Chaos unterm Mistelzweig

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Inhalt

Eine kleine Lüge mit großen Folgen:
Seit Jahren ist Teresa Appleton heimlich in ihren Boss Clark Shelton verliebt, dessen Interesse an ihr sich jedoch ausschließlich auf ihre Fähigkeiten als Sekretärin beschränkt. Trotzdem behauptet sie während eines Telefonats, mit ihm verlobt zu sein, um ihre besorgte Mutter zu beruhigen. Prompt rückt diese trotz ihrer Flugangst einen Tag später bei ihrer Tochter in der Firma an, um den künftigen Schwiegersohn kennenzulernen – und das Chaos nimmt seinen Lauf …

Formate: Ebook € 2,99 -Taschenbuch (Amazon) € 8,55

Leseprobe

1

»Ja, Mom.«

Abwesend schaute Terry Appleton aus dem Fenster ihres Büros. Draußen überzog der letzte Novembermontag die Stadt mit Regenschauern, während sie hier drinnen an ihrem Schreibtisch saß und dem Vortrag ihrer Mutter lauschte – mal wieder. Wie immer hatte Ruth Appleton zunächst den neusten Klatsch und Tratsch aus Cedarville berichtet, dem kleinen, beschaulichen Ort in Ohio, wo Terry aufgewachsen war. Nun ging sie nahtlos dazu über, ihrer Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter Ausdruck zu verleihen.

»New York ist ein Moloch«, betonte sie eindringlich, »ein Sündenpfuhl, du hast ja keine Ahnung, was jungen, wehrlosen Frauen dort alles zustoßen kann.«

Terry seufzte, griff nach einem Stift und begann, ein Herz auf ihre Schreibtischunterlage zu malen. »Mom, ich bin siebenundzwanzig, ich bin nicht wehrlos, und ich wohne jetzt schon lange genug hier, ohne dass mir etwas passiert ist.«

»Wie auch immer, mir wäre wesentlich wohler, wenn du wieder nach Cedarville zurückkehren würdest«, setzte Ruth Appleton ihre Litanei fort. »Du solltest dir ein Beispiel an Imogen nehmen. Sie ist glücklich hier mit ihrem Job in Hank Millers Werkstatt, und seit sie mit ihm verheiratet ist, ist sie regelrecht aufgeblüht.«

Imogen. Natürlich. Terry schnaubte. Seit sie zurückdenken konnte, hatte ihre Mutter keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Cousine auf ein Podest zu stellen und sie ihr als leuchtendes Vorbild vor Augen zu halten. Dabei war sie das egoistischste und verzogenste Biest, das die Welt je gesehen hatte.

Ihre Mutter ließ eine endlose Aufzählung aller beeindruckenden Dinge, die Imogen in den letzten Monaten getan hatte, folgen, und wandte sich dann den wundervollen Eigenschaften zu, die Hank besaß. »Du solltest ihn sehen, er ist so verliebt in Imogen«, schwärmte Ruth. »Er ist großzügig, er trägt sie auf Händen, und er …«

»… ist ein Trottel, dass er auf sie hereingefallen ist«, ergänzte Terry bissig, während sie ein verschnörkeltes C in das Herz zeichnete.

»Wie kannst du nur so etwas sagen?«, empörte Ruth sich. »Die beiden lieben sich, und du solltest dich schämen, so gemeine Bemerkungen zu machen. Überhaupt könntest du langsam selbst mal ans Heiraten denken, in deinem Alter …«

Oh Mann. Terry unterdrückte ein Stöhnen. War das eigentlich ein Tonband, das ihre Mutter jedes Mal abspulte? Bereits zu Beginn des Gesprächs hätte sie ihr Jahresgehalt darauf verwettet, dass dieses Thema auch noch zur Sprache käme. Ruths größte Sorge war, dass Terry eine alte Jungfer werden und sie, Ruth, niemals Enkelkinder bekommen würde.

»… du endlich jemanden kennenlernen würdest.« Plötzlich fing Ruth an zu weinen. »Ich will ja nur dein Glück«, jammerte sie. »Ich bin all die Jahre allein gewesen, und ich möchte, dass es dir besser geht, dass du einen netten Mann findest, der dich liebt und sich um dich kümmert.«

Terry schluckte. Die Tränen ihrer Mutter trafen sie völlig unvorbereitet und erzeugten bohrende Schuldgefühle.

»Jetzt beruhige dich doch, Mom«, erwiderte sie hilflos, und nach einem erneuten Aufschluchzen fügte sie spontan hinzu: »Es gibt einen Mann, wir wohnen zusammen und sind verlobt.«

Im gleichen Moment hielt sie sich erschrocken die Hand vor den Mund. Verdammt, hatte sie das wirklich gesagt?

Ruths Stimme wechselte von zu Tode betrübt nach himmelhoch jauchzend. »Was? Wie heißt er? Wieso hast du mir das nicht erzählt? Wie alt ist er? Hat er einen anständigen Beruf? Kann er eine Familie ernähren?«, überschüttete sie Terry mit einem Sturzbach von Fragen.

»Mom …«, versuchte diese, den Redeschwall abzuwehren, doch ihre Mutter ließ sich nicht beirren.

»Wer ist es?«

Terry rollte verzweifelt mit den Augen. Das hatte sie nun davon. Wie konnte sie nur so blöd sein? Aus dieser Nummer käme sie jetzt so leicht nicht wieder heraus; Ruth würde keine Ruhe geben, bis sie ihr das letzte Fitzelchen aus der Nase gezogen hatte. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Ihr Blick glitt über das Weihnachtsgesteck auf ihrem Tisch hin zu einem Dokument, das vor ihr lag. Nachdenklich betrachtete sie die schwungvolle Unterschrift. Sollte sie …?

»Clark«, platzte sie heraus, »Clark Shelton.«

Einen Moment lang war es totenstill in der Leitung. Offenbar hatte es ihrer sonst so redefreudigen Mutter die Sprache verschlagen, was äußerst selten vorkam.

»Oh mein Gott.« Terry zerriss es beinahe das Trommelfell, als Ruth jäh ihre Begeisterung in den Hörer schrie. »Clark Shelton«, wiederholte sie aufgeregt, »der Clark Shelton von Shelton Constructions? Dein Chef?«

»Ja«, murmelte Terry unbehaglich.

»Ach Kind, du ahnst ja gar nicht, wie froh ich bin«, jubilierte ihre Mutter, »das ist ja eine tolle Neuigkeit. Ich muss gleich losgehen, und es Edna erzählen. Sie wird grün werden vor Neid.«

»Mom, ich …«

»Machs gut, Liebes, ich melde mich wieder.«

Bevor Terry noch etwas sagen konnte, knackte es in der Leitung und verstört starrte sie den Hörer an. Irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass das keine gute Idee gewesen war.

***

Das unangenehme Gefühl in Terrys Bauch verstärkte sich, als gegen Mittag das Signal des Lifts ertönte, und Sekunden darauf Brittany Olsen um die Ecke kam. Brittany, groß, schlank, dunkelhaarig und rassig, mit Kurven, die jeden Mann in einen sabbernden Primaten verwandeln konnten. Sie sah aus wie ein Model, war die Tochter eines Industriemagnaten und seit einer Weile die Freundin von Clark Shelton.

Die Absätze ihrer High Heels klickerten auf dem edlen Marmorfußboden, als sie sich jetzt mit energischen Trippelschritten Terrys Schreibtisch näherte.

»Ist Clark da?«, fragte sie von oben herab. »Wir sind zum Mittagessen verabredet.«

Terry bemühte sich um einen freundlichen Ton. »Nein, er hat einen Termin außer Haus«, erklärte sie, und fügte mit gespielter Verwunderung hinzu: »Hat er Ihnen das denn nicht gesagt?«

Blitze schossen aus Brittanys Augen. »Natürlich, mir war es bloß entfallen«, gab sie spitz zurück. Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, drehte sie sich um und stöckelte, so schnell es ihre Absätze zuließen, auf die Fahrstühle zu.

»Dir auch einen schönen Tag, du hochnäsige Ziege«, murmelte Terry kaum hörbar vor sich hin und wandte sich wieder ihrem Computer zu.

Wie so oft fragte sie sich, was Clark nur an dieser Frau fand. Abgesehen von ihrem Äußeren war sie eine unmögliche Person und passte so gar nicht zu ihm.

Resigniert presste sie die Lippen zusammen. Es ging sie nichts an, was ihr gut aussehender Boss in seiner Freizeit trieb. Absolut gar nichts.

Sie kümmerte sich um die Korrespondenz, empfing seine Besucher und organisierte Meetings. Es gehörte zu ihren Aufgaben, Kaffee für ihn zu kochen, ihm sein Mittagessen zu besorgen und seine Anzüge aus der Reinigung zu holen. Ihn an Termine zu erinnern und die Topfpflanzen in seinem Büro zu gießen, das waren ihre Pflichten. Sie war sein Mädchen für alles, ausgenommen sein Privatleben. Das verbrachte er mit Brittany Olsen, die aussah, als wäre sie einem Hochglanzmagazin entsprungen.

Ihr hingegen gönnte Clark kaum mehr als einen geschäftsmäßigen Blick, was angesichts ihrer unauffälligen, farblosen Erscheinung auch kein Wunder war. Dass die dicke Brille und die sackartigen Kleider nur Tarnung waren, konnte er ja nicht ahnen.

Den ersten Job nach ihrem Studium hatte sie bereits eine Woche später wieder kündigen müssen, weil der Kollege, mit dem sie sich das Büro geteilt hatte, ihr ständig den Hintern getätschelt hatte. Bei der zweiten Arbeitsstelle war es ihr nicht besser ergangen. Ihr Chef, ein verheirateter Mann Mitte vierzig, hatte sie nach ein paar Tagen um Überstunden gebeten und dann versucht, sie im Aktenraum zu verführen.

Danach hatte sie beschlossen, ihr Äußeres zu verändern, sodass sie unbehelligt ihre Arbeit verrichten konnte. Ihre weiblichen Rundungen verbarg sie unter weiten, unförmigen Kleidern oder Kostümen in tristen Farben, die grünen Augen hinter einer Hornbrille mit dickem Fensterglas. Das lange, dunkelblonde Haar steckte sie stets zu einem strengen, altmodischen Knoten auf, und sie trug weder Make-up noch Schmuck. So verkleidet hatte sie ihren Job bei Shelton Constructions angetreten, und es in dem Moment, als sie Clark Shelton zum ersten Mal gegenüberstand, sofort bereut.

Abgesehen davon, dass er ihr auf Anhieb gefallen hatte, war er auch nicht der Typ, der sich seinen weiblichen Angestellten gegenüber ungebührlich benahm – sehr zu ihrem Bedauern. Manchmal spielte sie mit dem Gedanken, ihre Maskerade zu beenden und als die hübsche, junge Frau zur Arbeit zu gehen, die sie tatsächlich war. Diesen Wunsch verwarf sie jedoch immer ganz schnell wieder. Er war ihr Chef und sie war seine Sekretärin – mehr würde daraus nie werden, egal wie sehr sie für ihn schwärmte.

***

»Du hast was?« Gina Smith brüllte so laut, dass sie sogar das Weihnachtslied aus der Jukebox übertönte und sämtliche Köpfe herumfuhren.

»Schrei doch noch ein bisschen mehr«, zischte Terry peinlich berührt, »die Leute am letzten Tisch haben dich nicht gehört.«

Die beiden jungen Frauen saßen bei einem Cocktail in ihrer Stammkneipe Loony Bin zusammen, und Terry hatte der Freundin und Mitbewohnerin gerade von dem Telefonat mit ihrer Mutter berichtet.

Hilflos zuckte sie mit den Schultern. »Ja, ich gebe es ja zu, es war eine absolut dämliche Idee.«

»Oberdämlich«, pflichtete Gina ihr bei.

»Ich wollte Mom eine Freude machen«, erklärte Terry unglücklich. »Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ich endlich einen Mann finde. Sie macht sich Sorgen um mich, und ich dachte, es würde sie vielleicht ein bisschen beruhigen. Es kam aus meinem Mund gesprudelt, bevor ich nachdenken konnte, ich weiß auch nicht, wieso.«

Die schwarzhaarige Gina grinste. »Ich schon. Du bist doch in Clark Shelton verknallt, seit du das erste Mal einen Fuß in sein Büro gesetzt hast.«

»Das ist überhaupt nicht wahr«, bestritt Terry diese Äußerung, zwar vehement, aber nicht sonderlich überzeugend.

Sie wusste, dass sie Gina nichts vormachen konnte. Inzwischen kannten sie sich seit sieben Jahren, seit Terry mit zwanzig nach New York gekommen war, um an der Bloomsbury School for Office Management zu studieren. Da die Mietpreise ihr Budget sprengten, wie sie sehr schnell feststellte, suchte sie eine WG und stieß dabei auf die lebhafte Gina, eine Italo-Amerikanerin, die freiberuflich als Illustratorin arbeitete. Sie verstanden sich auf Anhieb, und so zog Terry zu ihr in das kleine Apartment in der 73. Straße im Stadtteil Forrest Hills. Im Laufe der Zeit waren sie zu engen Freundinnen geworden und hatten keinerlei Geheimnisse voreinander.

Ginas haselnussbraune Augen funkelten sie belustigt an. »Natürlich nicht. Deswegen war er auch derjenige, der dir spontan in den Kopf gekommen ist, als du deine Mutter angeschwindelt hast. ‚Freudscher Versprecher‘ nennt man so etwas.«

Verlegen spielte Terry mit ihrem Bierglas herum. Ja, sie war in Clark Shelton verliebt, seit sie ihm vor drei Jahren das erste Mal begegnet war. Er verkörperte all das, was sie sich von einem Mann wünschte. Es waren nicht nur sein gutes Aussehen und seine sportliche Figur, die sie anzogen. Sie schätzte seine Energie und den Fleiß, mit dem er sich in seine Arbeit kniete, ebenso wie seine ruhige, zurückhaltende Art. Außerdem hatte er ein unglaublich warmes, charmantes Lächeln, das sie von Anfang an verzaubert hatte, auch wenn er es nur selten an sie verschwendete.

»Du solltest das wieder geradebiegen«, riss Gina sie aus ihren Gedanken, »in vier Wochen ist Weihnachten, und deine Mutter erwartet doch bestimmt, dass du deinen Verlobten zum Fest mitbringst.«

Heiliger Bimbam. Terry schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Daran hatte sie ja noch gar nicht gedacht. Das Familienessen. Bis dahin musste sie sich irgendwie aus der Affäre ziehen, sonst war sie geliefert. Sie konnte nicht einmal ersatzweise einen anderen Mann anschleppen. Dummerweise hatte sie irgendwann den Fehler begangen, ihrer Mutter ein Bild von Clark in einem Wirtschaftsmagazin zu zeigen, und Ruth Appleton vergaß nie ein Gesicht.

»Meine Güte, du hast recht. Am besten rufe ich Mom sofort morgen an, und erkläre ihr, dass wir uns gestritten und getrennt haben.«

»Das ist zu früh«, wandte Gina ein. »Nachdem du ihr heute erst das Gegenteil verkündet hast, wäre das wohl ein bisschen plötzlich. Außerdem löst man wegen eines kleinen Streits nicht gleich eine Verlobung. Da brauchst du schon etwas Dramatischeres.«

»Und was schlägst du vor?«

»Hm.« Gina überlegte einen Moment. Schließlich zog ein breites Grinsen über ihr Gesicht. »Am besten erzählst du ihr, dass du ihn mit einer anderen erwischt hast. Das ist ein Grund, den jedes weibliche Wesen verstehen und akzeptieren wird. Warte noch bis Ende der Woche, und dann rufst du deine Mutter an und behauptest, er hätte dich betrogen.«

»Das kann ich nicht machen«, protestierte Terry, »ich kann doch nicht solche Lügen über Clark verbreiten.«

Gina hob eine Augenbraue und sah sie durchdringend an. »Das, meine Liebe, hättest du dir wohl vorher überlegen sollen.«

***

Clark Shelton lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und streckte sich. Seit dem frühen Dienstagmorgen brütete er über einem Bauplan, und hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit verging. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es inzwischen Mittagszeit war, und nun meldete sein Magen sich auch mit einem vernehmlichen Knurren. Ob Miss Appleton schon sein Essen geholt hatte?

Er erhob sich, durchquerte sein Büro und öffnete die Tür zum Vorzimmer. Von seiner Sekretärin war weit und breit nichts zu sehen, und er hoffte, dass sie bald von Pauls Diner zurückkäme.

Gerade wollte er sich wieder umdrehen, da hörte er das Signal des Fahrstuhls, dann kamen rasche Schritte den Gang entlang. Sekunden später tauchte eine etwa fünfzigjährige, rundliche Frau auf. Sie hielt kurz inne, und als sie ihn sah, schoss sie freudestrahlend auf ihn zu. Bevor er wusste, wie ihm geschah, fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn an sich.

»Ach Junge, du glaubst ja gar nicht, wie glücklich ich bin. Herzlich willkommen in der Familie.«

Wie gelähmt stand er da und ließ sich von ihr mütterlich den Rücken tätscheln.

»Äh … kennen wir uns?«, war alles, was ihm einfiel, als die Unbekannte ihn schließlich losließ, auf Armeslänge von sich hielt und von oben bis unten betrachtete.

»Du siehst noch besser aus als auf dem Foto, Terry ist wirklich ein Glückspilz.«

Terry? Wer um Himmels willen war Terry? Ob er den Sicherheitsdienst rufen sollte?

»Ich habe ja schon befürchtet, dass sie nie einen Mann finden wird«, fuhr die Frau begeistert fort.

In diesem Moment näherten sich erneut Schritte, und seine Sekretärin bog um die Ecke. Er atmete auf. Gott sei Dank war er jetzt nicht mehr allein mit dieser Irren.

»Mom«, rief sie erschrocken, und Clark sah, wie die Tüte von Pauls Diner aus ihren Händen glitt.

Mit einem lauten Platschen fiel sie auf den Boden, platzte auf, und der Inhalt verlieh dem hellgrauen Marmor interessante Farbtupfer.

»Terry«, nun riss die Fremde seine Sekretärin an ihren wogenden Busen, »ich freue mich ja so für euch.«

Mom? Terry? Ach ja, Teresa Appleton. Terry. Das war also ihre Mutter. Offensichtlich freute sie sich, ihre Tochter zu sehen. Aber musste sie ihm deswegen gleich um den Hals fallen? Und warum sah Miss Appleton aus wie ein verschrecktes Kaninchen?

»Mom, was machst du denn hier?«, quetschte sie jetzt entsetzt heraus.

»Liebes, nachdem du mir gestern von der Verlobung erzählt hast, habe ich es zu Hause nicht länger ausgehalten.«

Verlobung? Irritiert schaute Clark seine Sekretärin an. Miss Appleton hatte sich verlobt? Wieso war ihm das nicht bekannt? Sie hatte keinen Ton darüber gesagt. Naja, eigentlich wusste er gar nichts von der Frau, die seit drei Jahren sein Vorzimmer hütete, außer dass sie eine perfekte Assistentin war. Er machte sich eine mentale Notiz, ihr einen Strauß Blumen mit einer Glückwunschkarte zu schicken und sich künftig ein wenig mehr für die Belange seiner Mitarbeiter zu interessieren.

»Ich sagte gerade zu Clark, dass er in natura noch viel besser aussieht als auf dem Bild, das du mir mal von ihm gezeigt hast. Er ist wirklich ein Prachtkerl, du kannst froh sein, dass du ihn abgekriegt hast. Wie wäre es, wenn wir zusammen essen gehen?«

Jetzt kam Leben in Terry. Mit hochrotem Kopf stieg sie über Tomaten und Salatblätter hinweg, packte ihn am Arm und dirigierte ihn mit sanfter Gewalt auf seine Bürotür zu.

»Tut mir leid Mom, aber Clark hat noch etwas Dringendes zu tun«, sprudelte sie heraus, »vielleicht ein anderes Mal.«

Clark? Seit wann war er für sein Personal ‚Clark‘? Und ihre Mutter tat auch so vertraulich. Prachtkerl hatte sie ihn genannt. Das war zwar sehr schmeichelhaft, allerdings nicht unbedingt angebracht. Irgendetwas stimmte hier doch nicht.

Er runzelte die Stirn und wollte gerade fragen, was das alles zu bedeuten hatte, da schob Terry ihn in sein Büro, warf ihm ein »Ich bringe gleich das Essen« zu, und zog die Tür ins Schloss.

Völlig verblüfft starrte er auf die Holzmaserung der Türverkleidung und fragte sich verwirrt, ob sie etwa vorhatte, seine Sandwiches vom Boden aufzukratzen und ihm zu servieren.

2

Inzwischen kreidebleich drehte Terry sich zu ihrer Mutter um. »Mom, du kannst doch nicht einfach hierher kommen«, sagte sie anklagend.

»Ach Liebes, ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber wo du ja nun mit dem Boss verlobt bist, ist es sicher nicht schlimm, wenn du ein paar Minuten für mich abzweigst, oder?« Ruth musterte ihre Tochter. »Seit wann trägst du eigentlich eine Brille?«

»Ich … der Arzt hat vor einer Weile festgestellt, dass ich kurzsichtig bin«, behauptete Terry, und versuchte händeringend, den weiteren Schaden zu begrenzen. »Mom, bitte, du solltest jetzt gehen.«

Ihr war klar, dass es nicht lange dauern konnte, bis Clark wieder auf der Bildfläche erschien, und bis dahin musste sie ihre Mutter unbedingt loswerden.

»Ich kann sowieso nicht ewig bleiben«, erklärte Ruth im Plauderton. »Tante Edna wartet auf mich. Wir wollten ja eigentlich zusammen mit dir und Clark lunchen, aber dann verschieben wir das eben auf heute Abend. Sie freut sich auch schon sehr darauf, ihn kennenzulernen.«

»Tante Edna«, ächzte Terry fassungslos.

»Ja. Ich habe dir doch erzählt, dass sie und Onkel Harvey ein paar Schwierigkeiten miteinander haben. Und als ich ihr berichtete, dass ich dich hier in New York besuchen will, hat sie angeboten, mich zu begleiten. Sie war froh, mal zu Hause rauszukommen. – Also, wir sehen uns zum Dinner, in Ordnung? Wir treffen uns um sieben Uhr im Hotel Pennsylvania, wir sind dort abgestiegen.«

Terry zögerte. Wenn sie ihrer Mutter jetzt sagte, dass Clark auf Geschäftsreise musste – was tatsächlich der Wahrheit entsprach – würde sie hier Wurzeln schlagen. Am Ende käme sie sogar auf die Idee, Edna hierher zu bestellen, damit sie sich den ‚Prachtkerl‘ ansehen konnte. Nein, es war besser, nachzugeben, um sie erst mal aus der Schusslinie zu bekommen. Alles Weitere ließ sich später regeln.

»Okay Mom«, nickte sie daher eifrig und hakte Ruth unter, »um sieben bei euch im Hotel.«

In diesem Augenblick ging die Gegensprechanlage auf ihrem Schreibtisch an. »Miss Appleton, in mein Büro – sofort!«

Clarks normalerweise samtige Stimme klirrte, als hätte er ein Kilo Glassplitter verschluckt, und ein eiskalter Schauer lief Terry über den Rücken. Oh-oh. Scheinbar hatte er jetzt begriffen, was hier los war.

»Wie du siehst, ich habe wirklich zu tun, Mom.«

Ruth warf ihr einen kritischen Blick zu. »Wieso nennt er dich Miss Appleton?«

»Weil … also … wir haben uns entschlossen, im Büro den formellen Umgangston beizubehalten«, erklärte Terry, während sie ihre Mutter zum Fahrstuhl bugsierte.

»Ah ja, natürlich«, lächelte diese verständnisvoll, »es muss ja nicht gleich jeder wissen, dass der Chef eine Liebesbeziehung mit seiner Sekretärin hat.« Sie zwinkerte Terry zu. »Aber spätestens, wenn ihr heiratet, wird es ja sowieso offiziell bekannt sein.«

»Jaja«, murmelte Terry und schubste Ruth regelrecht in die Kabine.

Sie verabschiedete sich mit einem gequälten Lächeln und wankte dann auf wackeligen Beinen ins Vorzimmer zurück.
Wie, um alles in der Welt, sollte sie ihrem Boss das jetzt bloß erklären?

***

»Setzen Sie sich, Miss Appleton«, forderte Clark Terry auf, nachdem sie zaghaft an seine Tür geklopft und sein Büro betreten hatte.

Seine Stimme klang immer noch wie Schmirgelpapier und scheuerte schmerzhaft über ihre Nerven. Mit hochgezogenen Schultern und hängendem Kopf schlich sie auf seinen Schreibtisch zu und ließ sich auf einem der Besucherstühle nieder.

Er stand am Fenster, die schmalen Hüften gegen die Fensterbank gelehnt, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Sein normalerweise akkurat gekämmtes, dunkelbraunes Haar sah aus, als hätte er es sich mehrfach verzweifelt gerauft, und unwillkürlich fragte sie sich, ob er nach dem Sex wohl genauso verstrubbelt aussah.

Nein, das war kein guter Zeitpunkt für solche Gedanken, wie sie an seinem bohrenden Blick bemerkte. Seine Augen, die sonst an flüssiges Silber erinnerten, ähnelten im Moment mehr einem tosenden Sturm in einer düsteren Gewitternacht. Überhaupt war sein ganzes Gesicht gerade sehr finster. Er wirkte äußerst ungehalten, daran konnte auch das süße Grübchen in seinem energischen Kinn nichts ändern.

»Nun, ich nehme an, Sie haben mir etwas zu erklären?«

Das war eindeutig keine Frage, sondern eine Aufforderung. Nervös zupfte Terry an ihrem Ohrläppchen. Was sollte sie jetzt tun? Ihm die Wahrheit sagen und sich fürchterlich blamieren? Oder sich irgendwie herausreden, und hoffen, dass er ihr glaubte und sich wieder beruhigte?

»Ich … es war ein Missverständnis«, murmelte sie unbehaglich. »Meine Mutter hat da wohl irgendetwas falsch verstanden.«

»Falsch verstanden?«

»Ja. Sie dachte, dass Sie und ich …«, Terry schluckte, »also, dass Sie und ich … dass wir verlobt sind.«

Clarks Augenbrauen ruckten verblüfft in die Höhe. »Verlobt. Wir beide.« Er klang, als ob sie ihm erzählt hätte, dass Elvis wieder auferstanden sei.

Himmel, war das peinlich. Natürlich war er schockiert. Wer käme denn auch schon auf die Idee, dass eine fleischgewordene Frauenfantasie wie er sich mit einem unscheinbaren, farblosen Etwas mit dicker Brille und sackartigen Kleidern einlassen würde?

»Wie gesagt, es war ein Missverständnis«, betonte sie erneut, und bemühte sich, seinem Gewitterblick standzuhalten.

Er sah nicht ganz überzeugt aus, doch zu ihrer Erleichterung hatte er scheinbar nicht die Absicht, weiter auf dieser Sache herumzureiten.

»Dann empfehle ich Ihnen, dieses Missverständnis aufzuklären, Miss Appleton«, brummte er, »und das möglichst, bevor Ihre Mutter hier mit dem Friedensrichter aufkreuzt.«

»Natürlich«, nickte Terry hastig und stand auf. »Soll ich Ihnen neue Sandwiches besorgen?«

Vorwurfsvoll schüttelte er den Kopf. »Nein danke, ich glaube, mir ist der Appetit erst mal vergangen.«

***

Auf zittrigen Beinen wankte Terry zu ihrem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl sinken.

Meine Güte, das war beschämender gewesen, als alles, was sie je erlebt hatte. Selbst damals auf dem Schulball, als sie dem Kapitän der Baseballmannschaft ihre Liebe gestanden und er sie vor allen ausgelacht hatte, hatte sie sich nicht so sehr geschämt wie heute.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Und vor allem – was dachte Clark jetzt von ihr? Er musste sie ja für vollkommen durchgeknallt halten. Wahrscheinlich ahnte er, dass sie nicht ganz unschuldig an dem angeblichen Missverständnis war, sein Blick hatte Bände gesprochen. Dieser typische Clark-Blick, den er stets aufsetzte, sobald er ihr Anweisungen erteilte, und mit dem er ihr Herz jedes Mal zum Klopfen brachte. Stählern, durchdringend und unglaublich sexy. Dabei schien er gar nicht mitzubekommen, dass sie eine Frau war, vermutlich wusste er nicht mal, dass sie unter ihren Sackkleidern sogar einen Busen besaß. Für ihn war sie ein Neutrum und es war für alle Beteiligten besser, wenn das so blieb.

Sie atmete ein paar Mal tief durch. Das war gerade noch mal gut gegangen. Heute Abend würde sie ihrer Mutter von der Geschäftsreise erzählen, und damit war das Thema Clark erst einmal vom Tisch.

Irgendwie brachte Terry den Nachmittag herum. Während sie gewissenhaft wie immer ihre Arbeit erledigte, bereitete sie sich innerlich auf das Treffen mit ihrer Mutter und ihrer Tante vor.
Es würde kein leichtes Unterfangen werden. Die beiden würden sie mit tausend Fragen zu Clark und ihrer Verlobung bombardieren, und ihr wurde jetzt bereits mulmig, wenn sie daran dachte.

Vor allem fürchtete sie sich vor Tante Ednas Röntgenblick. Sie war die Schwester von Ruth, doch die zwei Frauen hätten nicht verschiedener sein können. Allein optisch unterschieden sie sich schon sehr stark. Ruth bevorzugte gediegene, praktische Kleidung in gedeckten Farben und strahlte stets eine schlichte Mütterlichkeit aus. Edna dagegen schillerte wie ein Regenbogen. Mit ihren bodenlangen, bunten Kleidern und ihren geliebten Fransentüchern, die sie wahlweise um die Schultern oder den Kopf trug, wirkte sie wie ein Überbleibsel aus der Flower-Power-Zeit.

Auch charakterlich hatten die Schwestern kaum etwas gemeinsam. Während Ruth immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden gestanden und Terry mit viel Anstrengung alleine großgezogen hatte, schwebte Edna in ganz anderen Sphären. Sie hatte ein Faible für alles Spirituelle, hielt sich für die Wiedergeburt von Nostradamus und las als ‚Madame Edna‘ die Zukunft aus Handlinien und Tarotkarten.

Obwohl Terry nicht an diesen Unsinn glaubte, fühlte sie sich in der Gegenwart ihrer Tante stets ein bisschen unwohl. Sie hatte ständig das Gefühl, dass Edna bis auf den Grund ihrer Seele blickte, und das konnte sie heute Abend überhaupt nicht gebrauchen.

***

Gegen fünf Uhr meldete der Pförtner, dass Clarks Taxi da war, und Terry gab ihm über die Gegensprechanlage Bescheid. Wenige Sekunden später stand er vor ihrem Schreibtisch und war so geschäftsmäßig wie immer, offenbar hatte er den Vorfall vom Mittag schon vergessen.

»Haben Sie die Präsentation und die Unterlagen fertig?«

»Natürlich.«

Terry reichte ihm einen USB-Stick und eine Mappe, die er beide in seiner Laptop-Tasche verstaute.

»Ich bin am Freitag wieder da, aber erst gegen Abend, ich werde also voraussichtlich nicht mehr ins Büro kommen. Für den Notfall haben Sie ja meine Handynummer, doch ich bin mir sicher, dass Sie wie immer alles im Griff haben. Bis nächsten Montag, Miss Appleton.«

»Bis dann, Mr. Shelton, gute Reise und viel Erfolg.«

»Danke.«

Sehnsüchtig schaute Terry ihm nach, wie er mit geschmeidigen Schritten das Vorzimmer verließ und auf die Fahrstühle zusteuerte. Sie seufzte leise. Freitag. Heute war erst Dienstag. Vier Tage ohne ihn und danach noch das Wochenende. Es würde eine lange Zeit werden.

Energisch wischte sie diese Gedanken beiseite, sie hatte jetzt weiß Gott andere Probleme zu bewältigen. Sie fuhr ihren PC herunter, nahm ihre Jacke und ihre Tasche und machte sich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen duschte sie, zog sich um und dachte in letzter Minute daran, dass sie ihre Brille aufsetzen musste, nachdem ihre Mutter sie damit gesehen hatte.

Pünktlich um sieben Uhr betrat sie das Restaurant des Pennsylvania-Hotels an der 7th Avenue in Midtown Manhattan. Sie entdeckte Ruth und Edna an einem Tisch am Fenster, holte noch einmal tief Luft und steuerte dann mit einem – wie sie hoffte – fröhlichen Lächeln auf die beiden zu.

»Du bist alleine«, stellte ihre Mutter enttäuscht fest, während Edna Terry begrüßte.

»Ja, das hatte ich heute Mittag ganz vergessen, dir zu sagen – Clark musste auf Geschäftsreise, ich soll ihn entschuldigen.«

»Oh wie schade«, Ruth sah sehr betrübt aus, »Edna hätte ihn so gerne kennengelernt.«

»Vielleicht ein anderes Mal«, beschwichtigte Terry sie und war froh, dass der Kellner erschien, um die Bestellung aufzunehmen.

»Hm.« Tante Edna machte ein Gesicht wie ein Habicht, der eine Maus entdeckt hatte, und Terry hielt die Luft an. »Er wird ja nicht ewig unterwegs sein – was hältst du davon, wenn wir ein paar Tage hier in New York bleiben?«, schlug sie ihrer Schwester vor. »Wir haben ja glücklicherweise bisher keinen Rückflug gebucht.«

»Nein«, entfuhr es Terry entsetzt.

»Das ist eine gute Idee«, stimmte ihre Mutter begeistert zu. »Ich war noch nie hier und wollte mir schon immer mal einige der Sehenswürdigkeiten anschauen. Die Freiheitsstatue, den Times Square, das Empire State Building …«

Edna nickte zufrieden. »Genau das dachte ich mir auch. Wir machen New York unsicher und es wird sich dann sicher irgendwann eine Gelegenheit finden, dass Terry mir ihren Clark vorstellt.«

»Aber das geht nicht«, wandte Terry hektisch ein. »Du kannst Onkel Harvey nicht so lange allein lassen, und außerdem kostet so ein Hotelaufenthalt eine Menge Geld.«

»Harvey«, Edna winkte ab, »Harvey soll ruhig mal sehen, wie er ohne mich klarkommt.«

»Und was das Hotel anbelangt«, Ruth lächelte, »vielleicht können wir ja ein paar Tage bei dir und Clark unterkommen. Ihr habt doch bestimmt ein Plätzchen für uns, wir werden euch auch keine Umstände machen.«

»Bei uns?«, ächzte Terry verstört.

»Ja Liebes«, Ruth tätschelte beruhigend ihre Hand, »ich weiß, dass ihr natürlich gerne alleine sein wollt. Aber ich verspreche dir, ihr werdet gar nicht merken, dass wir da sind.«

***

»Das geht niemals gut«, stöhnte Terry am nächsten Morgen, während sie Kleidung und sonstige Dinge in zwei alte, ausgebeulte Koffer stopfte.

Gina zuckte mit den Schultern. »Hast du einen besseren Vorschlag? Was musstest du sie auch einladen?«

»Das habe ich doch gar nicht. Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass sie plötzlich hier aufkreuzen würden? Mom hat mich schließlich noch nie besucht, sie ist in ihrem Leben kaum aus Cedarville herausgekommen und hat außerdem schreckliche Flugangst.«

»Warum hast du nicht darauf bestanden, dass die beiden im Hotel bleiben?«

Unglücklich verzog Terry das Gesicht. »Als ich damals den Job bekam, habe ich meiner Mutter ein Bild von Clark in einem Wirtschaftsmagazin gezeigt, damit sie beruhigt war, dass ich nicht in irgendeinem zwielichtigen Etablissement arbeite. Dabei habe ich dummerweise auch erwähnt, dass er in einer großen Villa wohnt. Als sie dann gestern Abend vorschlug, sich für die Dauer ihres Aufenthalts bei uns einzuquartieren, konnte ich schlecht behaupten, wir hätten keinen Platz.« Terry nahm einen Stapel Unterwäsche aus der Kommode und packte ihn ein. »Ich habe eine Heidenangst. Was ist, wenn Clark das herausfindet?«

»Das wird er nicht. Du hast doch selbst gesagt, dass er erst am Freitag zurückkommt, und bis dahin wimmeln wir die beiden irgendwie ab.«

»Herrje, er hat mir seinen Hausschlüssel gegeben, weil er mir hundertprozentig vertraut. Falls er jemals rauskriegt, dass ich sein Haus während seiner Abwesenheit in ein Hotel verwandelt habe, wird er mich umbringen.«

»Du könntest deiner Mutter auch die Wahrheit sagen.«

»Dann wird sie mich umbringen«, murmelte Terry frustriert, »und ich bin mir nicht sicher, welche dieser zwei Optionen schlimmer ist.« Sie legte einige Fotos in den Koffer und hielt jäh inne. »Mist, was mache ich denn mit den beiden, solange ich im Büro bin? Ich kann sie doch nicht ganz alleine da in Clarks Haus lassen. Wer weiß, was sie dort anstellen, Tante Edna hat sowieso immer so verrückte Einfälle.«

»Kann deine Kollegin dich nicht ein paar Tage länger vertreten?«

Terry schüttelte den Kopf. »Ich bin froh, dass ich sie überreden konnte, heute für mich einzuspringen, damit wenigstens das Telefon besetzt ist. Aber sie kennt sich mit den übrigen Dingen nicht aus, und wenn ich schon Chaos in Clarks Villa verursache, will ich nicht auch noch Durcheinander in sein Büro bringen.« Sie warf der Freundin einen flehentlichen Blick zu. »Könntest du nicht …?«

Abwehrend hob Gina die Hände. »Oh nein, das werde ich nicht tun. Ich bleibe schön hier in unserer gemütlichen Wohnung, hole wie geplant unseren Weihnachtsbaum, schmücke ihn und entspanne mich. Ich bin nämlich nicht scharf auf eine Anzeige wegen unbefugten Betretens, Hausfriedensbruch oder gar Schlimmeres. Außerdem – was willst du ihnen denn sagen, wer ich bin? Der Babysitter?«

Terry überlegte. »Die Haushälterin. Ich gebe dich als unsere Haushälterin aus.« Als Gina verächtlich schnaubte, setzte sie einen Dackelblick auf. »Bitte, du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen. Ich übernehme für ein Jahr den Abwasch und das Putzen, wenn du mir hilfst, unbeschadet aus dieser Nummer rauszukommen.«

3

Eine knappe Stunde später trafen Terry und Gina in Montclair ein, wo Clark wohnte. Der beschauliche Vorort von New York hatte das Flair einer Kleinstadt, nichts erinnerte daran, dass der Big Apple gerade mal fünfzehn Meilen entfernt war. Hübsche Ziegelsteinhäuser, weiße Villen und gemütliche Cottages fügten sich perfekt in eine idyllische, winterliche Landschaft ein. Es gab einen Marktplatz, ein Rathaus, eine Stadthalle und diverse, weihnachtlich dekorierte Geschäfte an der von festlich beleuchteten Girlanden überspannten Hauptstraße.

Mit äußerst gemischten Gefühlen stellte Terry ihren Wagen in der Auffahrt von Clarks Villa im Bellegrove Drive ab. Es war das einzige Anwesen in der Straße, das nicht geschmückt war. Das zweistöckige Haus war im viktorianischen Stil erbaut, mit heller Holzverkleidung, dunkelblauen Fensterläden sowie einem grauen Schieferdach, und war umgeben von einem weitläufigen Grundstück.

»Wow, schicke Hütte«, murmelte Gina beeindruckt, während sie dem Fußweg aus Natursteinen folgten, der sich über einen gepflegten Rasen zur Eingangstür wand.

Sie stiegen die zwei Stufen zur Veranda hinauf, und mit zitternden Fingern schloss Terry auf.

Drinnen empfing sie Stille. Sie standen in einem lang gestreckten Flur mit mehreren Türen, rechts führte eine Treppe in die obere Etage.

»Und jetzt?«, flüsterte Terry unbehaglich.

Sie war schon öfter hier gewesen, wenn sie Clarks Anzüge aus der Reinigung geholt oder ihm Papiere gebracht hatte. Aber außer der Diele und dem Arbeitszimmer, welches sich gleich links neben dem Eingang befand, hatte sie nie einen Raum betreten.

»Warum flüsterst du?«, fragte Gina. »Ich dachte, es ist niemand da.«

»Weil ich nervös bin.«

Gina zuckte mit den Achseln. »Schauen wir uns zuerst oben um«, schlug sie vor.

Sie stiegen die Treppe hinauf, wo Terry zaghaft die erste Tür zu ihrer Rechten öffnete. Ein Doppelbett, ein Schrank, ein Tisch und ein Sessel vor dem Fenster, alles war sauber und ordentlich. Das angrenzende Zimmer sah ähnlich aus. Der nächste Raum war ebenfalls ein Schlafzimmer, jedoch im Gegensatz zu den beiden anderen wirkte es bewohnt. Ein breites, von zwei Nachttischen flankiertes Bett mit vier gedrechselten Pfosten stand auf der einen Seite, bedeckt mit einem Quilt in dunklen Farbtönen. Es gab einen großen Kleiderschrank, über dessen einer Tür ein Hemd und eine Krawatte hingen. Auf einer hohen Kommode befanden sich etliche Trophäen und gerahmte Fotografien, an der Wand darüber waren lauter Urkunden und Medaillen angebracht.

»Das ist Clarks Zimmer«, stellte Terry mit einem flauen Gefühl im Magen fest.

Gina kicherte. »Du könntest ja in seinem Bett schlafen.«

»Du hast sie wohl nicht mehr alle«, zischte Terry empört und zog die Freundin rasch wieder nach draußen, obwohl sie sich zu gerne die Fotos angesehen hätte.

Doch dafür war jetzt keine Zeit. In eineinhalb Stunden sollte sie ihre Mutter und Tante Edna abholen, und bis dahin mussten sie sich hier halbwegs häuslich eingerichtet haben. Sie öffneten die letzte Tür, fanden ein dahinter ein geräumiges, blau und weiß gefliestes Bad mit Dusche und einer altmodischen Badewanne auf Klauenfüßen.

Über eine zweite, schmalere Treppe gelangten sie in eine Dachkammer, die einen weiteren Schlafraum beherbergte, außerdem gab es noch ein kleines Duschbad.

»Okay, wir teilen uns eines der Zimmer unten«, entschied Terry.

»Meinst du nicht, dass es etwas seltsam aussieht, wenn das Hausmädchen mit dir in einem Raum schläft?«

»Das muss ja niemand mitkriegen. Je weniger Durcheinander wir machen, desto schneller haben wir hinterher unsere Spuren beseitigt.«

Gina nickte, also schleppten sie kurz darauf ihr Gepäck in eines der beiden Schlafzimmer im ersten Stock und packten eilig ihre Sachen aus. Danach machten sie sich mit dem Untergeschoss vertraut.

Es gab eine große Küche im Landhausstil, mit weiß lackierten Schränken, erdfarben gekachelten Arbeitsflächen und diversen Elektrogeräten. In der Mitte befand sich eine Kücheninsel mit einem modernen Herd, darüber war ein chromglänzender Dunstabzug angebracht. Von einem Gitter baumelten etliche Kupfertöpfe und gusseiserne Pfannen herunter. Neben einer einladenden Essecke führte eine Tür in eine Art Wirtschaftsraum. Dort standen Waschmaschine und Trockner sowie einige Regale, die zur Aufbewahrung von Vorräten dienten.

Direkt an die Küche schloss sich ein Esszimmer mit einem langen Tisch aus dunklem, polierten Holz und dazu passenden Stühlen an. Eine Anrichte und ein antiker Geschirrschrank komplettierten die Einrichtung. Durch einen offenen Durchgang gelangten sie ins angrenzende Wohnzimmer. Ein großer, gemauerter Kamin dominierte den Raum, umgeben von zwei Chesterfieldsofas und zwei breiten Ledersesseln. Vor dem Fenster stand ein achteckiger Rauchtisch mit einem Schachbrett darauf. Ein paar viktorianische Möbel sowie ein ausladendes Bücherregal und eine hohe, altmodische Standuhr ergänzten das Ganze perfekt. Eine doppelte Glastür führte hinaus in einen Wintergarten, in dem sich neben etlichen Grünpflanzen eine gemütlich wirkende Rattan-Sitzgruppe mit geblümten Polstern befand.

Rasch verteilte Terry die Fotos, die sie mitgebracht hatte, auf dem Kaminsims, und zog handbestickte Bezüge, die ihre Mutter selbst angefertigt hatte, über zwei der Sofakissen.

»Gut, das muss reichen«, nickte sie dann. Sie schaute auf die Uhr. »Ich denke, ich sollte jetzt losfahren.«

»Und was mache ich in der Zwischenzeit?«, fragte Gina unbehaglich. »Ich fühle mich gar nicht wohl bei dem Gedanken, alleine hierzubleiben.«

»In eineinhalb Stunden bin ich wieder da«, beruhigte Terry sie. »Am besten setzt du dich oben ins Zimmer und rührst dich nicht von der Stelle.«

Gina nickte, sie verabschiedeten sich, und kurz darauf war Terry unterwegs zum Pennsylvania-Hotel.

***

Die Fahrt zurück nach Montclair erschien Terry wie eine halbe Ewigkeit. Während Ruth und Edna munter plauderten, beschränkte sie sich auf ein sporadisches »Hm« und konzentrierte sich auf den Verkehr. Dabei ging ihr die ganze Zeit die bange Frage durch den Kopf, wie sie es schaffen sollte, die beiden rechtzeitig vor Clarks Rückkehr wieder loszuwerden. Sie bereute bereits, sich auf diesen Wahnsinn eingelassen zu haben, doch nun war es zu spät für einen Rückzieher. Wenn sie jetzt mit der Wahrheit herausrückte, war der Ärger vorprogrammiert. Das glückliche Strahlen auf dem Gesicht ihrer Mutter würde erlöschen, und das wollte sie ihr auf keinen Fall antun.

Also biss sie die Zähne zusammen, versuchte, sich ein wenig an der Unterhaltung zu beteiligen, und hoffte, dass Gina ein Ausweg einfiele.

»Meine Güte, Liebes, was für ein schönes Haus«, rief Ruth bewundernd aus, als sie eine knappe Stunde später aus Terrys Toyota Yaris stiegen.

»Ja, wirklich«, stimmte Edna zu, »ich glaube, da hast du einen richtigen Glücksgriff gemacht.«

»Es ist ganz nett«, murmelte Terry unangenehm berührt.

Sie nahmen das Gepäck aus dem Kofferraum, und Terry führte die beiden Frauen nach drinnen und hinauf in den ersten Stock, wo sie die Tür des zweiten unbewohnten Schlafzimmers öffnete.

»Ihr könnt hier schlafen. Es macht euch doch nichts aus, euch einen Raum zu teilen, oder?«

»Ach woher denn«, lachte Edna, »das erinnert uns an früher.«

»Gut, also packt erst mal in Ruhe aus, wir sehen uns dann gleich.«

Terry verließ das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu, im selben Moment kam Gina aus dem anderen Schlafraum geschlichen. Sie gingen hinunter in die Küche, wo Terry nervös hin und her lief.

»Am besten unternehme ich mit ihnen nachher eine ausgedehnte Besichtigungstour«, überlegte sie, »je weniger wir uns hier im Haus aufhalten, desto besser.«

»Du willst mich hier doch nicht die ganze Zeit alleine lassen?«

»Es würde wohl komisch aussehen, wenn die Haushälterin uns begleitet.«

Gina seufzte. »Also gut. Ich werde mich dann ums Abendessen kümmern.«

»Vielleicht solltest du das lieber mir überlassen. Du schaffst es ja nicht mal, Wasser heiß zu machen, ohne dass es anbrennt – am Ende fackelst du noch irgendetwas ab.«

»Vielen Dank«, knurrte Gina beleidigt, »ich kann auch gerne wieder gehen.«

Zerknirscht umarmte Terry die Freundin. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht ärgern. Ich bin einfach völlig neben der Spur.«

Ein Räuspern kam von der Tür, und als die beiden erschrocken herumfuhren, standen Ruth und Edna da und schauten fragend auf Gina.

»Oh … das ist unsere Haushaltshilfe«, erklärte Terry rasch, »Gi…«

»Conchita«, fiel Gina ihr ins Wort und machte einen Knicks. »Bienvenidas, frreut mich särrr«, rollte sie mit bestem spanischen Akzent.

Entgeistert riss Terry die Augen auf und war kurz davor, der Freundin den Ellenbogen in die Rippen zu rammen. Was sollte das denn jetzt?

»Du umarmst die Haushälterin?«, fragte Edna verwundert.

»Äh … ja, wir sind so was wie Freundinnen«, beeilte Terry sich zu sagen.

»Naja, sie ist ja in deinem Alter«, stellte Ruth fest, und Edna fügte zwar leise, aber deutlich hörbar hinzu: »Und sie ist hübsch, du solltest deinen Clark gut im Auge behalten.«

»Oh, sí, Señor Clark särrr attraktiverrr Hombre«, grinste Gina anzüglich.

Terry warf ihr einen bösen Blick zu und wandte sich an ihre Mutter und ihre Tante. »Wie wäre es, wenn wir uns ein paar Sehenswürdigkeiten anschauen?«, schlug sie vor. »Das wolltet ihr doch so gerne, und wir haben noch fast den ganzen Tag Zeit.«

Zu ihrer Erleichterung waren die beiden Frauen einverstanden, und so befanden sie sich wenig später auf dem Weg nach New York. Sie setzten mit der Fähre vom Battery Park aus über nach Liberty Island und genossen den fantastischen Ausblick von der Aussichtsplattform der Freiheitsstatue. Im Anschluss besuchten sie das Einwanderermuseum auf Ellis Island und die Gedenkstätte des elften September am Ground Zero. Da überall eine Menge Betrieb herrschte, war der Nachmittag schnell herum, und gegen sechs Uhr traten sie den Heimweg an.

Zurück in Montclair schob Terry die beiden Frauen ins Wohnzimmer. Dort stießen Ruth und Edna gleichzeitig ein bewunderndes »Oh« aus.

»Liebes, das ist ja wunderschön«, sagte Ruth begeistert, »habt ihr das alles alleine eingerichtet?«

Terry biss sich auf die Lippe. »Naja, also ehrlich gesagt war das Clark, er hat ja bereits hier gewohnt, bevor wir uns kennenlernten.«

»Ach so, ich dachte, ihr hättet euch das Haus gemeinsam gekauft.«

»Nein, es gehört Clark. – Ich schaue mal nach, wie weit Gi- … Conchita mit dem Abendessen ist.«

Sie verließ den Raum und ging hinüber in die Küche, wo die Freundin gerade zwei halb verkohlte Familienpizzas aus dem Ofen zog.

»Sorry, aber ich hatte vergessen, den Timer zu stellen«, erklärte sie achselzuckend, als sie Terrys kritischen Blick bemerkte.

»Schon gut«, seufzte diese, »es ist jetzt sowieso alles egal. Nur tu mir bitte den Gefallen und hör mit dieser Latina-Nummer auf, das ist ja absolut bescheuert.«

»Ist es nicht«, widersprach Gina. »In sämtlichen Filmen sind die Haushälterinnen aus Mexiko oder Puerto Rico. Außerdem dachte ich, es wäre vielleicht hilfreich, um die beiden wieder loszuwerden.«

Terry runzelte die Stirn. »Wieso das denn?«

»Naja, du könntest ihnen doch erzählen, dass du herausgefunden hast, dass dein hinterhältiger Verlobter dich mit der heißblütigen, lateinamerikanischen Haushaltshilfe betrügt. Du verlässt ihn, und sie müssen ebenfalls ausziehen – Problem gelöst.«

Einen Moment starrte Terry sie fassungslos an, dann fing sie an, hysterisch zu kichern.

»Himmel, ich glaube das alles nicht«, prustete sie mit Tränen in den Augen, »du bist ja noch verrückter als ich. Sollten wir jemals heil wieder aus dieser Nummer rauskommen, schicke ich das Ganze als Drehbuch nach Hollywood.«

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Leserstimmen

Dies ist ein sehr schönes Buch zum Träumen, Lachen und Dahinschmelzen. Das Buch ist locker, flüssig, romantisch und witzig geschrieben. Wie schon bei weiteren Geschichten dieser Autorin, hat mich auch diese wieder total begeistert. Danke, Marina Schuster, für viele vergnügliche Lesestunden.

— mawiso, amazon.de
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