Mittagsglut – Magnolia Haven Band 2

Inhalt

Nach Joannas Flucht dauert es nicht lange, bis der totgeglaubte Tom sie findet und nach Magnolia Haven zurückbringt. Um Jake zu schützen, willigt Joanna ein, Tom bei seinem Plan zu unterstützen. Nach einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf Jake die Wahrheit über Joannas Herkunft herausfindet, überlässt er Tom Magnolia Haven. Um des Kindes willen nimmt er Joanna mit nach Texas, und es folgen lange Monate, in denen sie unter seiner Kälte und Unnahbarkeit leidet. Als es endlich so aussieht, als würde sich alles zum Guten entwickeln, droht das nächste Unheil – dieses Mal von einer anderen Seite …

Leseprobe

1
»Mörderin, Mörderin, Mörderin …«, schienen die Räder des Zugs zu rattern, und am liebsten hätte Joanna sich die Ohren zugehalten.
Müde und erschöpft kauerte sie auf ihrem Sitz in einem Abteil des Amtrak-Trains nach New Orleans. Gerne hätte sie ein wenig geschlafen, sie fühlte sich ausgebrannt und elend, doch sie war viel zu aufgewühlt, um ein Auge zuzumachen. Die ganze Zeit sah sie Toms leblose Augen vor sich, sah sein Blut auf den Boden tropfen, und fragte sich qualvoll, ob sie diesen Anblick jemals in ihrem Leben vergessen würde.
Immer wieder schaute sie sich unauffällig um, rechnete damit, dass jeden Moment jemand mit dem Finger auf sie zeigen und laut »Mörderin« rufen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Die beiden Mitreisenden in ihrem Abteil, ein älteres Ehepaar, dösten friedlich vor sich hin, und auch der Schaffner hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er ihre Fahrkarte kontrolliert hatte.
Wie betäubt starrte sie aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus, und überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis man den Brand bemerkte und Toms Leiche fand.
Im Nachhinein konnte sie selbst nicht verstehen, wie kaltblütig sie in dem Augenblick gewesen war, als sie das Feuer gelegt hatte. Doch es war ihr als die einzige Möglichkeit erschienen, zu vertuschen, was im Schuppen vorgefallen war.
Lieber sollte Jake glauben, sie wäre dort im Feuer umgekommen, als zu erkennen, dass die Frau, die er liebte, seinen Bruder getötet hatte.
Jake. Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie würde es sich nie verzeihen können, dass sie ihm all das angetan hatte, wenn es auch nicht ihre Schuld gewesen war. Aber sie hatte ihn belogen, und das allein hatte Tom letztendlich die Gelegenheit gegeben, seine Intrige gegen Jake zu spinnen. Hätte sie Jake von Anfang die Wahrheit gesagt, hätte sie ihm erzählt, wer sie war und woher sie kam, wäre das alles nicht passiert. Tom wäre noch am Leben, und sie wäre jetzt nicht auf der Flucht.
Immer wieder sah sie Jakes liebevolles Lächeln vor sich, hörte seine warme Stimme, spürte seine zärtlichen Berührungen.
»Ach Jake«, dachte sie unglücklich, »es wäre besser für dich gewesen, wenn wir uns nie begegnet wären.«

Stöhnend richtete Tom Prescott sich auf. Sein Kopf schmerzte, und als er mit der Hand an seine Schläfe fasste, fühlte er etwas Klebriges. Er betrachtete seine Finger, stellte fest, dass es sich um Blut handelte. Augenblicklich kehrte die Erinnerung an den Kampf mit Joanna zurück.
»Miststück«, fluchte er leise vor sich hin, und im gleichen Moment wurde ihm bewusst, dass etwas nicht stimmte.
Der Schuppen war beinahe taghell erleuchtet, er konnte sowohl ein Prasseln hören als auch einen unangenehm beißenden Geruch wahrnehmen – Feuer.
In der Mitte des Gebäudes lag ein Haufen aus altem Gerümpel, er brannte lichterloh, und die Flammen schlugen bis an die Decke.
Trotz seines dröhnenden Schädels war ihm klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das Dach in sich zusammenstürzen und ihn unter sich begraben er würde. Mühsam rappelte er sich auf.
Sein Blick fiel auf die Metallstange, die nur wenige Zentimeter neben ihm am Boden lag, und spontan bückte er sich danach und hob sie auf. Dann eilte er zur Tür, so schnell es ihm mit seinem schmerzenden Kopf möglich war, und stürmte ins Freie. Er entfernte sich ein Stück vom Schuppen und drehte sich um, sah, wie die Flammen bereits oben aus dem Dach schlugen.
Schwindel erfasste ihn, er taumelte ein paar Schritte vorwärts und ließ sich ins Gras fallen.
»Du kleine, dreckige Schlampe«, murmelte er fassungslos, »das wirst du mir noch büßen. Ich werde dich finden, und wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dir wünschen, du wärst niemals geboren worden.«
Während er zusah, wie das Feuer sich immer weiter ausbreitete, überlegte er, was er nun tun sollte. Auf keinen Fall würde er seinen Plan aufgeben, dafür hatte er bereits zu viel Zeit, Mühe und Geld investiert. Außerdem saß Sergio Caliente ihm nach wie vor im Genick, und wenn er nicht bald seine Schulden bei ihm bezahlte, würde man ihn mit ein paar hübschen Betonschuhen aus dem Mississippi fischen. Nein, er musste die Sache jetzt durchziehen, und dazu musste er Joanna wiederfinden.
Er lachte auf, als ihm klar wurde, dass es nur einen Ort gab, wohin sie gehen konnte, nämlich das »Red Lantern«. Sie würde bei ihrer Mutter Unterschlupf suchen, und es wäre für ihn ein Leichtes, Bill dazu zu bringen, sie wieder mit ihm gehen zu lassen. Bill war käuflich, und die Aussicht auf eine schöne Summe Geld würde ihn seine sowieso nicht vorhandenen Skrupel vergessen lassen. Er musste sich nur beeilen, bevor Bill die kleine Schlampe anderweitig verkauft hatte, aber das sollte kein Problem sein, sie konnte nicht allzu viel Vorsprung haben.
Im selben Augenblick bemerkte er, dass sein Wagen verschwunden war, und als er nach seinem Autoschlüssel tastete, war dieser auch nicht mehr da.
»Miststück«, zischte er und stand vom Boden auf.
Er versteckte die Metallstange, die er immer noch in der Hand hielt, in einem Gebüsch in der Nähe. Gleichzeitig gab es ein krachendes und knirschendes Geräusch, und der Schuppen fiel in sich zusammen.
Tom betrachtete noch einen Moment die Trümmer und grinste breit.
»Gut so, soll mein lieber Bruder ruhig glauben, sein kleines Betthäschen wäre in den Flammen umgekommen – dann wird er nach ihrer Rückkehr Wachs in ihren Händen sein.«

Nachdem der Zug in New Orleans eingetroffen war, machte Joanna sich auf den Weg zum »Red Lantern«. Glücklicherweise lag das Bordell nicht allzu weit vom Bahnhof entfernt, und um die frühe Uhrzeit waren auch kaum Leute unterwegs, sodass sie unbehelligt dort ankam.
Sie kletterte über ein paar Zäune und stand schließlich vor dem Hintereingang, von dem sie wusste, dass er nie abgeschlossen war. Bill hielt es nicht für nötig, er hatte einen Kampfhund, der dort wachte und jeden ungebetenen Gast sehr schnell in die Flucht schlug.
Langsam drückte sie die Klinke herunter und betrat leise das Haus. Devil, der Pittbull, kam auf sie zu, schnüffelte an ihr, und wedelte dann freudig mit dem Schwanz.
»Brav, mein Guter«, flüsterte Joanna ihm zu und kraulte ihn kurz hinter den Ohren.
Anschließend tappte sie den Gang entlang und schlich die Treppe hinauf in den zweiten Stock, wo sich die Schlafräume der Mädchen befanden.
Lautlos öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Mutter und zog sie vorsichtig hinter sich zu.
Sie wartete einen Moment, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und tastete sich zum Bett hinüber.
»Mom«, flüsterte sie, »Mom, wach auf.«
Mit einem Aufschrei fuhr Elisabeth Shepherd hoch, und Joanna legte ihr schnell die Hand auf den Mund.
»Ich bin es Mom«, sagte sie rasch, »Joanna.«
Elisabeth tastete nach dem Lichtschalter und eine Sekunde später flammte die kleine Lampe auf dem Nachttisch auf.
»Joanna, um Himmels willen«, entfuhr es ihr entgeistert. »Wie kommst du denn hierher, und was machst du mitten in der Nacht hier?«
»Ach Mom«, schluchzte Joanna auf und fiel ihrer Mutter um den Hals, »etwas Schreckliches ist geschehen.«
Weinend klammerte sie sich an Elisabeth, die sie festhielt, und ihr tröstend über den Rücken strich, bis sie sich schließlich so weit beruhigt hatte, dass sie ihr erzählen konnte, was passiert war.
»Oh Gott Kind«, sagte Elisabeth mitfühlend, als sie geendet hatte, »ich hatte die ganze Zeit so ein ungutes Gefühl. Dieser Tom, er war mir einfach zu glatt, zu freundlich. Doch deine Briefe haben so fröhlich geklungen, dass ich dachte, es wäre alles in Ordnung.«
»Ja«, erwiderte Lousia dumpf, »das war es auch – bis gestern Abend. Tom war einigermaßen nett, zwar ein wenig merkwürdig, aber er hat mir nichts getan. Nur als er dann verlangt hat, ich soll Jake dazu zwingen, ihm Magnolia Haven und die Firma zu überlassen, und ich mich geweigert habe, hat er plötzlich sein wahres Gesicht gezeigt.«
»Ich verstehe das nicht, wie könntest du seinen Bruder denn zu etwas überreden?«, fragte Elisabeth kopfschüttelnd.
Joanna schluckte. »Mom, ich habe dir doch von Jake geschrieben, etliche Male.«
»Joanna, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.«
Im gleichen Moment wurde Joanna bewusst, dass offenbar nicht alle ihre Briefe bei ihrer Mutter angekommen waren, und sie ahnte dunkel, was der Grund dafür war.
»Okay, ich erzähle es dir … du musst mir aber versprechen, dass du nicht böse bist, auf mich nicht, und vor allem auf Jake nicht.«
»Was …?« Ihre Mutter stutzte, dann riss sie die Augen auf. »Joanna, ihr habt doch nicht etwa … ich meine … hast du mit ihm geschlafen?«
»Ja«, gab sie leise zu. »Aber es ist nicht so wie du denkst. Er hat mich zu nichts gezwungen, ich liebe ihn und er liebt mich.« Traurig fügte sie hinzu: »Zumindest war das bis gestern Abend noch so. Wenn er erfährt, was ich getan habe, wird er mich hassen.«
»Joanna, er ist ein erwachsener Mann und du bist gerade mal siebzehn. Wie konnte er so etwas tun, du weißt, dass das verboten ist?«
»Mom, bitte, reg dich nicht auf. Jake ist der warmherzigste, liebevollste und beste Mann, den du dir nur vorstellen kannst. Er würde nie etwas tun, was mir schadet, und es ist ja auch nicht ohne mein Einverständnis passiert. Ich wollte es genauso wie er, und es war wunderschön, mit ihm zusammen zu sein«, beschwichtigte Joanna sie. »Mom, ich bin kein Kind mehr, ich habe genau gewusst, was ich tue. Außerdem«, sie verzog das Gesicht, »wird Bill vermutlich auch nicht danach fragen, ob es verboten ist, wenn er mich seinen Kunden anbietet.«
Elisabeth stieß einen entsetzten Laut aus. »Oh Himmel Joanna, stimmt, daran hatte ich gar nicht gedacht. Du kannst hier nicht bleiben, du musst weg, bevor Bill dich in die Finger bekommt.«
»Und wo soll ich hingehen? Nach Magnolia Haven kann ich auf keinen Fall zurück, und dort gehöre ich ja auch nicht hin. Sonst haben wir niemanden und wir haben auch kein Geld. Die paar Dollar aus Toms Brieftasche haben gerade so für die Fahrkarte gereicht.«
»Joanna, bitte«, beschwor Elisabeth ihre Tochter verzweifelt, »du musst verschwinden. Geh und such dir eine Arbeit, weit weg von hier.«
Besorgt betrachtete Joanna das blasse und eingefallene Gesicht ihrer Mutter. »Und dich wieder alleine zurücklassen? Kommt nicht infrage. Außerdem, was sollte ich denn für einen Job finden, der genug abwirft, um mich über Wasser zu halten? Ich habe erst vor ein paar Wochen in Jakes Firma angefangen und bin noch lange nicht fertig mit der Ausbildung. Ich habe keinerlei Zeugnisse, weder von der ‚Prescott Cotton Company‘ noch von dem Job als Michaels Kindermädchen.«
Mit Tränen in den Augen betrachtete Elisabeth ihre Tochter und strich ihr liebevoll über die Wange. »Es tut mir so entsetzlich leid«, sagte sie leise. »Wegen mir musstest du all das durchmachen, und jetzt muss ich auch noch tatenlos zusehen, wie dir hier das gleiche Schicksal blüht wie mir.«
»Nicht weinen Mom«, tröstete Joanna sie. »Wenigstens findet mich hier niemand und ich muss nicht ins Gefängnis. Ich hatte wundervolle Stunden mit Jake, und die Erinnerung daran wird mir die Kraft geben, alles andere zu ertragen.«

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Coverdesign: Marina Schuster
Bildrechte: Brandonrush, Wikimedia Commons