnte schief in der Ecke, Papierflugzeuge steckten in den Lamellen der Jalousie fest, auf den Wänden prangten diverse Kritzeleien.
Myrtle stieß einen Seufzer aus. »Was ich auch tue, ich schaffe es einfach nicht, sie zum Aufräumen zu bewegen.«
Inmitten des Chaos hockten drei kleine Gestalten wie ertappte Übeltäter auf dem Boden. Die eben noch so wilden Jungs waren auf einmal ganz still und musterten sie schweigend. Der Größere – Finn – rutschte näher an seine Brüder heran und legte beschützend die Arme um ihre Schultern.
Myrtles Angebot hallte durch Joes Kopf: ein eigenes Zimmer, regelmäßige Mahlzeiten, ein festes Einkommen. Keine Schulden, kein widerwilliges Zurückkehren nach Vegas. Stattdessen ein Platz, wo sie ihre Wunden lecken und neue Pläne schmieden konnte.
Aber vor allem diese drei Gesichter vor ihr, die sie mit einer Mischung aus Neugier und Zurückhaltung musterten. Der beschützende Arm des großen Bruders um die Schultern der Zwillinge ließ ihr Herz schmelzen.
»Na, was meint ihr?«, fragte sie sanft und setzte sich im Schneidersitz auf den mit Spielzeug übersäten Boden. »Soll ich eine Weile bei euch bleiben und mich um euch kümmern?«
3
Mit einem Gähnen rieb sich Kent Sheridan über die müden Augen und richtete seine Aufmerksamkeit erneut auf die verschneite Straße. Der Nachmittag war anstrengend gewesen, vier Notfälle hintereinander, dazu die üblichen Routineuntersuchungen. Sein Blick fiel auf die Uhr am Armaturenbrett. Schon wieder später als geplant. Das schlechte Gewissen nagte an ihm. Seine Mutter besaß zwar eine Engelsgeduld, aber mit den drei Jungs hatte selbst sie manchmal ihre liebe Not.
Die Reifen knirschten auf dem gefrorenen Schnee, als er in den Hof einbog.
»Mal sehen, was sie heute wieder angestellt haben«, murmelte er und schaltete den Motor aus.
Die Zwillinge waren in letzter Zeit besonders erfinderisch gewesen, was Unfug anging. Erst vorige Woche hatten sie versucht, mit Finns Bettwäsche ein Zelt im Wohnzimmer zu bauen. Das Ergebnis: ein umgekippter Couchtisch und eine zerbrochene Vase.
Mit langen Schritten stapfte er durch den Schnee zur Eingangstür und trat mit einem weiteren Gähnen ins Haus. Er hängte seinen Stetson an die Garderobe, und während er sich Jacke und Stiefel auszog, rief er nach seinen Söhnen.
»Finn? Noah? Liam? Ich bin wieder da.«
Das vertraute Getrampel kleiner Füße dröhnte von oben herab. Drei Paar Socken rutschten über das Holz der Treppenstufen. Dann bremsten die Jungs jedoch ab, näherten sich in gemäßigtem Tempo und blieben vor ihm stehen, Schulter an Schulter, die Hände am Körper.
»Hallo, Dad«, sagten sie zurückhaltend und fast gleichzeitig.
Kent ging in die Hocke, umarmte alle drei nacheinander und strubbelte ihnen liebevoll über die Köpfe. »Na, wie war euer Tag?«
»Okay«, sagte Finn, und die Zwillinge wiederholten im Duett: »Okay.«
Irritiert musterte Kent die kleinen Gesichter. Normalerweise hatten seine Kinder mehr zu erzählen – irgendetwas stimmte hier nicht.
Er seufzte. »Also gut, was habt ihr dieses Mal angestellt?«
Finn malte mit der Fußspitze ein unsichtbares Muster auf den Holzboden. »Es ist jemand Neues da …«
»Sie ist nett!«, sagte Noah, und Liam ergänzte: »Und sie mag Dinosaurier!«
Kent runzelte die Stirn. Wovon sprachen die drei? Er öffnete den Mund, um seine Mutter zu rufen, doch im selben Augenblick kam diese bereits die Treppe herunter, gefolgt von einer jungen blonden Frau in engen Jeans und einem noch engeren Pullover, der ihre Figur betonte.
»Da bist du ja«, rief Myrtle, trat zu ihm und umarmte ihn.
»Hi Mom«, murmelte er und gab ihr einen raschen Kuss auf die Wange. Dann richtete er sich wieder auf und sah sie fragend an. »Was ist hier los?«
Myrtle strahlte übers ganze Gesicht. »Heute ist dein Glückstag«, erklärte sie und deutete auf ihre Begleiterin, »wir haben nämlich eine neue Nanny! Das ist Joe Harding und sie wäre bereit, die Jungs zu betreuen.«
»Wie bitte?« Kents Augenbrauen schossen in die Höhe. Das konnte seine Mutter doch nicht ernst meinen. Diese Frau sollte sich um seine Kinder kümmern? Sie war viel zu jung und sah nicht aus wie jemand, der drei lebhafte Jungs im Zaum halten konnte. Das kam ja gar nicht infrage. Dieses Thema würde er ganz schnell vom Tisch fegen – aber nicht vor seinen Kindern.
»Jungs, geht nach oben und räumt eure Zimmer auf«, ordnete er an. »Ich muss noch kurz etwas mit Grandma besprechen, danach mache ich das Abendessen.«
Folgsam trabten die drei davon. Kent sah ihnen nach, bis sie die Treppe hinaufgestiegen und außer Hörweite waren, dann wandte er sich seiner Mutter zu.
»Kann ich kurz mit dir reden? Unter vier Augen.«
Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern drehte sich um und steuerte auf sein Arbeitszimmer zu. Drinnen schaltete er das Licht ein, ließ seine Mutter eintreten und schloss dann die Tür hinter ihr.
»Auf keinen Fall«, sagte er ohne lange Vorrede und schüttelte den Kopf. »Sie ist nicht das, was ich mir unter einer angemessenen Betreuung für meine Kinder vorstelle.«
»Aber sie hat einen Draht zu den Jungs«, betonte Myrtle. »Und sie ist belastbar, sie hat in Las Vegas in der Poststelle eines Casinos gearbeitet.«
Kent presste die Lippen zusammen. Las Vegas. Casino. Das wurde ja immer besser.
»Außerdem müssen wir uns keine Gedanken machen, dass sie nach drei Wochen wieder verschwindet, weil es ihr hier in Elkpoint zu abgelegen und langweilig ist«, fuhr seine Mutter fort.
Nein, es würden sicher keine drei Wochen werden, dachte Kent grimmig, es würde nicht einmal ein Tag werden, denn diese Frau würde noch heute wieder gehen.
Myrtle schien seine Ablehnung nicht zu bemerken. »Joe wollte nämlich aufs Land«, fuhr sie mit ihrem Bericht fort. »Sie hat eine Ranch gekauft, zumindest dachte sie das, aber sie wurde betrogen, und nun hat sie kein Geld mehr, keinen Job, kein Dach über dem Kopf und zu allem Unglück ist auch noch ihr Auto kaputt. Sie kam her, um zu telefonieren und ich glaube, das war eine Fügung des Schicksals.«
Völlig entgeistert starrte Kent seine Mutter an. Sie wollte tatsächlich eine Obdachlose, die sie überhaupt nicht kannte, als Nanny für seine Kinder einstellen? Nur über seine Leiche.
»Mom, das ist doch nicht dein Ernst. Wir wissen absolut nichts über diese Person. Tut mir leid, aber ich kann nicht einfach eine Fremde mit meinen Söhnen allein lassen.«
»Aber wir brauchen doch dringend jemanden, der sich um die Jungs kümmert«, widersprach Myrtle, »und sie wäre sofort verfügbar.«
Klar. Weil sie weder einen Job noch Geld hatte. Kent seufzte stumm in sich hinein. Seine Mutter hatte sich in diese Idee verbissen wie ein Terrier in einen Knochen und würde sich das Ganze so schnell nicht ausreden lassen, es sei denn, er hatte hieb- und stichfeste Argumente.
»Du weißt, dass es mit den Jungs nicht so einfach ist«, wandte er ein. »Sie haben bisher jede Nanny nach kürzester Zeit in die Flucht geschlagen, und die waren alle qualifiziert. Was glaubst du, wie lange diese Frau ohne jegliche Erfahrung es hier aushalten wird? Und mal ehrlich – wenn es um Dad ginge, würdest du ihn doch auch nicht einfach einer fremden Person überlassen, die nicht entsprechend ausgebildet ist, oder?«
Sich innerlich die Hände reibend, wartete er auf die Antwort, die – wie ihm klar war – negativ ausfallen und ihm somit einen guten Grund liefern würde, die ganze Sache abzuschmettern.
»Ich würde es zumindest versuchen«, erklärte seine Mutter jedoch und fügte dann mit bedeutungsschwangerem Ton hinzu: »Vor allem, wenn ich in einer Notlage wäre und niemanden sonst hätte, der sich um Dad kümmern kann.«
Verdammt. Frustriert presste Kent die Lippen zusammen. »Und was ist mit einer Gesundheitsbescheinigung?«, spielte er seinen letzten Joker aus. »Die Kinder holen sich beim Herumtoben oft Schrammen oder kleinere Verletzungen, die verarztet werden müssen, und ich muss sicher sein, dass sie sich nicht mit irgendetwas anstecken.«
Myrtle lächelte. »Daran habe ich auch schon gedacht«, nahm sie ihm den Wind aus den Segeln. »Joe ist bereit, zum Arzt zu gehen und sich ein Attest zu besorgen, wenn du es möchtest.«
Resigniert rieb Kent sich über die Nasenwurzel. Ihm gingen die Argumente aus, und das gefiel ihm gar nicht. Allein der Gedanke, eine Fremde im Haus zu haben, noch dazu eine mit diesem fragwürdigen Hintergrund, verursachte ihm Magenschmerzen. Andererseits hatte seine Mutter recht. So wie bisher konnte es nicht weitergehen. Ständig musste er zwischen Praxis und Kindern jonglieren, und wenn ein Notfall hereinkam, geriet der ganze Tagesablauf durcheinander. Seine Mutter unterstützte ihn gerne, aber sie wurde auch nicht jünger.
»Nächste Woche beginnt die Ergotherapie für deinen Vater«, sagte Myrtle mit diesem speziellen Unterton in der Stimme, den er nur zu gut kannte. »Dann werde ich nicht mehr so viel Zeit haben.« Sie machte eine kurze Pause. »Außerdem zieht Mrs. Winter, die nach Bill schaut, solange ich hier bin, bald weg, dann wird es noch schwieriger für mich werden, die Jungs zu betreuen.«
Kent schloss für einen Moment die Augen. Seine Mutter hatte ihn in die Ecke gedrängt, und sie wusste das ganz genau. Natürlich brauchten sie Hilfe, aber musste es ausgerechnet diese Frau sein? Eine Fremde, die nichts besaß außer einem Koffer, einem defekten Auto und einer dubiosen Geschichte über eine nicht existierende Ranch?
»Wir werden so schnell niemand anderen finden«, ergänzte Myrtle jetzt. »Die Stellenanzeige ist schon seit vier Monaten in sämtlichen Portalen, und niemand hat sich bisher gemeldet, und die Agenturen haben uns schon auf die rote Liste gesetzt. Aber wenn du lieber warten willst …«
Sie ließ den Satz mit einem Achselzucken ausklingen, und Kent wusste, dass er keine Wahl hatte.
»Also gut«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Sie kann bleiben. Vorerst. Auf Probe. Und zu meinen Bedingungen. Sollte sie sich nicht daran halten, setze ich sie umgehend vor die Tür.«
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