Verhängsnisvoller Vertrag

Verhängnisvoller Vertrag

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Inhalt

Nach dem Tod ihres Vaters stellt Cathy Emerson fest, dass die elterliche Farm hoch verschuldet ist. Um den Verlust von Haus und Hof abzuwenden und ihrer kranken Mutter weitere Aufregung zu ersparen, macht sie ihrer Jugendliebe Blake Cantrell ein pikantes Angebot. Nach anfänglicher Ablehnung geht Blake auf Cathys Vorschlag ein – allerdings zu seinen Bedingungen. Die Dinge entwickeln sich jedoch anders als geplant und führen schließlich zu dramatischen Ereignissen …

Leseprobe

1

»Mein herzliches Beileid. – Sieht so aus, als müsstet ihr jetzt verkaufen.«

Catherine Emerson, die gerade einen Stapel benutzter Teller in die Spüle stellte, fuhr herum und blickte in die kalten, blassgrauen Augen des Großgrundbesitzers Gregory Cantrell.

»Was fällt Ihnen ein?«, empörte sie sich. »Mein Vater ist erst ein paar Stunden unter der Erde, und schon strecken Sie Ihre gierigen Finger nach unserem Besitz aus.«

Der großgewachsene, dunkelhaarige Mann mit den leicht ergrauten Schläfen zuckte mit den Achseln. »Ich spreche nur das aus, was sowieso allgemein bekannt ist. Doug hat euer ganzes Hab und Gut verpfändet, es wird euch also nichts anderes übrig bleiben, als den Rest zu veräußern, um wenigstens einen Teil der Schulden zu bezahlen.«

In ohnmächtiger Wut ballte Cathy ihre Fäuste. Sie vergrub ihre Fingernägel tief in ihren Handballen, um sich davon abzuhalten, ihrem Gegenüber in sein selbstzufriedenes Gesicht zu schlagen.

»Ihre Skrupellosigkeit hat wirklich keine Grenzen«, zischte sie. »Verschwinden Sie hier.«

Gregory Cantrell setzte seinen Stetson auf und nickte. »Sicher, ich hatte sowieso nicht die Absicht, lange zu bleiben. Ich wollte dir nur sagen, dass meine Tür jederzeit offensteht, vielleicht bist du ja vernünftiger als deine Mutter.«

»Vergessen Sie es. Sie sind der letzte Mensch, an den wir verkaufen würden, und wenn ich alles eigenhändig anzünde.«

Zornig sah sie ihm nach, bis er den Raum verlassen hatte, dann atmete sie ein paar Mal tief durch und stieß einen leisen Seufzer aus.

Obwohl sie über das unmögliche Benehmen von Gregory Cantrell wütend war, ahnte sie doch gleichzeitig, dass er recht hatte. Zwar hatte sie seit ihrer Ankunft vor drei Tagen noch keine Gelegenheit gefunden, sich einen Überblick über die Finanzen zu verschaffen, es war allerdings nicht zu übersehen, wie heruntergekommen die Farm war. Aber darum würde sie sich morgen Gedanken machen, jetzt musste sie sich erst einmal um die zahlreichen Trauergäste kümmern, die erschienen waren.

Cathy verließ die Küche und betrat das Wohnzimmer, wo sich etliche Einwohner aus Elkpoint versammelt hatten, um am Leichenschmaus für den verstorbenen Douglas Emerson teilzunehmen. Die bedrückte Stimmung der Anwesenden passte zu dem trüben Wetter draußen; es war ein regnerischer Sommertag Mitte August. Trotz des geöffneten Fensters war die Luft in dem überfüllten Raum abgestanden, es roch nach feuchter Kleidung und Essen.

Das Auftauchen von Gregory Cantrell hatte für Unruhe gesorgt, Cathy bemerkte, dass etliche Leute miteinander tuschelten und sie fragend anschauten. Mit einem verkrampften Lächeln schlenderte sie von einem zum anderen, nahm Beileidsbekundungen entgegen und begrüßte alte Bekannte. Sie reichte Getränke sowie Snacks herum und schaute zwischendurch nach ihrer Mutter, die mit verweintem Gesicht auf dem Sofa saß.

Es war später Abend, als sich die letzten Besucher endlich verabschiedeten. Erschöpft ließ Cathy sich in einen Sessel sinken, streifte ihre Schuhe ab und rieb sich die schmerzenden Füße. Der Tag hatte sie einiges an Kraft gekostet, nicht nur, weil sie ihren Vater zu Grabe getragen hatten, sondern auch wegen der vielen mitleidigen Blicke. Dass Douglas Emerson volltrunken gegen einen Baum gefahren war, war eine Ursache dafür. Der andere Grund war, dass natürlich ganz Elkpoint über die finanzielle Misere der Emersons Bescheid wusste. Ihr war das mehr als unangenehm gewesen, und dann kam noch Gregory Cantrell hinzu, der es kaum abwarten konnte, sich die Farm unter den Nagel zu reißen.

»Was hat Greg denn von dir gewollt?«, fragte ihre Mutter jetzt, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.

»Dreimal darfst du raten«, murmelte Cathy düster.

Paula Emerson, eine abgehärmt aussehende Frau Anfang fünfzig, schüttelte unglücklich den Kopf. »Du wirst das doch nicht zulassen, oder? Dein Vater ist daran zugrunde gegangen, dass Greg ihm das Leben schwer gemacht hat, er würde sich im Grabe umdrehen, wenn wir ausgerechnet an ihn verkaufen.«

»Es gibt nicht viele Alternativen. Niemand außer ihm würde die Ranch kaufen, dafür ist sie zu sehr heruntergewirtschaftet.«

»Aber er wird alles dem Erdboden gleichmachen, weil er nur an dem Land interessiert ist. Das Haus, das dein Vater mit eigenen Händen für uns erbaut hat, und in dem ich dich zur Welt gebracht habe – ich mag gar nicht daran denken. Wo sollen wir denn hin, wenn er es uns wegnimmt?«

Cathy zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich werde versuchen, eine andere Möglichkeit zu finden, zunächst muss ich mir jedoch einen kompletten Überblick verschaffen.« Sie schaute ihre Mutter an, die zusammengesunken auf dem Sofa saß und stand auf. »Komm Mom«, sie fasste sie am Arm und zog sie behutsam hoch, »geh nach oben und leg dich hin. Es war ein langer Tag, und du musst dich ausruhen, ich räume hier auf.«

Paula umarmte ihre Tochter. »Ich bin so froh, dass du da bist. Zusammen kriegen wir das sicher irgendwie hin …« Sie stockte, ein ängstlicher Ausdruck trat in ihre Augen. »Wir kriegen es doch hin, oder? Ich habe schon deinen Vater verloren, ich möchte nicht auch noch den Rest verlieren.«

Einen Moment lang schaute Cathy sie schweigend an, dann nickte sie. »Ja, wir schaffen es, das verspreche ich dir. Irgendetwas wird mir einfallen, ich werde alles tun, damit wir die Farm behalten können.«

***

Gleich am nächsten Tag machte Cathy sich daran, in Ruhe die Unterlagen ihres Vaters durchzusehen. Dies erwies sich allerdings als schwieriges Unterfangen, denn Douglas hatte offenbar seit Längerem weder etwas sortiert noch eine Buchhaltung gemacht.

In dem Raum, den er als Büro benutzt hatte, herrschte ein heilloses Durcheinander. Der zerkratzte Schreibtisch war übersät mit Papieren, Kontoauszügen, Rechnungen und Mahnungen. Weitere Stapel türmten sich in einem Bücherschrank, ebenso auf der verschlissenen Couch. In einem Regal standen Aktenordner, die jedoch größtenteils leer waren, lediglich die Dokumente älteren Datums waren geordnet und abgeheftet. Eine dicke Staubschicht lag über den meisten Dingen, die Luft roch nach stockigem Papier.

Nachdem sie das Fenster geöffnet hatte, begann Cathy, das Chaos zu beseitigen. Sie sortierte die Unterlagen, fertigte eine Aufstellung aller Außenstände an und je mehr Einblick sie gewann, desto hoffnungsloser erschien ihr die Situation.

Abgesehen von kleineren Beträgen, die Douglas Emerson diversen Leuten in Elkpoint schuldete, waren Zahlungen für Strom und Gas fällig. Darüber hinaus hatte er eine Hypothek auf das Haus aufgenommen. Offenbar hatte er seit einer Weile die monatlichen Raten nicht bezahlen können, denn inzwischen drohte die Bank mit Zwangsversteigerung.

Fassungslos starrte Cathy auf die Papiere. Irgendwie schien plötzlich ihr ganzes Leben aus den Fugen zu geraten. Zuerst hatte sie ihren Job als Flugbegleiterin verloren, da die Airline, bei der sie angestellt war, Konkurs angemeldet hatte. Seit rund drei Monaten lebte sie von ihren kärglichen Ersparnissen und war auf der Suche nach einer neuen Arbeit. Da die meisten Fluggesellschaften jedoch mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten und überall Personalabbau angesagt war, hatte sie bisher nichts gefunden. Während sie noch überlegt hatte, ob sie von Seattle in eine der anderen größeren Städte umziehen sollte, da sie dort eventuell bessere Chancen hätte, war ihr Vater gestorben. Sie hatte alles stehen und liegen gelassen und war sofort nach Elkpoint gereist, um ihrer Mutter beizustehen und sich um die Beerdigung zu kümmern. Und als wäre das nicht bereits genug, musste sie nun feststellen, dass die Farm so gut wie verloren war.

Abgesehen von den übrigen Schulden waren bei der Bank 20.000 Dollar fällig – eine Summe, die sie niemals aufbringen konnte.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Sie stand auf, verließ das Haus und sog die frische Luft tief in ihre Lungen. Langsam ging sie über den Hof und schaute sich um.

Das einstöckige Wohnhaus, das früher einmal einladend und gepflegt ausgesehen hatte, wirkte heruntergekommen und schäbig. Von den Wänden blätterte die Farbe ab, die hölzerne Veranda war stellenweise morsch, und auf dem Dach fehlten etliche Schindeln.

Der Stall sah nicht viel besser aus, sowohl von außen als auch von innen. Von den acht Pferden, die ihr Vater früher besessen hatte, war lediglich eines übrig, Tango, ein alter Hengst, der wohl zu klapprig gewesen war, um ihn zu versilbern. Auf der Weide hinter dem Gebäude graste eine Handvoll Schafe, der klägliche Rest der riesigen Herde, die den Emersons einst gehört hatte. Sie hatten von der Schafzucht gelebt, und das sogar gut, doch diese Tiere hier waren kaum noch das Futter wert.

Deprimiert hockte sie sich auf einen Baumstumpf. Wie hatte es nur so weit kommen können? Warum hatte sie bei ihren Besuchen nie bemerkt, wie schlecht es um die Farm stand? Natürlich war ihr aufgefallen, dass es Probleme gab, und dass ihr Vater mehr trank, als ihm guttat, aber dass es so ernst war, hatte sie nicht geahnt. Douglas Emerson hatte nie über seine Geschäfte oder Finanzen gesprochen, und auf ihre Nachfragen hin hatte Paula ihr stets versichert, dass alles in Ordnung sei.

Cathy empfand tiefes Mitgefühl mit ihrer Mutter. Der Verlust ihres Mannes, den sie trotz seiner Fehler von ganzem Herzen geliebt hatte, war schon schwer genug, wenn sie nun auch noch die Ranch verlor …

Die Bemerkung des Großgrundbesitzers kam ihr wieder in den Sinn. Falls die Farm unter den Hammer kam, was so gut wie sicher war, würde er den Besitz zu einem Spottpreis ergattern. Vielleicht wäre es doch besser, direkt an ihn zu verkaufen, um wenigstens einen Betrag zu erhalten, der dem Wert des Landes angemessen war.

Andererseits widerstrebte es ihr, vor diesem Halsabschneider zu Kreuze zu kriechen. Gregory Cantrell war ein Mann, der keinen Spaß verstand, schon gar nicht, wenn es sich um seine Geschäfte handelte. Sein einziger Lebenszweck bestand darin, sein Vermögen zu vermehren. Neben einer florierenden Rinderzucht gehörte ihm fast halb Elkpoint, ebenso wie etliche Läden, Immobilien und Grundstücke in Challis, Mackay und Arco. Sein Einfluss erstreckte sich über das gesamte Custer-County und darüber hinaus, man nannte ihn überall den ‚Rinderbaron‘.

Seine Vorgehensweise war stets gleich, zwar nicht illegal, aber rücksichtslos. Er bot kleinen, mittellosen Farmern und Ladenbesitzern großzügige Darlehen an, jedoch zu einem wesentlich höheren Zinssatz als üblich. Da diese bei den eingesessenen Banken meistens keine Kredite erhielten, griffen sie zu. Sobald sie nicht mehr in der Lage waren, eine fällige Rate zu bezahlen, kündigte Gregory den Vertrag auf und verlangte die restliche Summe zurück. Natürlich konnte niemand das zahlen, und somit fiel ihm der Besitz zu. Häufig verpachtete er dann das Land oder das Geschäft an den vorherigen Eigentümer, und kassierte so zusätzlich. Wagte es jemand, nicht auf sein Angebot einzugehen, boykottierte er den Betreffenden und legte ihm so lange Steine in den Weg, bis er bekam, was er wollte.

Auf die gleiche Weise hatte er es auch bei Cathys Vater versucht, aber dieser hatte ihm all die Jahre die Stirn geboten. Es war eine regelrechte Fehde zwischen den Männern entstanden, die – gepaart mit seiner Spielsucht – Douglas schließlich in den Alkohol und den Ruin getrieben hatte.

Entschlossen straffte Cathy die Schultern. Nein, auf keinen Fall würde sie zulassen, dass der Besitz in Gregorys Hände fiel. Irgendeine Möglichkeit würde sie finden, das Geld aufzutreiben.

 

2

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück schlüpfte Cathy in ein schlichtes, dunkelblaues Kostüm und eine weiße Bluse. Nachdem sie sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, verließ sie das Haus und stieg in den betagten Dodge D-100 ihres Vaters. Der Pick-up war Baujahr 1965 und hatte etliche Kilometer auf dem Buckel. Die ehemals moosgrüne Lackierung war inzwischen größtenteils vom Rost zerfressen, sodass der Wagen fast wie ein Tarnfahrzeug der Army aussah. Beim Starten gab der Motor zunächst nur ein heiseres Keuchen von sich, sprang dann aber stotternd an. Begleitet von merkwürdigen Geräuschen rollte Cathy den staubigen Weg entlang zur Straße, und hoffte, dass sie es überhaupt bis in die Stadt schaffte.

​​ In Elkpoint angekommen fuhr sie die Mainstreet hinauf und parkte in der Nähe der Farmers National Bank. Sie betrat das einstöckige Gebäude, wo sie sich hinter den Wartenden vor dem einzigen Schalter anstellte. Als sie an der Reihe war, trug sie ihr Anliegen vor. Die Angestellte bat sie, einen Moment zu warten, und führte sie kurz darauf in das Büro des Filialleiters.

Hinter einem massiven Schreibtisch aus Eichenholz saß ein etwa dreißigjähriger Mann mit blondem Haar und einer altmodischen Hornbrille. Als er sie sah, erhob er sich und kam freudestrahlend auf sie zu.

»Cathy, wie schön, dich zu sehen.« Er legte eine Hand an ihren Rücken und führte sie zu den beiden Stühlen, die vor dem Tisch standen. »Setz dich doch bitte.«

Irritiert folgte sie seiner Aufforderung, während er sich wieder auf seinem Bürosessel niederließ.

Cathy? Kannten sie sich von irgendwo her? Sie musterte ihn unauffällig und überlegte, wo sie sich begegnet sein könnten. Auf der Beerdigung vielleicht?

»Roger«, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen, »Roger Gerkee. Senior High, Englisch und Mathe.«

Obwohl sie sich kaum an ihn erinnerte, nickte sie höflich. »Natürlich, ich habe dich doch gleich erkannt. Ich war nur etwas verwundert, ich hatte ja keine Ahnung, dass du inzwischen hier Filialleiter bist.«

»Ja«, er lächelte stolz, »ich habe es geschafft. – Wie geht es dir?«

»Den Umständen entsprechend würde ich sagen.«

»Schlimme Sache, das mit deinem Dad. Es ist sicher ein schwerer Verlust, auch für deine Mutter.«

»Das stimmt. Sie ist ziemlich fertig und dann kommt noch die Sorge um die Farm hinzu.«

»Ich nehme an, deswegen bist du hier.«

»Ja, ich wollte fragen, ob es möglich wäre, einen Zahlungsaufschub zu bekommen.«

»Einen Moment, ich hole mir die Unterlagen.«

Er stand auf, trat an einen metallenen Aktenschrank, schloss ihn auf und zog nach kurzem Suchen eine Mappe heraus.

Nachdem er sich wieder hingesetzt und einen Augenblick lang den Inhalt studiert hatte, schüttelte er bedauernd den Kopf.

»Mir ist natürlich bewusst, dass du in einer schwierigen Lage bist«, betonte er, »aber ein Zahlungsaufschub ist leider nicht möglich. Wir haben deinem Vater schon ein paar Mal die Raten gestundet, länger können wir nicht warten.«

»Auch nicht, wenn ich einen Teil der ausstehenden Summe bezahle? Ich habe rund fünftausend Dollar an Ersparnissen.«

»Es sind zwanzigtausend Dollar fällig, falls dieser Betrag nicht bis zum 30. September ausgeglichen ist, wird der Besitz zwangsversteigert.«

»Könnte ich dann für den Rest vielleicht einen Kredit auf meinen Namen aufnehmen?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Das wäre möglich. Wie sieht es denn mit deinem Einkommen aus?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Momentan habe ich keinen Job, aber das wird sich bestimmt bald wieder ändern. Und wenn die Raten nicht so hoch sind, werde ich sie schon irgendwie bezahlen.«

»Hast du sonst irgendwelche Sicherheiten? Immobilien, Wertpapiere, einen Ehemann oder Partner, der eine Bürgschaft übernehmen könnte?«

»Nein, nichts davon.«

Roger setzte seine Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel. »Tut mir leid«, erklärte er dann, »in diesem Fall kann ich dir keinen Kredit bewilligen, das Risiko für die Bank ist zu groß.«

»Und eine andere Option gibt es nicht?«, fragte sie niedergeschlagen.

»Nein, leider nicht. Eigentlich verlangt die Bank sogar die Rückzahlung der gesamten Schuld, da ich aber in meiner Position etwas Spielraum habe, bin ich bereit, mich auf die Zahlung der fälligen Raten zu beschränken. Mehr kann ich nicht für dich tun, mir sind die Hände gebunden.«

»Okay, dann muss ich eine andere Lösung finden.« Cathy erhob sich. »Trotzdem vielen Dank.«

»Gern geschehen.« Roger stand ebenfalls auf und begleitete sie zur Tür. »Wie lange bist du noch hier?«

»Am Sonntag reise ich wieder ab.«

»Oh, wie schade. Aber du wirst jetzt ja sicher öfter in Elkpoint sein.«

»Ja, natürlich. Es wird eine Weile dauern, bis alles geregelt ist, und ich muss mich auch ein bisschen mehr um Mom kümmern, nun, wo sie alleine ist.«

»Vielleicht sehen wir uns dann ja mal.« Zuvorkommend öffnete Roger ihr die Tür. »Also, mach es gut, und einen schönen Gruß an deine Mutter.

»Ja, werde ich ihr ausrichten. Auf Wiedersehen.«

Cathy verließ das Gebäude und hielt draußen einen Augenblick inne, um sich zu sammeln.

Das war ja nicht gerade toll gelaufen. Ihre Hoffnung auf einen Zahlungsaufschub hatte sich soeben in Luft aufgelöst, nun musste sie sich irgendetwas anderes einfallen lassen. Zwar hatte sie nicht die geringste Ahnung, was sie tun sollte, aber sie würde auf keinen Fall kampflos aufgeben.

In Gedanken versunken machte sie sich auf den Weg zu ihrem Auto. Dabei achtete sie nicht darauf, wohin sie lief, und prallte plötzlich gegen eine breite Brust.

»Tut mir leid«, wollte sie sich entschuldigen, die Worte blieben ihr jedoch im Hals stecken, als eine tiefe Stimme im gleichen Moment sagte:

»Cat – so ein Zufall.«

***

Cathy zuckte zusammen. Es gab nur eine Person, die sie jemals so genannt hatte, und die hatte sie seit Jahren in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses verbannt.

Sie wich einen Schritt zurück und hob langsam den Kopf. Ihr Blick glitt von einem muskulösen Oberkörper in dunkelblauem T-Shirt zu einem sonnengebräunten Gesicht mit zwei stahlgrauen Augen, die sie kühl musterten.

»Blake«, murmelte sie, und schluckte, ihr Hals war plötzlich wie zugeschnürt.

Sein intensiver Blick schien in ihr Innerstes dringen zu wollen. »Es ist lange her.«

Oh ja, das war es allerdings. Dreizehn Jahre, und sie hätte niemals damit gerechnet, dass er nach all dieser Zeit und allem, was geschehen war, immer noch eine solche Wirkung auf sie haben würde.

Reiß dich zusammen, mahnte sie sich, und zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern. »Ja, stimmt.«

Einen Moment lang schauten sie sich stumm an, dann fragte Cathy: »Bist du auf Urlaub hier?«

»Nein, ich habe meinen Abschied genommen.«

»Also wirst du in Elkpoint bleiben.«

Blake nickte. »Ja. – Und was tust du hier?« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Bank. »Deinen Sparstrumpf plündern?«

Seine flapsige Bemerkung erinnerte Cathy daran, wer er war, und ließ heißen Zorn in ihr auflodern.

»Frag nicht so blöd«, fuhr sie ihn an, »als ob du das nicht ganz genau wüsstest.«

Verständnislos schaute er sie an. »Habe ich irgendwas verpasst?«

»Tu bloß nicht so unschuldig. Als einer der Kronprinzen des Cantrell-Imperiums wirst du doch sicher darüber im Bilde sein, dass dein Vater seine schmierigen Finger nach unserer Ranch ausstreckt.«

Bevor er noch etwas sagen konnte, drehte sie sich um, eilte auf ihren Wagen zu und raste Sekunden später davon, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her.

***

Einen Moment lang stand Blake verblüfft da und starrte Cathy hinterher. Dann schüttelte er den Kopf, wandte sich ab und überquerte die Straße. Mit großen Schritten steuerte er auf einen roten Jeep Wrangler zu, der am Straßenrand parkte, öffnete die Beifahrertür und schob sich auf den Sitz.

»War sie das?«, fragte sein Freund Jax, der hinter dem Steuer saß, neugierig, und reckte den Hals, um einen letzten Blick auf die davonfahrende Cathy zu erhaschen. Als Blake ein undefinierbares Brummen von sich gab, fügte er hinzu: »Sehr hübsch – die würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.«

»Ich stoße dich gleich«, knurrte Blake, »und zwar aus dem Auto, wenn du nicht die Klappe hältst und endlich losfährst.«

»Ich hoffe, du hast deine Medikamente bekommen – irgendwie bist du ziemlich aggressiv.«

Mit einem breiten Grinsen startete Jax den Motor und fädelte sich in den mäßigen Verkehr auf der Mainstreet ein.

Eine knappe halbe Stunde später erreichten sie Golden Meadows, das Anwesen von Blakes Familie. Jax lenkte den Jeep in die Auffahrt und stoppte vor dem Eingang des imposanten Herrenhauses.

»Also dann – ich schätze, wir sehen uns.«

»Klar«, versprach Blake. »Was hast du so vor in der nächsten Zeit?«

»Ich werde erst mal ausgiebig meine Freiheit genießen, die Abfindung verprassen und ein paar heiße Bräute abschleppen – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.«

Blake schmunzelte. »Sex, Drugs and Rock’n Roll.«

»Was dachtest du denn? Trübsal blasen im Veteranenheim?«

Kameradschaftlich knuffte Blake dem Freund auf den Arm. »Na dann, viel Spaß. Ich melde mich bei dir.« Er stieg aus, wuchtete seinen Seesack vom Rücksitz, schulterte ihn, warf die Tür zu und klopfte aufs Dach. »Danke fürs Fahren.«

»Ehrensache«, Jax hob den Daumen, »semper fi.«

Sekunden später brummte er davon, und Blake betrat das Haus. Trotz der sommerlichen Temperaturen von rund dreißig Grad war es drinnen angenehm kühl. Stille lag über der riesigen Eingangshalle mit dem Marmorboden und den seidenen Tapeten, lediglich aus der am Ende des lang gestreckten Flurs gelegenen Küche klang leises Geschirrklappern. Ein vertrauter Zitronengeruch, der von der Möbelpolitur stammte, lag in der Luft, und sofort fühlte er sich wieder heimisch.

Nach kurzem Überlegen stellte Blake seinen Seesack ab und ging ins Arbeitszimmer, wo er – wie erwartet – seinen Vater über Unterlagen brütend vorfand.

»Hi Dad.«

»Blake.« Ein Lächeln glitt über Gregory Cantrells Gesicht, und er sprang auf. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du heute ankommst? Ich hätte jemanden geschickt, der dich vom Flughafen abholt.«

»Kein Problem, ein Freund hat mich hier abgesetzt.«

Gregory trat auf seinen Sohn zu, klopfte ihm auf die Schulter und betrachtete ihn eingehend. »Du siehst mitgenommen aus, Junge«, sagte er besorgt, »wie fühlst du dich? Nach allem, was man in den Medien so hört …«

»Ich bin okay«, unterbrach Blake ihn rasch, »nur ein bisschen müde von dem langen Flug.«

»Auf jeden Fall bin ich froh, dass du wieder da bist.«

»Ich ebenfalls, es tut gut, zu Hause zu sein.«

»Und du hast wirklich deinen Abschied genommen?«

»Ja. Zwölf Jahre in Krisengebieten reichen, es wird Zeit, dass ich in ruhigere Fahrwasser komme.«

»Und dass du dich in die Firmengeschäfte einarbeitest«, bestätigte sein Vater. »Schließlich werde ich auch nicht jünger, und je eher du meine Nachfolge antrittst, desto besser.«

Blake schaute ihn prüfend an. »Apropos Geschäfte – ich habe Cathy Emerson getroffen, und sie war ziemlich aufgebracht.«

»Ach«, Gregory machte eine wegwerfende Handbewegung, »es ist nur das passiert, womit alle schon lange gerechnet haben – Doug ist im Vollrausch gegen einen Baum gefahren.«

»Ist er …?«

»Tot, ja.«

»Du klingst nicht besonders mitfühlend.«

»Wie du weißt, waren wir noch nie die besten Freunde, er hat sich stets hartnäckig geweigert, mir sein Land zu verkaufen. Aber damit ist nun Schluss.«

Blake runzelte die Stirn. »Mit anderen Worten, du versuchst jetzt, dir den Besitz unter den Nagel zu reißen.«

»Herrje, so wie du das sagst, hört es sich ja an, als würde ich jemanden betrügen wollen«, erwiderte sein Vater vorwurfsvoll. »Die Farm ist hoch verschuldet und wird so oder so in ein paar Wochen unter den Hammer kommen. Ich bin bereit, den Emersons ein faires Angebot zu machen.«

»Fair, dass ich nicht lache. Ich wette, dass du sie mit einem Bruchteil dessen abspeisen willst, was das Land tatsächlich wert ist.«

»Geschäft ist Geschäft«, erklärte Gregory achselzuckend, »das wirst du auch noch lernen. Wenn du erfolgreich sein willst, darfst du nicht zimperlich sein.«

Einen Moment lang schaute Blake seinen Vater schweigend an. »Tut mir leid, aber mit deinen Methoden werde ich mich nicht anfreunden können«, betonte er dann. »Erwarte also nicht von mir, dass ich in dieser Angelegenheit mit dir an einem Strang ziehe.«

»Oh, das brauchst du auch nicht«, Gregory lächelte zufrieden, »es ist schon alles geregelt.«

 

3

Völlig aufgewühlt machte Cathy sich auf den Rückweg zur Farm. Währenddessen hing sie ihren Gedanken nach, die in diesem Augenblick – trotz all der Trauer um ihren Vater – nur um ein Thema kreisten: Blake.

​​ Das unerwartete Wiedersehen hatte sie komplett aus der Fassung gebracht, und sämtliche Gefühle und Erinnerungen, die sie jahrelang erfolgreich verdrängt hatte, an die Oberfläche gespült.

Dreizehn Jahre war es jetzt her, dass sie und Blake ein Liebespaar gewesen waren. Sie war damals sechzehn gewesen, er achtzehn und einer der umschwärmtesten Jungs an der Highschool. Als er ausgerechnet sie zum jährlichen Frühjahrsball in der Schule eingeladen und danach geküsst hatte, hatte sie ihr Glück kaum fassen können.

Von da an waren sie fest ‚zusammen gegangen‘, und sie hatte sich gefühlt wie Aschenputtel mit ihrem Traumprinzen. Himmel, wie verliebt sie in ihn gewesen war. Er hatte sie stets beschützt; als einer ihrer Klassenkameraden sie einmal vom Fahrrad schubste, hatte Blake ihn furchtbar verprügelt. Dafür hatte er vier Wochen Hausarrest bekommen, doch dessen ungeachtet hatte er sich jeden Nachmittag davongestohlen, um Zeit mit ihr zu verbringen. Ihr Treffpunkt war immer die alte Ulme gewesen, die nahe der gedeckten Brücke am Ufer des Deep River stand. Dort hatten sie im Schatten des mächtigen Baums gesessen, hatten miteinander geredet, sich geküsst und nach einer Weile auch herumgeschmust. So ging es ein halbes Jahr, bis zu dem Abend, als …

Ein Schlagloch schreckte Cathy aus ihren Erinnerungen, und sie verscheuchte die unliebsamen Gedanken. Sie hatte weiß Gott andere Probleme, als ihrer Jugendliebe hinterher zu trauern.

Wenig später fuhr sie auf den Hof, und als sie das Haus betrat, fand sie ihre Mutter weinend am Küchentisch.

»Mom, was ist denn los?«, fragte sie und legte ihr tröstend einen Arm um die Schulter. »Ist etwas passiert?«

»Greg war hier«, schluchzte Paula, »kurz nachdem du weggefahren bist. Er hat mir gedroht, er sagte, das wäre unsere letzte Chance, sich gütlich mit ihm zu einigen.« Sie schob Cathy ein Dokument hin. »Wir sollen das unterschreiben, und alle Probleme wären gelöst.«

Cathy überflog den Vertragsentwurf und lachte bitter auf. 75.000 Dollar. Das lag weit unter dem tatsächlichen Wert des Besitzes, und reichte nicht einmal aus, um die Hypothek bei der Bank abzulösen.

»Das kann doch nicht sein Ernst sein«, schimpfte sie, »dieser elende Blutsauger.«

»Wenn wir nicht darauf eingehen, will er der Bank den Kredit abkaufen.« Paula wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt, und Cathy sah, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch war. Sie zog sie vom Stuhl hoch und schob sie in Richtung Schlafzimmer.

»Das passiert bestimmt nicht«, versprach sie, »irgendeine Lösung finden wir. Aber du legst dich jetzt erst einmal ein bisschen hin.«

Energisch verfrachtete sie ihre am ganzen Körper zitternde Mutter ins Bett, und rief anschließend Donald Lawson an, den alten Hausarzt, der die Familie betreute, seit sie zurückdenken konnte.

Es dauerte nicht lange, bis er auf der Farm eintraf. Er untersuchte Paula und gab ihr eine Spritze, die sofort wirkte und sie einschlafen ließ.

»Ich lasse dir noch ein paar Tabletten hier, sie sind rein pflanzlich und haben eine beruhigende Wirkung«, erklärte Dr. Lawson, während er sich die Hände wusch.

»Wie ernst ist es?«, fragte Cathy besorgt.

»Sie hatte in der letzten Zeit öfter Herz-Rhythmus-Störungen. Bis jetzt hatte sie Glück, es sind nur die Vorhöfe betroffen. Allerdings ist ihr Blutdruck zu hoch, was unter Umständen zu einem Schlaganfall führen kann. Jeglicher Stress ist schlecht für sie, du solltest also sämtliche Aufregung von ihr fernhalten.«

Die Worte des Arztes versetzten Cathy einen regelrechten Schock. Verstört schaute sie zu, wie er eine Schachtel mit Tabletten aus seiner Tasche holte und sie auf den Tisch legte.

»Eine morgens, eine abends«, ordnete er an, »und viel Ruhe.«

»Ja«, sie nickte, »ich werde dafür sorgen. Und wegen der Rechnung …«

»Schon gut«, unterbrach er sie, »ich weiß, dass ihr es im Moment nicht leicht habt. Betrachte es einfach als einen freundschaftlichen Besuch.«

»Vielen Dank, aber …«

»Kein aber«, fiel er ihr erneut ins Wort. »Ich habe deinen Vater von klein auf gekannt, und das ist das Mindeste, was ich noch für ihn tun kann.«

Dr. Lawson nahm seine Tasche, und Cathy brachte ihn zur Tür. Sie verabschiedeten sich, und nachdem er davon gefahren war, kehrte sie zurück zu ihrer Mutter.

Besorgt betrachtete sie deren blasses Gesicht und strich ihr mit den Fingern sanft über die eingefallene Wange.

»Es wird alles gut Mom«, flüsterte sie, »irgendwie kriege ich das hin, das verspreche ich dir.«

***

Kurz darauf saß Cathy im Arbeitszimmer ihres Vaters und überlegte, wie es nun weitergehen sollte.

Durch die Krankheit ihrer Mutter verschlimmerte sich die ganze Situation noch. Unter keinen Umständen durfte sie die Wahrheit über den drohenden Verlust der Farm erfahren, es würde ihr im wahrsten Sinne des Wortes das Herz brechen. Und sie konnte sie in ihrem jetzigen Zustand auf keinen Fall alleine lassen, genauso wenig konnte sie sie mit zu sich nach Seattle nehmen. Abgesehen davon, dass ihr Apartment zu klein für zwei Personen war, hatte sie momentan keinen Job, was sie Paula angesichts der Aufregung über Douglas‘ Tod allerdings verschwiegen hatte.

​​ Ursprünglich hatte sie vorgehabt, am Wochenende abzureisen und sich weiter auf Arbeitssuche zu begeben. Da sie jedoch nicht wusste, ob und wann es ihrer Mutter wieder besser ging, war es wohl das Sinnvollste, wenn sie hierblieb und sich einen Job in Elkpoint oder der näheren Umgebung suchte.

Nachdem sie ihre Entscheidung getroffen hatte, telefonierte Cathy mit ihrem Vermieter, schilderte ihre Lage und teilte ihm mit, dass sie beabsichtigte, ihr Apartment aufzugeben. Zwar war er nicht sonderlich begeistert und brummelte etwas von ‚Kündigungsfristen‘, da es jedoch ausreichend Nachfrage gab, erklärte er sich schließlich einverstanden, sie kurzfristig aus dem Mietvertrag zu entlassen. Anschließend schrieb sie die Kündigung für die Wohnung und fuhr am späten Nachmittag ein zweites Mal nach Elkpoint, um den Brief zur Post zu bringen.

Danach nutzte sie die Gelegenheit, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Als sie den Store in der Ortsmitte betrat, traf sie auf mehrere Frauen, die im Laden standen und ein Schwätzchen mit Ada Salinger, der Ehefrau des Inhabers, hielten.

»Cathy«, begrüßte Ada sie freundlich, »wie schön, dich zu sehen. Wie geht es deiner Mutter? Ruth hat uns gerade erzählt, dass Donald heute Vormittag bei ihr war, weil sie Herzprobleme hatte.«

Matilda Warden, die Haushälterin des Reverends, schaute Cathy mitfühlend an. »Der Tod deines Vaters hat sie wirklich schwer mitgenommen.«

»Und dann noch Gregory Cantrell, dieser alte Aasgeier«, empörte Nancy Beacham, die Frau des Bürgermeisters, sich.

Ruth Lawson senkte verschwörerisch die Stimme. »Apropos – habt ihr mitbekommen, dass Blake wieder da ist?«

»Ja«, nickte Ada, »er war heute Morgen kurz hier im Store.« Sie kicherte wie ein junges Mädchen. »Er sieht toll aus – wenn ich meinen Harold nicht hätte, könnte ich glatt schwach werden.«

»Aber Ada«, mahnte Matilda sie vorwurfsvoll, und Nancy schmunzelte.

»Mach dir keine falschen Hoffnungen. Nachdem Gregs andere Söhne kein Interesse an seinen Geschäften haben, wird er bestimmt eine angemessene Frau für Blake aussuchen, damit das Erbe des Imperiums gesichert ist.«

»Der arme Junge.« Betrübt schüttelte Ada den Kopf und wandte sich dann an Cathy, die schweigend zugehört hatte. »Was darf es denn sein, Liebes?«

Erleichtert, dass sie sich nicht noch länger den Tratsch über Blake anhören musste, rasselte sie ihre Einkaufsliste herunter. Ada suchte alles zusammen, tippte die Preise in die Kasse und nannte die Summe. Cathy bezahlte, verabschiedete sich und verließ mit der Papiertüte unter dem Arm den Store. Als sie gerade die Einkäufe in ihrem Kofferraum verstaut hatte, hupte es plötzlich neben ihr.

Sie schaute auf, sah einen gelben Mitsubishi Lancer anhalten und erkannte Kate Wilson am Steuer, ihre alte Schulkameradin. Während der Highschool waren sie beste Freundinnen gewesen, doch danach war Cathy nach Seattle gegangen, Kate hatte geheiratet und war nach Idaho Falls gezogen, und so hatten sie sich aus den Augen verloren.

Kate stieg aus, kam auf Cathy zu und umarmte sie. »Es ist schön, dich wiederzusehen, auch wenn der Anlass traurig ist.«

»Ja, wir haben uns ewig nicht gesehen.«

»Das mit deinem Vater tut mir sehr leid. Ich wäre gerne zur Beerdigung gekommen, aber Brian war krank, er hatte Fieber und ich wollte ihn nicht alleine lassen.«

»Schon gut, ich wusste sowieso nicht, wo mir der Kopf steht, und hätte keine freie Minute gehabt, um mit dir zu plaudern.«

»Wie sieht es aus«, fragte Kate, »hast du jetzt ein bisschen Zeit? Wir könnten im Diner einen Kaffee trinken.«

Cathy zögerte. Eigentlich wollte sie ihre Mutter nicht so lange alleine lassen. Aber zum einen hatte Paula ihre Tabletten genommen und sich wieder hingelegt, zum anderen wäre es schön, ein bisschen mit Kate zu quatschen, also nickte sie.

»Ja, ich denke, ein halbes Stündchen ist drin.«

***

Gemeinsam spazierten Kate und Cathy die Mainstreet hinauf, bis sie das Diner, welches gegenüber vom Rathaus lag, erreichten. Drinnen war es nicht allzu voll, sodass es kein Problem war, einen freien Tisch zu finden, und wenig später hatten sie beide eine Tasse Kaffee vor sich stehen.

»Mom hat mir erzählt, du lebst wieder hier in Elkpoint?«, sagte Cathy, nachdem sie eine Weile über allgemeine Dinge geplaudert hatten.

»Ja, schon seit drei Jahren, zusammen mit meinem Sohn Brian. Meine Ehe verlief nicht so glücklich.«

»Das tut mir leid.«

»Vergiss es«, winkte Kate ab und lächelte vergnügt, »es war meine eigene Schuld. Ich wusste genau, dass Connor ein reicher, verwöhnter Junge war, der jedem Rock hinterher steigt, und habe mir trotzdem eingebildet, ich wäre diejenige, die ihn zähmen könnte. Es war eigentlich vorauszusehen, dass das nicht funktionieren würde. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass er sich niemals ändern wird, und die Scheidung eingereicht.«

»Und – gibt es jemand anderen?«

»Nach dem Reinfall ziehe ich es vor, allein zu bleiben. Brian und ich kommen wunderbar zurecht, warum soll ich mir das Leben mit einem Mann verleiden?« Kate grinste schief. »Der einzige Nachteil ist mein nicht vorhandenes Intimleben – ich bin chronisch untervögelt.«

Cathy kicherte. »Na, dafür gibt es doch gewisse Hilfsmittel.«

»Ich habe eine ganze Schublade voller Spielzeuge«, gab Kate ungeniert zu, »aber sie können einen echten Kerl nicht wirklich ersetzen.« Sie trank einen Schluck Kaffee. »Und du? Verliebt, verlobt, verheiratet?«

»Weder noch. Ich hatte zwei Beziehungen in Seattle, sie haben jedoch nicht lange gehalten.«

»Woran lag es?«

»Keine Ahnung«, Cathy zuckte mit den Achseln, »die unregelmäßigen Arbeitszeiten, und dann hat es auch so nicht richtig gepasst.«

»Aha.« Kate warf der Freundin einen wissenden Blick zu. »Die Buschtrommeln haben verkündet, dass Blake wieder hier in Elkpoint ist.«

Cathy seufzte. »Ja, ich weiß. Ich bin ihm heute Morgen in die Arme gelaufen.«

»Und?«

»Nichts ‚und‘. Das mit uns ist schon ewig vorbei.«

»Ja, natürlich.« Erneut nippte Kate an ihrer Tasse. »Wie lange wirst du in Elkpoint bleiben?«

»Ich kehre nicht nach Seattle zurück«, erklärte Cathy und berichtete von den Herzproblemen ihrer Mutter und den finanziellen Schwierigkeiten. »Ich will versuchen, die Farm zu retten, aber erst mal brauche ich eine Arbeit.«

»Das wird nicht leicht. Es gibt ohnehin nur wenige Jobs hier, und abgesehen davon gehören viele der Geschäfte in Elkpoint und Umgebung den Cantrells. Allerdings …« Kate unterbrach sich und winkte der Bedienung. »Ally, kannst du vielleicht Walter kurz zu uns an den Tisch schicken?«

Die junge Frau nickte. »Ja, klar.«

Stirnrunzelnd verfolgte Cathy, wie sie hinter der Theke verschwand, den Kopf durch eine Tür steckte und rief: »Hey Walt, Kate will dich sprechen.«

Sekunden später erschien Walter Reagan, der Besitzer des Diners, an ihrem Tisch. »Hallo Ladies, was kann ich für euch tun?«

»Suchst du immer noch eine Aushilfe?«, wollte Kate wissen.

»Ja, es wird noch ungefähr vier Wochen dauern, bis Pattys Beinbruch verheilt ist und Ally kann nicht alles alleine bewältigen. Außerdem findet in vierzehn Tagen Dillons Hochzeit statt, da bräuchte ich auf jeden Fall weitere Unterstützung.«

»Prima, Cathy sucht nämlich einen Job.«

Walter schaute zweifelnd drein. »Hast du denn Erfahrung mit kellnern?«

»Ich habe als Flugbegleiterin gearbeitet. Essen servieren und Tabletts herumtragen, ohne etwas fallenzulassen oder zu verschütten, kann ich auf jeden Fall.«

​​ »Na schön«, sagte Walter nach kurzem Zögern, »ich versuche es mit dir. Zwei Mal in der Woche hast du Spätschicht von zwei bis zehn, dienstags die Frühschicht von neun bis zwei. Freitags und sonntags kommst du den ganzen Tag, dafür hast du mittwochs und samstags frei, bis auf den Samstag, an dem die Hochzeit stattfindet. Ich zahle dir zehn Dollar die Stunde, und natürlich darfst du die Trinkgelder behalten. Außerdem bekommst du von uns die Uniform gestellt. Falls du damit einverstanden bist, kannst du morgen gleich anfangen und bleiben, bis Patty wieder einsatzbereit ist.«

Cathy musste nicht lange überlegen. Obwohl die Bezahlung nicht üppig und der Job befristet war, so war es doch erst einmal besser als gar nichts. »Okay, abgemacht.«

»Also dann«, Walter schüttelte ihr die Hand, »herzlich willkommen im Team.«

Sie versprach, am nächsten Morgen pünktlich um neun da zu sein, und er verschwand wieder in der Küche.

»Na bitte, Problem Nummer eins gelöst – zumindest vorübergehend«, nickte Kate zufrieden.

»Ja, vielen Dank.«

»Gern geschehen. Und der Rest wird sich auch irgendwie finden.«

»Das hoffe ich. – Aber ich muss jetzt los, ich will Mom nicht so lange allein lassen.«

»Klar.«

Sie winkten der Bedienung, zahlten, verließen das Restaurant und schlenderten die Mainstreet hinunter.

»Ich finde es toll, dass du wieder da bist«, sagte Kate, als sie bei ihren Autos angelangt waren, »mir haben unsere Gespräche gefehlt.«

»Mir auch. Wir werden den Kontakt jetzt nicht mehr abreißen lassen, egal was passiert, ja?«

»Auf keinen Fall.«

Sie tauschten ihre Handynummern aus und umarmten sich zum Abschied.

»Melde dich, falls ich irgendetwas für dich tun kann«, rief Kate, während sie sich in ihren Wagen setzte.

»Mache ich. Bis dann«

Cathy stieg ebenfalls ein, winkte der Freundin noch einmal zu, rangierte den Dodge aus der Parklücke und brummte davon.

 

4

Nach dem Abendessen, das Blake alleine in der Küche des Herrenhauses zu sich nahm, beschloss er, seinen Bruder zu besuchen. Er schnappte sich einen der Autoschlüssel vom Brett neben der Eingangstür, verließ das Haus und legte die wenigen Schritte zur Garage zurück.

Sekunden später saß er in einem der Pick-ups, die zu Golden Meadows gehörten, und war auf dem Weg zur C Bar Ranch. Er fuhr die kürzeste Strecke, die ihn am Besitz der Emersons vorbeiführte. Wie von einem Magneten angezogen schaute er zu dem alten Farmhaus hinüber, und unwillkürlich fragte er sich, was Cathy jetzt wohl gerade tat. Sofort schüttelte er diesen Gedanken wieder ab und heftete seinen Blick auf die Straße.

Wenig später erreichte er die Ranch seines Bruders. Kaum hatte er den Wagen abgestellt und war ausgestiegen, öffnete sich die Tür des Wohnhauses und Clint Cantrell kam heraus. Er hielt einen Moment inne, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

»Blake – mit dir habe ich nicht gerechnet.«

Mit einem schiefen Grinsen erklomm Blake die Stufen zur Veranda, wo sich die beiden Männer mit einer herzlichen Umarmung begrüßten.

»Komm rein«, Clint schob ihn ins Innere des Hauses, »lass uns etwas trinken und ein bisschen quatschen.«

Sie betraten den Wohnraum und Clint deutete auf die schweren Ledersessel, die vor dem Kamin standen.

»Setz dich. Was willst du trinken? Einen Whiskey?«

Blake ließ sich in einen Sessel fallen und schüttelte den Kopf. »Besser nicht. Ich muss noch fahren, und abgesehen davon glaube ich, der Alkohol wird sich nicht besonders gut mit meinen Medikamenten vertragen.«

Das Lächeln in Clints Gesicht erlosch. Er verschwand kurz in der Küche, kehrte mit einer Dose Coke zurück und reichte sie seinem Bruder. »Wie geht es dir?«, fragte er ernst, während er an den Barwagen trat und für sich einen Whiskey eingoss.

»Ich bin okay – zumindest physisch. Psychisch …« Blake trank einen Schluck und zuckte mit den Achseln. »Ich habe nach wie vor diese beschissenen Albträume und schlafe schlecht, trotz des Beruhigungsmittels, das sie mir verschrieben haben.«

»Also hat die Therapie nicht viel geholfen«, stellte Clint betroffen fest.

»Es wird irgendwann besser, sagen die Ärzte. Ich soll Geduld haben.«

»Vielleicht wäre es sinnvoll, eine weitere Meinung einzuholen. Ich meine, die Therapeuten da im Militärkrankenhaus in Landstuhl sind sicher kompetent, doch es gibt noch andere Anlaufstellen für die Behandlung von posttraumatischen Störungen.«

»Nein danke«, winkte Blake ab, »ich habe keine Lust, meine Zeit mit weiteren Seelenklempnern zu verschwenden, das bringt sowieso nichts. Aber lass uns das Thema wechseln – wie geht es Garth und Tammy?«

Clint nippte an seinem Whiskey. »Garth ist wie üblich irgendwo im Ausland unterwegs, und Tammy lässt sich auch nur selten blicken.«

Sie plauderten eine Weile über ihre Geschwister, dann wollte Blake wissen: »Und, was gibt es Neues in Elkpoint?«

»Oh, so einiges. Wir haben jetzt zwei Anwälte hier, ein Paar aus Salt Lake City. Dillon wird Vater, er ist verlobt mit Claire, einer netten Frau aus Pittsburgh. Die beiden haben sich während Claires Urlaub auf der Wellness-Ranch kennengelernt, sie heiraten in zwei Wochen. Quinn führt mittlerweile die Bear Paw Ranch, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Janey, sie ist die Tochter von Jim Anderson, er ist vor einer Weile gestorben. Douglas Emerson übrigens auch.« Clint warf seinem Bruder einen raschen Seitenblick zu und fuhr fort: »Er ist sturzbetrunken gegen einen Baum gefahren und war auf der Stelle tot. Ich weiß nicht, ob Dad es dir gesagt hat, aber er versucht, den Besitz der Emersons zu ergattern. Offenbar hatte Douglas eine Hypothek auf die Farm aufgenommen und bei der Bank sind wohl so viele Raten offen, dass es bald zu einer Zwangsversteigerung kommen wird.«

»Ja, das habe ich bereits mitbekommen«, nickte Blake. »Und sonst?«

»Die üblichen Dinge. Der Bürgermeister hat immer noch ein Verhältnis mit Ethel Harris, die Schule wird demnächst saniert, und Dad versucht, vom Gemeinderat die Genehmigung für den Bau eines Einkaufszentrums zu bekommen.«

Clint berichtete noch eine Weile von den jüngsten Ereignissen in der Stadt, danach plauderten die beiden Brüder über gemeinsame Bekannte, und gegen elf Uhr brach Blake schließlich auf.

»Mach’s gut«, verabschiedete er sich von Clint, nachdem dieser ihn nach draußen begleitet hatte. »Wir sehen uns.«

»Vielleicht hast du ja Lust, am Samstagabend ins Naughty Moose zu kommen. Die anderen Jungs werden sich freuen, dich zu sehen.«

»Klar habe ich Lust, ich schaue auf jeden Fall vorbei. – Ach, und danke, dass du Dad nichts von meinem Aufenthalt im Militärkrankenhaus erzählt hast. Seine Vorhaltungen hätte ich nicht auch noch ertragen können.«

»Schon gut. Und denk dran, du bist hier jederzeit willkommen, wenn dir daheim die Decke auf den Kopf fällt.«

»Danke.«

Die Brüder umarmten sich zum Abschied, und kurz darauf fuhr Blake durch die Nacht in Richtung Golden Meadows.

***

Am Freitagmorgen fühlte Paula sich gut genug, um aufzustehen. Cathy bereitete das Frühstück zu, und während sie gemeinsam am Küchentisch saßen, berichtete sie ihrer Mutter von ihrem Job im Diner.

»Also hast du vor, hier in Elkpoint zu bleiben?«, fragte Paula überrascht.

​​ »Du bist krank und ich werde dich auf keinen Fall alleine lassen.«

​​ »Aber das geht nicht, ich will nicht, dass du deine Arbeit aufgibst für einen kurzfristigen Aushilfsjob. Und was tust du, wenn Patty zurück ist?«

Beschwichtigend strich Cathy ihr über den Arm. »Mach dir darüber jetzt mal keine Gedanken, wichtig ist, dass du wieder gesund wirst, alles andere wird sich finden.«

Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass es ihrer Mutter an nichts fehlte, zog sie sich ein Paar bequeme Sneaker an, schnappte ihre Tasche und fuhr nach Elkpoint hinein. Als sie im Diner eintraf, war noch nicht viel los, sodass Allison sie in Ruhe einweisen konnte.

Das Restaurant war ganz im Stil der 50er Jahre eingerichtet, mit schwarz-weißen Bodenfliesen, Retro-Reklameschildern aus Blech an den Wänden und einer Classic Wurlitzer 1015 Jukebox. Vor einer langen Theke mit bauchiger Glasscheibe, hinter der allerlei leckere Torten und Sandwiches lockten, reihten sich mit rotem Kunstleder bezogene Barhocker auf chromglänzenden Füßen aneinander. Die Bänke, von denen jeweils zwei die Tische umrahmten, waren mit dem gleichen roten Material versehen und erinnerten an Sitzbänke aus alten Bussen. Auf den blank polierten Tischplatten aus schwarz-grauem Resopal standen Squeeze-Bottles mit Ketchup und Senf sowie Serviettenspender aus Edelstahl.

Vieler Erklärungen bedurfte Cathy nicht, also schlüpfte sie nach kurzer Zeit in eine der rosafarbenen Uniformen, band sich eine weiße Servierschürze um und stürzte sich in die Arbeit.

Das Restaurant wurde vorwiegend von Urlaubern besucht, es gab jedoch auch ein paar Einheimische, die auf einen kleinen Imbiss hereinkamen, und so entwickelten sich einige nette Plaudereien. In der Mittagspause rief sie kurz zu Hause an, um zu hören, ob mit ihrer Mutter alles in Ordnung war, aß einen Burger und kümmerte sich danach wieder um die Gäste. Als Walter abends um zehn »Schluss für heute« aus der Küche rief, drehte Cathy das Schild an der Tür auf ‚geschlossen‘ und begann, aufzuräumen. Sie putzte die Tische und den Tresen ab, füllte Salz- und Pfefferstreuer sowie Senf- und Ketchupflaschen auf und legte neue Servietten in die Spender. Anschließend kehrte sie noch den Boden, wischte durch und rechnete mit Walter die Kasse ab. Mit einem annehmbaren Trinkgeld in der Tasche verließ sie gegen halb elf den Laden und machte sich auf den Heimweg.

Obwohl ihr von der ungewohnt vielen Lauferei im Diner die Beine schmerzten, verbrachte Cathy den Samstag damit, das Haus zu putzen und Wäsche zu waschen. Zwischendurch telefonierte sie noch einmal mit ihrem Vermieter, vereinbarte mit ihm, das Apartment am Mittwoch zu räumen, und buchte einen entsprechenden Flug nach Seattle. Die übrige Zeit kümmerte sie sich um ihre Mutter und grübelte, wie sie die Farm retten könnte, ohne jedoch irgendeinen vernünftigen Einfall zu haben.

***

Blake nutzte das Wochenende, sich wieder auf Golden Meadows einzuleben. Er schaute sich in den Ställen um und unternahm einige ausgedehnte Spaziergänge entlang der Weiden und des Deep River, wo er längere Zeit am Ufer saß und seine Gedanken schweifen ließ.

Am Samstagabend fuhr er wie versprochen ins Naughty Moose, eine Bar an der Hauptstraße in Elkpoint, die ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen war. Samstags war dort immer eine Menge los; es gab Billard- und Dart-Turniere, eine Countryband spielte auf und natürlich wurde getanzt.

Als Blake den Schankraum betrat, waren außer seinem Bruder auch etliche seiner früheren Freunde anwesend, die ihn überschwänglich begrüßten. Sie machten ihn mit den neuen Gesichtern am Tisch bekannt und wollten wissen, wie es ihm bei den Marines ergangen war. Er blockte sämtliche Fragen zu diesem Thema ab, ebenso wie mehrere Aufforderungen zum Tanzen, stattdessen gab er ein paar Runden für alle aus. Als er die Bar gegen Mitternacht verließ, war er nicht nur zu Dillon Belmonts Hochzeit eingeladen, sondern hatte auch einige Zettel mit Telefonnummern weiblicher Gäste in der Tasche, die er allesamt in den Mülleimer warf.

Am Montagmorgen saß er im Arbeitszimmer seines Vaters auf Golden Meadows und blätterte desinteressiert durch einen Stapel Unterlagen. Eigentlich sollte er sich mit den aktuellen Geschäftsvorgängen vertraut machen, große Lust dazu hatte er jedoch nicht. Er war nicht der Typ, der den ganzen Tag hinter einem Schreibtisch verbrachte. Viel lieber hätte er draußen auf den Weiden oder in den Ställen mit angepackt, doch dafür hatten die Cantrells ihre Leute.

Mit einem Seufzen stand er auf und trat ans Fenster. Während er die Vögel in den Bäumen beobachtete, dachte er an Cathy.

Sie war damals das erste und einzige Mädchen gewesen, für das er ernsthafte Gefühle gehegt hatte. Zwar hatte es vorher andere gegeben, mit denen er seine sexuellen Erfahrungen gemacht hatte, aber keine hatte sein Herz erobern können. Dann hatte er Cathy auf der Geburtstagsfeier eines Freundes kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Ihr langes, dunkles Haar, die smaragdgrünen Augen, die so selbstbewusst funkelten, ihr fröhliches Lachen, all das hatte ihn angezogen. Er hatte sie zum Frühlingsball in der Schule eingeladen und sie beim Abschied vor ihrer Haustür zum ersten Mal geküsst.

Danach waren sie unzertrennlich gewesen, hatten jede freie Minute miteinander verbracht. Sobald er mit Cathy zusammen war, konnte er alles andere vergessen. Sie schenkte ihm die Liebe, die er zu Hause vermisste, und er war glücklich, sie einfach nur in seinen Armen zu halten. Selbstverständlich sehnte er sich auch nach anderen Dingen; schließlich war er in einem Alter, in dem die Hormone regelrecht verrückt spielten. Doch Cathy war gerade erst sechzehn, und obwohl es ihm manchmal schwerfiel, hielt er sich ihr zuliebe zurück. Natürlich schmusten sie miteinander herum, die letzte Grenze hatten sie jedoch nie überschritten.

Blake schob die Erinnerungen beiseite und konzentrierte sich erneut auf die Unterlagen, bis er auf eine Akte stieß, die den Namen Emerson trug. Sofort sprangen seine Gedanken wieder zu Cathy zurück.

Es tat ihm leid, dass ihr Vater gestorben war. Zwar hatte er Douglas nicht besonders gut gekannt, aber er konnte Cathys Kummer gut nachvollziehen. Er war zwölf gewesen, als er seine Mutter verloren hatte, und es war ihm erschienen, als würde man ihm das Herz aus der Brust reißen. Genau so hatte er sich gefühlt, als Cathy ihn ohne ein Wort abserviert hatte.

Seine Finger krampften sich fester um den Aktenordner. Tagelang war er damals hinter ihr hergelaufen, hatte versucht, sie zum Reden zu bewegen, doch alles, was er aus ihr herausbekommen hatte, war, dass er sie in Ruhe lassen sollte. Das hatte er schließlich getan. Zutiefst enttäuscht, verletzt und wütend hatte er sich freiwillig zu den Marines gemeldet. Die harte Ausbildung und die gefährlichen Einsätze hatten seinen Zorn verringert, wirklich vergessen hatte er die damaligen Geschehnisse jedoch nie.

Er schlug die Mappe auf und fand darin diverse Papiere, unter anderem einen Vertragsentwurf für den Kauf der Emerson-Farm. Der Kaufpreis war lächerlich niedrig, und obwohl er den derzeitigen Zustand des Besitzes nicht kannte, ahnte er doch, dass der Wert weitaus höher war.

Einen Moment lang überlegte er, ob er mit seinem Vater darüber reden und ihn überzeugen sollte, einen angemesseneren Preis zu zahlen. Dann verwarf er diesen Gedanken jedoch wieder. Abgesehen davon, dass Gregory Cantrell sich sowieso von niemandem in seine Geschäfte hineinreden ließ, ging ihn diese Sache nichts an. Es war besser, wenn er sich von Cathy Emerson und allem, was mit ihr zu tun hatte, fernhielt …

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