Ein heißes Wochenende – Kurzgeschichte

Inhalt

Julia lässt sich von ihrer Freundin Katja überreden, für ein Wochenende auf dem Weingut ihrer Tante auszuhelfen. Die ländliche Idylle lässt Julia Schlimmes befürchten. Doch dann lernt sie Katjas Cousin Nick kennen, und plötzlich bringen sie nicht nur die sommerlichen Temperaturen ins Schwitzen …

Leseprobe

Julia hatte es geahnt. Schon als Katja kurz vor Feierabend mit ihrem ‚Bitte-lass-mich-nicht-hängen-Blick‘ in ihr Büro geschossen kam, hatte sie es geahnt.
Katja, ihres Zeichens beste Freundin und langjährige Arbeitskollegin von Julia, hatte stets diesen Blick drauf, wenn es darum ging, Leute um den Finger zu wickeln. Er wirkte immer, und vor allem wirkte er bei Julia, die mit ihrem ausgeprägten Helferkomplex sowieso nie Nein sagen konnte.
»Okay, was soll ich tun?«, seufzte Julia resigniert. »Den Hund deiner Mutter entwurmen? Deinen schwulen Nachbarn auf eine seiner geschäftlichen Partys begleiten? Oder mal wieder einen deiner unzähligen Verehrer abwimmeln?«
»Ich habe dir doch von meiner Tante erzählt, du weißt schon, die mit dem Weingut. Naja, da gibt es jetzt am Wochenende ein Fest, und ich hatte ihr eigentlich versprochen, zu helfen. Aber mir ist etwas dazwischen gekommen, und ich dachte, du könntest vielleicht …«
Julia seufzte. Na prima. Zwei Tage zwischen Bauern und Misthaufen.
»Bitte«, drängte Katja, »ich werde es wieder gutmachen. Ich übernehme für eine Woche deinen Schreibkram.«
Dunkel erinnerte Julia sich an ähnliche Versprechungen, sie hätte ein ganzes Jahr Urlaub machen können, wenn Katja sie jemals einlösen würde. Sie zögerte. Ihr Job in einer großen Frankfurter Bank ließ ihr kaum Zeit zum Durchatmen. Jetzt wollte sie sich zum ersten Mal seit Langem ein bisschen Entspannung gönnen, und da kam Katja und …
»Okay, ich mach‘s«, sagte jemand mit ihrer Stimme.
»Ich wusste es«, jubelte Katja erfreut.
Jogginganzug, Couch, Popcorn, DVDs mit Liebesschnulzen, ein ausgedehntes Bad und eine Gurkenmaske verschwanden vor Julias geistigem Auge im Nirvana der übrigen Dinge, für die sie nie Muße fand.
»Wann und wo findet dieses Fest statt?«
»In Wicker.« Das Fragezeichen auf Julias Gesicht ignorierend schaute Katja auf die Uhr und fügte hinzu: »Du brauchst von hier aus ungefähr dreißig Minuten, wenn du gleich losfährst, schaffst du es noch rechtzeitig.«

Als Julia eine knappe halbe Stunde später den Ortseingang von Wicker passierte, hätte sie am liebsten sofort wieder kehrtgemacht. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber nicht das. Hier wurden doch sicher um neunzehn Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Entgeistert schaute sie sich um. Wie war es bloß möglich, dass es in so kurzer Entfernung von einer pulsierenden Metropole wie Frankfurt solch ein verschlafenes Kaff geben konnte?
»Vereinsfest der Freiwilligen Feuerwehr«, hatte Katja ihr gesagt, als sie gefragt hatte, um was für ein Fest es sich denn handelte. Nachdem Julia jetzt das hier gesehen hatte, konnte sie sich lebhaft vorstellen, wie diese Feier ablaufen würde. Eine Handvoll Landeier und Bauern würde sich bis zum Stehkragen volllaufen lassen – die Bilder, die vor ihrem geistigen Auge auftauchten, ließen finstere Mordgedanken in ihr entstehen.
Danke Katja, vielen Dank.
Sie folgte den Plakaten, die überall an der Hauptstraße hingen und sie zum Weingut von Katjas Tante führten. Dort angekommen stellte sie ihren Wagen ab, atmete noch einmal tief durch und stieg aus.
Nach wie vor genervt von ihrer eigenen Dummheit schaute sie sich um.
Neben dem mit Efeu umrankten, lang gestreckten Haupthaus gab es ein paar kleinere Backsteingebäude in unmittelbarer Nähe. Rechts von der Eingangstür lud eine Holzbank zum Sitzen ein, auf der anderen Seite stand ein alter Leiterwagen, der mit Blumen bepflanzt war. Der Hof war mit Kopfstein gepflastert, in den Blumenkästen vor den Fenstern blühten Begonien.
Alles wirkte sehr idyllisch – und tödlich langweilig.
Zögernd betrat sie das Haus, und auf ihr vorsichtiges »Hallo?« kam ihr eine rundliche Frau mit roten Apfelbäckchen entgegengeeilt.
»Hallo, du musst Julia sein – Katja hat dich schon angekündigt. Ich bin Anneliese, Katjas Tante.«
Julia blieb nicht lange Zeit, sich mit Anneliese bekannt zu machen oder sich umzusehen. Resolut schob die Gastwirtin sie durch die hintere Küchentür hinaus.
»Am besten gehst du zu Nick, er wird dir alles zeigen und erklären.«
Bevor Julia irgendwie reagieren konnte, war Anneliese bereits wieder verschwunden, und resigniert machte sie sich auf die Suche nach Nick – wer auch immer das sein mochte.
Bestimmt irgendein nach Kuhmist müffelnder Bauerntrampel, dachte sie missmutig, während sie sich zwischen den Tischen und Bänken hindurchschlängelte und sich umsah. Sie entdeckte eine Art Podium, das vermutlich zum Tanzen genutzt wurde, und eine Bar, hinter der sie jetzt eine Bewegung wahrnahm. Zielstrebig steuerte sie darauf zu und umrundete die Theke.
Entgeistert hielt sie die Luft an. Auf solch einen Anblick war sie nicht vorbereitet gewesen.
Mit dem Rücken zu ihr und dem Kopf unter dem Tresen kniete ein Mann und hantierte dort herum. Sein Po, sein äußerst knackiger Po, eng umspannt von einer ausgewaschenen Jeans, streckte sich provozierend in ihre Richtung.
Dieser Anblick entschädigte sie doch beinahe für ihren ganzen Ärger. Nachdem sie einen Moment die herrliche Aussicht genossen hatte, räusperte sie sich vernehmlich. Der Mann zuckte zusammen, fuhr hoch und stieß sich die Schulter an der Theke an. Leise fluchend rappelte er sich auf und zwei strahlend blaue Augen unter einem dunklen Haarschopf schauten sie vorwurfsvoll an.

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