Im Netz der Vergangenheit – Band 2

Inhalt

Spontan entscheidet sich Cassy, ihr altes Elternhaus in Bridgewater zu kaufen und neu anzufangen. Doch die Vergangenheit lässt sie auch hier nicht so schnell zur Ruhe kommen …

Leseprobe

Kapitel 1
Es waren nur noch wenige Kilometer bis Bridgewater, und je näher Cassy ihrem Ziel kam, desto nervöser wurde sie. Eigentlich hatte sie die Absicht gehabt, hier ein paar Tage auszuspannen, weit weg von Baywood und all den nervenaufreibenden Ereignissen der letzten Monate. Sie brauchte Abstand, Abstand um die schrecklichen Geschehnisse im Hotel vergessen zu können, und sie brauchte Zeit, Zeit um sich in Ruhe über ihre Zukunft klar zu werden. Bridgewater war ihr ideal erschienen, doch als jetzt die ersten Häuser am Horizont auftauchten, wurde ihr immer mehr bewusst, dass sie auch hier schmerzliche Erinnerungen erwarteten.
Hier in Bridgewater war sie aufgewachsen, war glücklich und unbeschwert gewesen, bis sie vierzehn Jahre alt gewesen war und ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Danach hatten ihre Tante und ihr Onkel sie bei sich aufgenommen, doch sie hatte immer gespürt, dass sie ein unwillkommener Gast gewesen war.
So oft es ihr möglich gewesen war, hatte sie Zeit bei Laura und ihren Eltern verbracht, die sich rührend um sie gekümmert hatten, und oft hatte sie sich gewünscht, ganz bei ihnen bleiben zu können.
Mit achtzehn Jahren hatte sie ihren Schulabschluss in der Tasche gehabt und Bridgewater den Rücken gekehrt, froh darüber, die lieblose Atmosphäre des Hayman‘schen Haushalts hinter sich lassen zu können.
All diese Dinge gingen ihr jetzt durch den Kopf, während sie langsam durch Bridgewater fuhr, und erstaunt feststellte, dass sich hier in den ganzen Jahren kaum etwas verändert hatte. Mit gemischten Gefühlen bog sie in die Straße ein, in der das Haus ihrer Tante Olivia lag.
Seit damals hatten sie kaum noch Kontakt zueinander gehabt, lediglich zur Beerdigung ihres Onkels Joseph war Cassy einmal kurz hier gewesen. Als sie ihrer Tante am Telefon eröffnet hatte, dass sie die Absicht hatte, für ein paar Tage hierher zu kommen, hatte Olivias Begeisterung sich in Grenzen gehalten. Doch jetzt war sie hier, und sie freute sich zumindest ein wenig darauf, ihre Cousine Amy und ihren Cousin Jack wieder zu sehen.
Cassy parkte ihr Auto vor dem kleinen Haus und stieg aus. Zögernd ging sie auf die Eingangstür zu, holte noch einmal tief Luft und klopfte dann an. Es dauerte nicht lange, bis sich die Tür öffnete und eine ältere Frau vor ihr stand, deren Ähnlichkeit mit Cassys Mutter unverkennbar war.
»Hallo Tante Olivia«, begrüßte Cassy sie zaghaft.
»Cassy!« Olivia Hayman verzog ihren Mund zu einem Lächeln, doch ihre Augen blieben davon unberührt. »Komm rein.«
Mit einem beklommenen Gefühl folgte Cassy ihrer Tante ins Haus und durch den Flur in die Küche.
Olivia wandte sich zum Herd. »Wenn du möchtest, kannst du mit uns essen«, bot sie Cassy über die Schulter hinweg an, doch sonderlich einladend hörte es sich nicht an.
Während Cassy noch zögerte und überlegte, ob sie bleiben sollte, ging die Tür auf und eine junge Frau in Begleitung eines Mannes kam herein.
»Amy«, sagte Cassy überrascht, »Ich hätte dich ja fast nicht wiedererkannt.«
Sie machte einen Schritt auf ihre Cousine zu und wollte sie zur Begrüßung umarmen, doch diese wich abwehrend zurück, warf ihr einen kalten Blick zu. Unsicher wandte Cassy sich zu dem blonden Mann, der hinter Amy stand und sie schweigend anstarrte.
»Hallo Tyler«, begrüßte sie ihn zurückhaltend.
»Hi Cassy«, sagte er leise, und seine blauen Augen leuchteten freudig auf.
Er trat zu ihr, nahm sie in den Arm, drückte sie fest an sich.
»Ich freue mich dich zu sehen, du bist noch genauso hübsch wie früher«, murmelte er leise, und verlegen machte Cassy sich von ihm los.
»Setzt euch, das Essen ist fertig«, forderte Olivia sie in diesem Moment auf.
Wenig später saßen sie alle am Tisch, aßen genüsslich den deftigen Eintopf, den Olivia gekocht hatte, und plauderten über alte Zeiten. Cassy und Tyler schwelgten in Erinnerungen und amüsierten sich köstlich, während Amy ein Gesicht zog, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
»Was macht ihr jetzt eigentlich so?«, fragte Cassy nach einer Weile interessiert.
»Ich habe mir meinen Traum vom eigenen Architekturbüro erfüllt«, erzählte Tyler stolz.
»Das freut mich für dich«, nickte Cassy ihm begeistert zu und wandte sich dann an Amy. »Und was ist mit dir?«
»Ich studiere ebenfalls Architektur, ich werde bald fertig sein und dann bei Tyler einsteigen«, erklärte sie und legte besitzergreifend die Hand auf Tylers Arm.
»Und du?«, wollte Tyler dann wissen. »Hast du immer noch mit Laura zusammen das Hotel?« »Da wurden reihenweise Leute um die Ecke gebracht, hast du das schon vergessen?«, sagte Amy kalt, bevor Cassy etwas antworten konnte.
»Amy«, tadelte Olivia sie vorwurfsvoll, während sie den Tisch abräumte.
Dann wandte sie sich mit einem entschuldigenden Lächeln an Cassy.
»Wir haben in der Zeitung gelesen, was passiert ist, es tut uns sehr leid. Es war sicher eine schlimme Zeit für dich und Laura.«
Cassy nickte nur stumm, es war alles noch viel zu frisch, als dass sie darüber hätte sprechen wollen.
»Hast du schon neue Pläne gemacht?«, fragte Tyler.
»Nein, das Hotel ist verkauft, und ich habe noch nicht darüber nachgedacht, was ich tun werde.«
Einen Augenblick schaute er sie zögernd an, dann lächelte er.
»Dein Elternhaus steht zum Verkauf – warum bleibst du nicht hier?«
»Was?«
Erstaunt starrte Cassy ihn an, doch sie war offenbar nicht die Einzige, für die diese Nachricht überraschend kam.
»Seit wann denn das?«, fragte Olivia stirnrunzelnd.
»Genau genommen seit gestern«, erklärte Tyler. »Scheinbar hat sich nach all den Jahren endlich herausgestellt, dass der Vorbesitzer keine Erben hat, und das Grundstück samt Haus gehört nun der Stadt. Es soll jetzt wieder öffentlich zum Verkauf angeboten werden, ich war heute wegen eines Bauauftrags im Rathaus und habe das zufällig erfahren.«
»Wer will denn diesen alten vergammelten Kasten schon haben?«, sagte Amy abschätzig, »Die Bude taugt doch höchstens zum Abreißen.«
»Das würde ich nicht sagen, man müsste vielleicht ein bisschen Geld investieren, aber das Haus ist alles andere als abbruchreif.«
Cassy bekam von der Diskussion der beiden nichts mehr mit, sie versuchte in Gedanken, diese Neuigkeit zu verdauen.
Nachdem ihre Eltern gestorben waren, hatte das Haus noch einige Jahre leer gestanden, dann hatte ihre Tante den Verkauf veranlasst, um Cassys Studium zu finanzieren. Sie hatte es immer bedauert, dass sie keine Chance gehabt hatte, den Platz zu behalten, an dem sie so viele glückliche Jahre verbracht hatte. Es erschien ihr beinahe, als käme diese Gelegenheit nun genau zum richtigen Zeitpunkt.
»Gibt es schon Interessenten?«, fragte sie zögernd.
»Nein, es hat lange gedauert, bis der ganze Papierkram erledigt war, wenn ich es richtig mitbekommen habe, soll der Verkauf am Wochenende ausgeschrieben werden«, erklärte Tyler.
Cassy überlegte einen Moment, dann fragte sie: »Denkst du, ich könnte mich da schon vorab mal erkundigen?«
»Sicher, ich kenne Walter Miller vom Grundbuchamt ganz gut, wenn du möchtest, können wir morgen gerne bei ihm vorbei gehen.«
»Cassy, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein«, unterbrach Olivia sie jetzt. »Du wirst doch nicht ernsthaft Geld in diese Ruine stecken wollen.«
Nachdenklich schaute Cassy sie an. »Doch, ich glaube genau das will ich.«

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