Das Vermächtnis

Kostenloses eBook

Klappentext

Als Debbie die ungewöhnlichen Bedingungen eines Testaments annimmt, ahnt sie noch nicht, worauf sie sich eingelassen hat. Die Erbschaft bringt so einige Herausforderungen mit sich – vor allem für ihre Gefühle …

Leseprobe

Prolog

Nervös schaute Debbie auf die Uhr. Mist, sie war wieder einmal zu spät dran, dabei hatte sie sich so beeilt. Es war bereits fünfzehn Uhr durch, und eigentlich hätte sie schon vor zehn Minuten ihren Termin gehabt.

Hastig stürzte sie die Treppe in dem vornehmen Bürogebäude hinauf und ignorierte die erstaunten Blicke, die ihr die elegant gekleideten Angestellten hinterherwarfen. Ihr war bewusst, dass sie in ihrer Jeans und ihrem T-Shirt hier völlig fehl am Platz wirkte, aber sie hatte es nicht einmal mehr geschafft, sich noch umzuziehen.

Sie preschte den Flur entlang und um die Ecke, da traf sie etwas an der Schulter und sie prallte schmerzhaft gegen die Wand. Die Unterlagen aus ihrer Mappe flogen über den Boden.

»Autsch, verdammt«, fluchte sie und sah auf.

»Haben Sie denn keine Augen im Kopf?«, fauchte sie genervt und funkelte den Mann an, mit dem sie zusammengestoßen war.

»Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen«, entschuldigte er sich.

Braune Augen unter einem dunkelblonden Haarschopf lächelten sie amüsiert an.

»Was gibt es da zu grinsen?«, murmelte sie erbost, während sie sich bückte, um ihre Blätter wieder einzusammeln.

Er antwortete nicht, ging stattdessen in die Hocke und half ihr.

»Toll, jetzt komme ich garantiert zu spät«, stellte sie mit einem erneuten Blick auf die Uhr fest, als sie alle Zettel in ihre Mappe zurück gestopft hatte.

Ohne den Mann noch eines Blickes zu würdigen, hastete sie weiter auf die Tür der Anwaltskanzlei zu.

»Ihnen auch einen schönen Tag«, hörte sie ihn noch rufen, dann stand sie bereits im Vorzimmer.

Nachdem sie ihren Namen genannt hatte, führte die Anwaltsgehilfin sie direkt in ein großes Büro.

»Sie müssen Miss Winter sein, guten Tag«, begrüßte sie der grauhaarige Anwalt freundlich, »Bitte nehmen Sie Platz.«

Aufatmend ließ sie sich in einen der Sessel vor dem Schreibtisch sinken und sah ihn gespannt an. Sie hatte keine Ahnung, warum sie hier war, hatte lediglich ein Schreiben bekommen, in dem etwas von einer Erbschaftsangelegenheit stand, und sie gebeten wurde, zu diesem Termin zu erscheinen.

»Gut, dann kommen wir gleich zur Sache.« Der Anwalt griff nach einer Akte und öffnete sie. »Wie wir Ihnen bereits mitgeteilt haben, handelt es sich um die Regelung eines Nachlasses, und zwar den Ihres verstorbenen Onkels Chester Mayfield.«

Er machte eine kurze Pause und blätterte in den Papieren, während Debbie fieberhaft überlegte.

Chester Mayfield – sie hatte keinen Onkel, der so hieß. Das musste ein Irrtum sein. Doch halt, Moment mal – dunkel erinnerte sie sich daran, dass ihre Mutter ihr irgendwann mal vom ersten Mann ihrer Schwester erzählt hatte. Einen ‚exzentrischen Spinner‘ hatte sie ihn genannt – hatte er nicht Chester geheißen?

Da fuhr der Anwalt auch schon fort: »Es handelt sich allerdings nicht um ein Testament im üblichen Sinne, Ihr Onkel war da etwas einfallsreicher, und daher möchte ich Sie zunächst bitten, sich das folgende Video anzusehen.«

Er schaltete einen Fernseher ein, legte ein Videoband in das Abspielgerät, und kurz darauf flimmerte das Bild eines älteren Mannes über die Mattscheibe.

»Hallo meine liebe Deborah, sicher bist du erstaunt, mich hier zu sehen«, er kicherte, »und fragst dich, wer ich überhaupt bin und was du mit mir zu tun hast.«

Atemlos hörte Debbie zu.

»Also zunächst einmal: Ich bin tot. Aber das hast du ja wohl schon vermutet.« Erneut kicherte er, worauf ein Hustenanfall folgte. Nachdem er wieder Luft bekam, fuhr er fort: »Du warst zu klein, um dich an mich zu erinnern, deine Tante Elisabeth hatte mich schon abserviert, bevor wir zwei die Möglichkeit hatten, uns kennenzulernen. Dummerweise war sie ein wenig voreilig gewesen, denn kurz nach unserer Scheidung hatte ich endlich Erfolg, und das Geld floss in Strömen – Pech für Elisabeth.« Wieder ein Kichern. »Wie auch immer, ich gebe dir die Gelegenheit, mein Erbe anzutreten, du gehörst zur Familie, und ich möchte, dass alles, was ich besitze, in der Familie bleibt. Allerdings werde ich es dir nicht so einfach machen, du musst schon etwas dafür tun. Ich habe meinem langjährigen Anwalt, Winston Bloomingdale – hallo Winston«, er winkte kurz in die Kamera, »genaue Instruktionen hinterlassen. Du hast von jetzt an exakt vierundzwanzig Stunden Zeit, darüber nachzudenken, ob du die Herausforderung annehmen willst. Ich rate dir, es dir sehr gut zu überlegen, es geht immerhin um die stolze Summe von einer Million Dollar. Aber falls du dich dafür entscheiden solltest, morgen wieder hier zu erscheinen und den nächsten Schritt zu tun, gibt es kein Zurück mehr. Alles Weitere wird Winston dir erklären. Also dann meine liebe Deborah, mach es gut, ich hoffe, du triffst die richtige Wahl.«

Es war noch ein Kichern zu hören, danach brach das Video ab.

Wie angewurzelt saß Debbie auf ihrem Sessel und starrte auf den Fernseher. Das war doch wohl ein schlechter Scherz.

»Also gut Miss Winter«, riss der Anwalt sie in geschäftsmäßigem Ton aus ihrer Starre. »Sie haben Ihren Onkel gehört, überlegen Sie sich, ob Sie die Erbschaft annehmen wollen, und morgen um die gleiche Zeit erwarte ich Sie hier, um Ihre Antwort zu hören.«

»Ja … aber … was …«, stotterte sie, völlig verwirrt und überfordert.

»Es tut mir leid, doch ich habe die eindeutige Anweisung von Ihrem Onkel, dass ich Ihnen keine weiteren Einzelheiten mitteilen darf, bevor Sie sich entschieden haben«, sagte Bloomingdale bedauernd.

Er erhob sich zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war, und Debbie blieb nichts anderes übrig, als ihm zur Tür zu folgen.

»Also dann, ich hoffe, wir sehen uns morgen«, verabschiedete er sich und gab ihr die Hand.

»Auf Wiedersehen«, murmelte sie entgeistert und stand eine Sekunde später völlig sprachlos wieder im Vorzimmer.

Kapitel 1

Debbie hatte nicht lange Zeit, sich über diese ganze seltsame Sache Gedanken zu machen, sie musste zur Arbeit.

Hektisch kurvte sie durch die Stadt, fand glücklicherweise einen Parkplatz in direkter Nähe der kleinen Webagentur, und hetzte hinein.

»Na endlich, wird aber auch langsam Zeit«, wurde sie ungehalten empfangen.

Steven. Sie seufzte. Anfangs waren sie nur Arbeitskollegen gewesen, irgendwann hatte sich daraus mehr entwickelt, und sie waren jetzt seit zwei Jahren zusammen. Es lief halbwegs gut, aber es gab doch immer wieder Momente, in denen Debbie sich enttäuscht fragte, ob das alles gewesen sein sollte.

»Debbie, was ist mit den Entwürfen?«

Er riss sie aus ihren Gedanken, und sie drückte ihm die Mappe in die Hand.

»Mein Gott, das sieht ja aus als wären Elefanten drüber getrampelt«, sagte er vorwurfsvoll und versuchte die Blätter zu ordnen.

Typisch Steven, so sehr mit sich beschäftigt, dass er nicht mal fragt, wie es beim Anwalt war, dachte sie genervt.

»Willst du gar nicht wissen, wie mein Termin war?«, fragte sie dann laut.

»Ach ja, erzähl mal«, murmelte er abwesend, während er sich die Entwürfe ansah.

Ihr war klar, dass er nicht richtig zuhörte, aber die komische Sache mit der Erbschaft brannte ihr unter den Nägeln, und sie musste es irgendwo loswerden, also schilderte sie kurz ihren Besuch in der Kanzlei.

»Das ist doch völlig idiotisch, du wirst ja wohl nicht ernsthaft die Absicht haben, dich auf so etwas einzulassen«, sagte Steven kopfschüttelnd.

»Ich weiß nicht, vielleicht könnte ich mir morgen zumindest anhören, wie es weitergeht. Immerhin handelt es sich um eine Menge Geld.«

»Komm schon, wer weiß, was dieser Spinner sich da ausgedacht hat, wegen ein paar lumpigen Kröten wirst du doch keine weitere Zeit verschwenden wollen. Konzentriere dich lieber auf den Auftrag hier, wenn der Kunde zufrieden ist, kann ich eventuell eine Gehaltserhöhung für mich rausschlagen«, winkte er ab.

»Steven, es sind nicht nur ein paar lumpige Kröten – es geht um eine Million Dollar.«

Er ließ die Papiere sinken und starrte sie an.

»Eine Million«, wiederholte er überrascht, und für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie den Eindruck, als läge ein gieriges Funkeln in seinen Augen. »Eine Million – weißt du, was wir damit alles machen könnten?«

Debbie seufzte. Natürlich war ihr bewusst, dass sie das Geld gut gebrauchen könnte. Schon lange war es ihr sehnlichster Wunsch, endlich aus dieser Firma hier auszusteigen und sich selbstständig zu machen. Die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten besaß sie, das war nicht das Problem, aber ihr fehlte das Startkapital, und die Sicherheit eines regelmäßigen Gehalts war auch nicht zu verachten. Immerhin musste sie Miete bezahlen und von irgendetwas leben.

Sie begann zu träumen. Mit einer Million könnte sie raus aus ihrer engen Wohnung, könnte sich irgendwo ein kleines Häuschen kaufen und dort ihre eigene Webagentur eröffnen. Es wäre ausreichend Geld da, um sie die erste Zeit über Wasser zu halten, bis sie genug Aufträge hätte, um davon leben zu können. Vielleicht könnte sie vorher noch einen schönen Urlaub machen, endlich einmal – von ihrem kleinen Gehalt hatte sie sich das bisher nicht leisten können. Bilder von weißen Stränden und Palmen, die sich sanft im Wind wiegten, zogen an ihr vorbei.

»Debbie?«

Sie zuckte hoch. »Was?«

»Himmel noch mal, hörst du eigentlich nie zu?«, knurrte Steven gereizt. »Ich habe dich gefragt, was du jetzt machen wirst? Du wirst dir doch diese Chance nicht entgehen lassen?«

»Ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht«, erklärte sie schulterzuckend. »Ich habe ja keine Ahnung, was auf mich zukommt, wer weiß, auf was ich mich da einlasse. Dieser Onkel Chester schien schon irgendwie eine kleine Schraube locker zu haben, allein dieses seltsame Video – weiß Gott, was er sich noch ausgedacht hat.«

»Ach, es wird bestimmt nicht so schlimm sein«, redete Steven auf sie ein. »Hör es dir morgen an, und wenn alles klappt, sind wir bald so reich, dass wir uns all unsere Träume erfüllen können.«

Stirnrunzelnd sah sie ihn an. Nachdem er das Ganze zunächst abgetan hatte, hatte er seine Meinung auf einmal sehr schnell geändert, als er gehört hatte, dass es um eine so große Summe Geld ging. Er sprach plötzlich von ‚unseren Träumen‘ und ernüchtert stellte sie fest, dass es in ihren Träumen keinen Steven gab.

»Weißt du was, wir machen hier Schluss für heute, lass uns irgendwo essen gehen, und danach fahren wir zu dir und besprechen das noch einmal«, schlug er vor.

»Sei mir nicht böse, aber mir ist nicht nach Essen zumute«, wehrte sie ab. »Ich glaube, ich möchte heute alleine sein und mir das Ganze in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.«

Enttäuscht sah er sie an. »Komm schon, es wird dir guttun, dich ein bisschen abzulenken, und ich kann dich bei deiner Entscheidung unterstützen.«

Du hast mich nie wirklich unterstützt, dachte sie resigniert und schüttelte den Kopf.

»Nein Steven, ich fahre jetzt in meine Wohnung, denke über alles nach, und morgen sehen wir weiter.«

Ohne sich groß von ihm zu verabschieden, ging sie zur Tür und ignorierte seinen gekränkten Blick. Sie wollte nur noch nach Hause.

Unablässig kreisten die Gedanken in ihrem Kopf, während sie durch die alten Fotoalben ihrer Mutter blätterte, die sie herausgekramt hatte.

Ach Mama, wenn du doch noch hier wärst und mir einen Rat geben könntest, dachte sie wehmütig, während sie versuchte, irgendwo ein Bild von diesem Onkel Chester zu finden.

Als sie beim dritten Album angelangt war, hatte sie endlich Erfolg.

Da, ein vergilbtes Foto von ihrer Mutter, zusammen mit Tante Elisabeth und einem Mann, der fröhlich in die Kamera grinste. Obwohl er auf diesem Bild weitaus jünger war als in dem Video, war es zweifelsfrei Chester Mayfield.

»Es ist also wirklich wahr«, murmelte sie vor sich hin.

Für eine Weile hatte sie gehofft, es würde sich doch noch herausstellen, dass eine Verwechslung vorlag, aber damit war nun klar, dass sie tatsächlich die Deborah war, die der verrückte alte Kauz in seinem Video angesprochen hatte.

Und was nun?

Die Summe von einer Million erschien ihr mehr als verlockend, doch sie hatte auch die Worte ihres Onkels im Hinterkopf, deutlich und warnend: »Wenn du dich entschieden hast, gibt es kein Zurück mehr.«

Ihre Gedanken sprangen hin und her. Einerseits war sie halbwegs zufrieden mit dem, was sie hatte, sie konnte sich zwar keine großen Sprünge erlauben, aber sie kam zurecht. Andererseits waren da ihre Träume, deren Erfüllung jetzt plötzlich in greifbarer Nähe schien.

Während sie unruhig auf und ab ging, klingelte das Telefon.

»Julia«, sagte sie erfreut, als sie am anderen Ende die Stimme ihrer besten Freundin erkannte.

»Hey Debbie, ich wollte nur mal schnell nachfragen, wie es heute beim Anwalt gelaufen ist.«

»Das wirst du mir nicht glauben.« Rasch berichtete sie von ihrem Besuch in der Kanzlei.

»Oh mein Gott Debbie, eine Million«, rief Julia erstaunt aus. »Das glaube ich wirklich nicht. – Aber das ist schon eine komische Sache, hast du denn überhaupt keine Ahnung, was du dafür tun sollst?«

»Nein, das erfahre ich erst morgen – sofern ich mich darauf einlasse.«

»Ich weiß nicht, das hört sich alles sehr merkwürdig an. Hast du dich schon entschieden, ob du hingehen wirst?«

»Nein, ich bin mir nicht sicher, was ich tun soll«, erklärte Debbie, und schilderte der Freundin ihre Überlegungen.

»Aber es wäre wirklich eine einmalige Chance für dich«, bestätigte Julia. »Und was kann da schon groß kommen? Dein Onkel wird ja wohl nicht so durchgeknallt sein, dass er von dir verlangt, dass du jemanden umbringen sollst oder so was. Und mit ‚es gibt kein Zurück‘, meint er vermutlich auch nur, dass das Geld futsch ist, wenn du dich doch noch anders entscheiden solltest.«

»Ach Julia, das habe ich mir doch auch schon alles überlegt. Aber ich weiß nicht, irgendwie habe ich kein gutes Gefühl dabei.«

»Ich will dich ja auch nicht drängen, du musst selbst wissen, ob du dich da drauf einlassen willst. Du hast ja noch ein bisschen Zeit, schlaf einfach die Nacht drüber, und morgen entscheidest du dich in Ruhe«, sagte Julia beruhigend. »Und egal, zu welchem Entschluss du kommst, ich bin auf jeden Fall für dich da, das weißt du.«

»Ich weiß, ich danke dir.« Sie unterhielten sich noch eine Weile, dann verabschiedeten sie sich, nicht ohne dass Debbie versprochen hatte, Julia am nächsten Tag sofort Bescheid zu sagen.

Sie duschte noch schnell und fiel dann müde und immer noch grübelnd in ihr Bett.

Kapitel 2

Mit klopfendem Herzen betrat sie am anderen Mittag um fünfzehn Uhr wieder die Kanzlei.

Sie hatte kaum geschlafen, immer wieder hin und her überlegt, was sie tun sollte, und schließlich eine Entscheidung getroffen.

Nach langem Abwägen war sie zu dem Entschluss gekommen, sich zumindest anzuhören, wie es weiter gehen sollte. Natürlich war die große Geldsumme sehr verlockend, aber es war noch etwas anderes, was schließlich den Ausschlag gegeben hatte: Ihre Neugier und Abenteuerlust war geweckt.

Seit sie mit Steven zusammen war, war ihr Dasein recht eintönig und ohne große Ereignisse verlaufen. So sehr sie auf der einen Seite froh war, ein geregeltes und sicheres Leben zu haben, so sehr sehnte sie sich auf der anderen Seite nach etwas Abwechslung, und diese ganze Sache hier versprach spannend zu werden.

Wenn ihr die Bedingungen zu abwegig erschienen, könnte sie immer noch Nein sagen, und wäre genau da, wo sie jetzt auch war – sie hatte also nichts zu verlieren.

Winston Bloomingdale begrüßte sie erfreut, und wie am Tag zuvor nahm sie im Sessel vor seinem Schreibtisch Platz.

»Nun, Miss Winter, da Sie heute wieder hier sind, nehme ich an, dass Sie sich entschieden haben, das Erbe Ihres Onkels anzutreten?«, kam der Anwalt ohne Umschweife zum Punkt.

Debbie nickte zögernd.

»Gut, dann werde ich Ihnen jetzt die weiteren Anweisungen Ihres Onkels bekannt geben.« Er öffnete einen Umschlag, nahm ein Blatt heraus, überflog es kurz und sah dann auf. »Ihr Onkel möchte, dass Sie heute noch nach Durham fahren. Er besitzt dort ein Hotel, Sie werden da übernachten und morgen dann weitere Anweisungen erhalten.«

Überrascht und enttäuscht sah sie ihn an. »Und das ist alles?«, fragte sie gedehnt.

»Zunächst ja. Allerdings muss ich Sie noch einmal ganz deutlich darauf hinweisen, dass Sie es sich zwar jederzeit anders überlegen können, aber der Geldbetrag dann sofort an eine wohltätige Organisation gehen wird, es wäre dann alles weg. Außerdem hat Ihr Onkel verfügt, dass Sie sämtliche entstandenen Unkosten zurückzahlen müssen, falls Sie sich entscheiden sollten, die Erbschaft doch noch abzulehnen.«

»So etwas Ähnliches dachte ich mir schon«, sagte sie zögernd, während sie über die Anweisung ihres Onkels nachdachte.

Na gut, das hörte sich doch alles nicht so schlimm an. Drei Stunden Zugfahrt, eine Übernachtung im Hotel. Sie müsste sich dafür zwar zwei Tage Urlaub nehmen, aber das war halb so wild. Und was dann kommen würde – es konnte ja wohl nichts Dramatisches sein. Vielleicht sollte sie als Zimmermädchen Betten machen oder in der Küche Geschirr spülen, schlimmstenfalls müsste sie vielleicht den Gästen die Koffer aufs Zimmer schleppen oder irgendetwas in dieser Art. Und sollten alle Stricke reißen, würde sie eben das Geld für die Fahrkarte zurückzahlen, mehr wäre dann nicht passiert.

Sie überlegte noch einen kurzen Moment, dann nickte sie. »Okay, ich bin einverstanden. Und wie geht es jetzt weiter?«

Der Anwalt öffnete einen zweiten Umschlag. »Ich habe hier Ihre Fahrkarte nach Durham, und die Adresse des Hotels sowie eine Wegbeschreibung vom Bahnhof zum Hotel.«

Er schob ihr beides über den Schreibtisch, und mit gerunzelter Stirn schaute Debbie den Fahrschein an.

»Aber das ist nur eine Hinfahrkarte?«, stellte sie unsicher fest.

»Sie können natürlich jederzeit zurückfahren, allerdings auf Ihre eigenen Kosten«, erklärte der Anwalt.

Debbie seufzte. »Und wie geht es dann weiter?«, wollte sie noch wissen.

»Ihr Onkel hat alles genau festgelegt, aber ich darf Ihnen dazu heute nichts weiter sagen, wir sehen uns morgen Mittag im Hotel.«

Vor der Tür der Kanzlei blieb Debbie einen Moment stehen, und ließ sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Für ein paar Sekunden hatte sie den Drang, wieder nach drinnen zu gehen und die ganze Sache abzublasen. Doch dann verwarf sie das, mehr als zwei Tage Urlaub und eventuell ein paar Dollar für die Fahrkarte würde sie nicht opfern, und sie war nach wie vor neugierig, wie es weitergehen würde.

Rasch fuhr sie nach Hause und packte ein paar Sachen zusammen. Dann griff sie zum Telefon und rief in der Firma an. Sie hatte von ihrem Jahresurlaub noch nichts verbraucht, und als sie ihrem Chef versicherte, dass Steven sich um den aktuellen Auftrag kümmern würde, hatte dieser nichts dagegen, dass sie sich zwei Tage freinahm.

Steven, dachte sie missmutig, als sie im Taxi zum Bahnhof fuhr. Eigentlich hätte sie ihn anrufen müssen, um ihm Bescheid zu sagen, aber sie hatte jetzt keine Lust auf lange Diskussionen. Es würde reichen, wenn sie sich heute Abend bei ihm meldete.

Wenig später saß sie im Zug und rief über ihr Handy kurz Julia an, um ihr zu berichten, was los war. Dann machte sie es sich auf ihrem Sitz gemütlich, schaute aus dem Fenster und dachte darüber nach, was sie wohl in Durham erwarten würde.

Die Wegbeschreibung, die der Anwalt ihr mitgegeben hatte, war sehr präzise, und so dauerte es nicht allzu lange, bis Debbie in der Seaview Road ankam, einer ruhigen Straße am Stadtrand, oberhalb des Atlantik gelegen.

So langsam müsste das Hotel doch in Sicht sein, dachte sie, während sie Ausschau nach der Hausnummer achtundzwanzig hielt.

Doch irgendwie sah keines der Häuser vor ihr auch nur annähernd nach einem Hotel aus.

Siebenundzwanzig, das Nächste musste es sein. Nein, das war nur ein baufälliger, alter Kasten, also das Nächste. Sie ging weiter. Neunundzwanzig. Irritiert überprüfte sie die Adresse auf ihrem Zettel. Nein, da stand achtundzwanzig, es gab keinen Irrtum.

Eine dunkle Vorahnung überkam sie, sie drehte um und ging ein paar Schritte zurück, bis sie wieder vor dem alten, heruntergekommenen Haus stand.

Das ist jetzt nicht wahr, oder?, ging es ihr entsetzt durch den Kopf.

Doch es gab keinen Zweifel, die beiden kaum erkennbaren, verrosteten Zahlen neben dem Eingang wiesen die Bruchbude ganz deutlich als Haus Nummer achtundzwanzig aus.

»Okay Debbie – ganz ruhig«, murmelte sie vor sich hin, während sie zögernd auf die Haustür zu ging.»Vielleicht sieht es ja innen ganz anders aus.«

Vorsichtig zog sie an der Tür, die mit einem Quietschen der rostigen Scharniere aufging. Draußen begann es bereits zu dunkel zu werden, und in dem dämmerigen Licht konnte sie nicht viel erkennen. Sie tastete seitlich neben der Tür nach einem Lichtschalter, obwohl sie sich keine großen Hoffnungen machte, dass es überhaupt Strom geben würde. Doch zu ihrer Überraschung wurde es tatsächlich hell.

Sie schaute sich kurz um, und was sie sah, verbesserte ihre Stimmung nicht im Geringsten.

Es schien sich um eine Art Eingangshalle zu handeln, unmöbliert, mit verblichenen Tapeten an den Wänden, einem maroden Holzfußboden und einem offenen Kamin. An einem Ende befand sich eine Treppe, die ebenfalls nicht sehr vertrauenerweckend aussah, und seitlich zweigten Flure ab.

Was auch immer das hier darstellen sollte, ein Hotel war das auf keinen Fall, und sie legte keinen Wert darauf, sich noch den Rest des Hauses anzusehen.

»Sie übernachten dort«, klangen ihr die Worte des Anwalts im Ohr, und sie schüttelte den Kopf.

Das ging auf keinen Fall. Das Beste wäre, sie würde sich für heute Nacht in der Stadt ein Zimmer suchen, und morgen wieder herkommen, um zu sehen, was es mit der ganzen Sache auf sich hatte.

Rasch schaltete sie das Licht wieder aus und zog die Tür zu, dann lief sie die Straße entlang den Weg zurück, den sie gekommen war.

Es dauerte nicht lange, bis sie in der Ortsmitte das Schild eines Gasthauses entdeckte, das auch »Zimmer frei« versprach. Zielstrebig steuerte sie darauf zu, doch als sie die Tür öffnen wollte, stellte sie zu ihrer Enttäuschung fest, dass abgeschlossen war.

»Verdammt«, fluchte sie leise, und irrte weiter suchend durch die Straßen, bis sie nach einer Weile entnervt feststellte, dass dies offenbar das einzige Hotel im Ort gewesen war.

Völlig frustriert ließ sie sich auf eine Bank fallen und überlegte.

Sie hatte bei ihrer Ankunft am Bahnhof bereits sicherheitshalber nachgesehen, wie es mit den Rückfahrmöglichkeiten aussah, und wusste daher mit Sicherheit, dass der letzte Zug bereits weg war, eine Rückfahrt heute Abend also ausgeschlossen war.

Ein Zimmer ließ sich nicht finden, und sie kannte hier auch niemanden, also hatte sie kaum eine Wahl. Wohl oder übel würde sie in dem alten Kasten, den der Anwalt so überzeugend als ‚Hotel‘ bezeichnet hatte, übernachten müssen.

Obwohl ihr dieser Gedanke gar nicht behagte, machte sie sich zermürbt auf den Rückweg, und bereute jetzt schon, dass sie sich auf diese ganze Sache überhaupt eingelassen hatte.

Kapitel 3

Kurz darauf stand Debbie wieder in der Eingangshalle des alten Hauses.

Zögernd betrat sie einen der beiden Flure, öffnete vorsichtig eine Tür nach der anderen. Überall bot sich ihr das gleiche Bild. Alles war leer, heruntergekommen und verwahrlost. Hinter der ersten Tür fand sie ein Bad, sofern man die verrostete Wanne und die schmutzige Toilette denn als Bad bezeichnen konnte. Sie schüttelte sich und ging weiter. Nebenan gab es eine Küche, in der außer einem Waschbecken noch ein alter Kühlschrank und ein schmutziger Herd standen. Am Ende des Flurs befand sich ein größerer Raum, ebenfalls komplett leer.

Die Treppe wollte sie nicht betreten, sie hatte Angst, dass das Holz unter ihr einbrechen würde, also durchquerte sie die Halle und betrat den anderen Flur.

Es gab hier mehrere kleine Zimmer, und zu ihrer Überraschung fand sie in einem tatsächlich ein altes Bett. Sie rümpfte die Nase. Der Rahmen sah aus, als hätten es sich da bereits Generationen von Holzwürmern bequem gemacht, und der Bettbezug war ebenfalls alles andere als einladend.

Egal, für eine Nacht muss es gehen, dachte sie bedrückt, und sehnte sich bereits jetzt nach ihrem gemütlichen Bett zuhause.

Eine Tür nach der anderen stieß sie auf, überall schlug ihr Moder, Verfall und gähnende Leere entgegen.

Am Ende des Flurs gab es ein weiteres Bad mit WC, Wanne und Dusche, allerdings auch nicht viel einladender und sauberer als das Gegenstück auf dem anderen Flur. Sie trat an das Waschbecken und drehte den Hahn auf. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass das Wasser abgestellt wäre, aber zu ihrer Erleichterung blubberte sofort eine trübe, braune Brühe aus dem Rohr, die sich nach und nach in klares Wasser verwandelte.

»Wenigstens etwas«, seufzte sie, während sie sich die Hände nass machte und sich damit ein paar Mal durchs Gesicht fuhr. Alles in ihr sehnte sich nach einer heißen Dusche, doch das musste wohl bis morgen Abend warten, auf keinen Fall würde sie sich in dieses verdreckte Ding da stellen.

Müde und enttäuscht ging sie den Flur entlang zurück, und ließ sich dann in dem kleinen Zimmer aufs Bett sinken. In ihrer Tasche kramte sie kurz nach dem sauberen T-Shirt, welches sie sich für den nächsten Tag eingepackt hatte, und breitete es über dem Kopfkissen aus. So könnte sie sich wenigstens hinlegen, ohne dass sie befürchten musste, sich irgendeinen Ausschlag zu holen.

Obwohl sie sich sicher war, dass sie sowieso kein Auge zutun würde, schlief sie kurz darauf ein.

Irgendwann wurde Debbie wach, ein Geräusch hatte sie geweckt. Angestrengt lauschte sie. Als sie nichts mehr hörte, dachte sie zunächst, sie hätte sich getäuscht, doch plötzlich war es wieder da – Schritte.

Sie hielt die Luft an, überlegte voller Panik, was sie jetzt tun sollte. Im Zimmer bleiben und abwarten? Auf keinen Fall, damit würde sie in der Falle sitzen, sie musste versuchen irgendwie hier rauszukommen. So leise wie möglich kroch sie aus dem Bett und schlich zur Zimmertür, während sie die ganze Zeit weiter angespannt horchte. Es war alles still, also tastete sie sich Schritt für Schritt an der Wand des Flurs entlang in Richtung Halle.

Plötzlich quietschte die Eingangstür, und sie hielt abrupt inne, wagte kaum zu atmen, während sie fieberhaft nachdachte, wo sie etwas finden könnte, das als Waffe geeignet war.

Ihr fiel der Kamin im Eingangsbereich wieder ein, sie glaubte, sich dunkel zu erinnern, dass sie daneben ein altes Kaminbesteck gesehen hatte.

Alles war wieder ruhig, und mit äußerster Vorsicht setzte sie einen Fuß vor den anderen, näherte sich allmählich der Halle. Sich immer dicht an der Wand haltend, schob sie sich um die Ecke und langsam weiter zum Kamin, tastete behutsam mit der Hand nach unten, dorthin wo sie das Besteck vermutete.

Tatsächlich stießen ihre Finger nach ein paar Sekunden auf etwas Metallisches, und sie hob es vorsichtig an, ängstlich darauf bedacht, keinerlei Geräusch zu machen.

Leise atmete sie auf, sie konnte im Dunkeln fühlen, dass sie glücklicherweise den Schürhaken erwischt hatte, und fühlte sich jetzt nicht mehr ganz so wehrlos wie am Anfang.

Doch sie hoffte, dass sie ungesehen zur Tür kommen und verschwinden könnte, sodass sie dieses Ding gar nicht erst benutzen musste.

Im Zeitlupentempo bewegte sie sich in Richtung Eingangstür. Schemenhaft konnte sie das kleine Fenster darin erkennen, durch das ein Hauch von Licht von draußen hereinfiel, und sie steuerte darauf zu.

Als sie ungefähr die Hälfte des Wegs bis dahin zurückgelegt hatte, knarrte in ihrer unmittelbaren Nähe auf einmal der Fußboden und sie spürte eine Bewegung direkt neben sich.

Zu Tode erschrocken holte Debbie reflexartig mit dem Schürhaken aus und schlug blind um sich.

»Autsch, verdammt, was ist das denn?«, hörte sie eine Männerstimme fluchen, und wollte gerade erneut in Richtung der Stimme zuschlagen, als zwei Hände sie plötzlich packten und festhielten. Der Schürhaken fiel ihr aus der Hand.

»Loslassen, lassen Sie mich sofort los«, rief sie in panischer Angst, und versuchte sich zu befreien, doch der Mann hatte sie mit den Armen so fest umschlungen, dass sie keine Chance hatte.

»Himmel noch mal, beruhigen Sie sich doch, ich tue Ihnen nichts«, schimpfte er, während Debbie immer weiter strampelte und versuchte, sich aus seinem Griff zu winden. Als sie merkte, dass das sinnlos war, beugte sie sich ein Stück nach unten und biss ihm in den Arm.

Erneut stieß er einen Fluch aus, und sie spürte, wie sich sein Griff lockerte. Sie wollte sich losreißen, doch auch mit einer Hand hielt er sie immer noch dermaßen fest, dass sie nicht freikam, und so zerrte sie ihn halb hinter sich her in Richtung Tür.

Hektisch tastete sie mit der Hand an der Wand entlang, wollte den Türgriff finden, da stießen ihre Finger auf den Lichtschalter. Ohne zu zögern drückte sie darauf, das Licht flammte auf.

Einen Moment blinzelte sie, bis ihre Augen sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, dann drehte sie sich ruckartig um.

Das Vermächtnis

Bildrechte: akigori@canstockphoto.de
Coverdesign: Marina Schuster

Kostenloser Download

Menü schließen