Abendrot – Magnolia Haven Band 3

Inhalt

Als Joanna nach New Orleans zurückkehrt, stellt sie fest, dass ihre Mutter gestorben ist. Sie findet einen Job in einer Bar und zieht zu Brian, einem Medizinstudenten, der sich rührend um sie kümmert. Aus Enttäuschung lässt Jake sich zu einer Vernunftehe mit Olivia überreden, doch als Joanna erscheint, um ihren Sohn zu sich zu holen, kommt es zu einer Versöhnung. Sowohl Olivia als auch Samuel versuchen, die Beziehung zu zerstören, bis Joanna den drohenden Verlust von Magnolia Haven verhindert und Samuel Olivia hinauswirft. Das ruft Tom auf den Plan – und kurz darauf erhält Jake eine Vorladung vom Staatsanwalt …

Leseprobe

1
»Lieber Jake,
es tut mir leid, dass ich es Dir auf diesem Wege sagen muss, aber ich glaube, es ist besser so. Es war eine schöne Zeit mit Dir, Du hast viel für mich getan und Dich um mich gekümmert, und ich bin Dir wirklich dankbar dafür.
Auf eine gewisse Art habe ich Dich sehr gern, doch in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass meine Gefühle für Dich nicht ausreichen, um mit Dir auf Dauer in dieser Einöde zusammenzuleben. Ich fühle mich zu jung, um mich jetzt schon fest zu binden, und auch, um die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, deswegen lasse ich Benjamin bei Dir. Ich weiß, dass Du gut für ihn sorgen wirst und es ihm bei Dir an nichts fehlen wird.
Bitte versuche, mich zu verstehen, und sei mir nicht böse, es war nie meine Absicht, Dich zu verletzen. Ich wünsche Dir sehr, dass Du eines Tages glücklich werden wirst.
Bitte verzeih mir, Joanna«
Jake saß am Küchentisch und starrte auf die Zeilen, bis die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen.
Plötzlich sprang er auf, packte den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und zertrümmerte ihn auf dem Tisch. Einen zweiten warf er mit solcher Wucht in die Küchenzeile, dass das Geschirr auf der Spüle zersprang und die Scherben meterweit flogen. Er fuhr mit dem Arm über die Arbeitsplatte, fegte alles herunter, was darauf stand. Tassen, ein Kochtopf und der Toaster knallten auf den Boden, die nagelneue Kaffeemaschine folgte.
Unablässig wütete er in der Küche herum, riss Schubladen heraus, schmiss sie in das Regal mit den Gewürzen und gegen den Kühlschrank. Wie von Sinnen zerrte er sämtliches Geschirr aus den Schränken, zertrümmerte es auf den Fliesen. Er wollte nur noch zerstören, wollte diesen tiefen, unendlichen Schmerz in seinem Inneren vernichten, der ihm fast die Luft zum Atmen nahm.
Über all dem Krach, den er veranstaltete, ertönte auf einmal ein leises Weinen, und abrupt hielt er inne. Einen Moment blieb er still stehen, betrachtete das Chaos, das er angerichtet hatte.
Dann setzte er sich langsam in Bewegung, Scherben knirschten unter seinen Füßen, als er ins Kinderzimmer hinüber ging. Er hob Benjamin aus seiner Wiege, nahm ihn auf den Arm und kuschelte sich mit ihm in den Schaukelstuhl, in dem Joanna immer mit ihm gesessen hatte. Zärtlich wiegte er seinen Sohn hin und her, drückte ihn fest an sich.
»Wir sind jetzt allein«, sagte er leise, »wir haben nur noch uns.«

Als Carol und Taylor am Nachmittag das Farmhaus betraten, hielten sie erschrocken inne. Eine Spur der Verwüstung zog sich durch die gesamte, offene Küche bis hinein ins Wohnzimmer, es sah aus, als hätte eine Granate eingeschlagen.
»Oh mein Gott«, entfuhr es Carol verstört. »Jake?«, rief sie dann laut, »Joanna?«
»Er ist hier«, hörte sie Taylor aus dem Kinderzimmer brummen, und rasch lief sie hinüber.
Dort saß Jake im Schaukelstuhl, Benjamin lag auf seiner Brust, und es sah so aus, als hätten sie schon Stunden so verbracht.
»Jake, um Himmels willen, was ist denn los?«, fragte sie erstaunt.
Mit eckigen Bewegungen stand er auf, legte Benjamin in seine Wiege und stapfte hinaus ins Wohnzimmer, Carol und Taylor folgten ihm mit ratlosen Gesichtern.
»Was ist passiert?«, wiederholte Carol ihre Frage.
Einen Moment starrte Jake stirnrunzelnd auf das Chaos, als könne er sich nicht erinnern, dass er derjenige war, der es angerichtet hatte. Dann zuckte er mit den Achseln.
»Joanna hat mich verlassen. Kurz vor unserer Hochzeit hat sie mich einfach sitzengelassen.«
»Vor der Hochzeit?«, fragte Taylor Jake irritiert. »Wieso Hochzeit? Ich dachte, ihr seid Geschwister?«
Carol warf Taylor einen mahnenden Blick zu, um ihm zu signalisieren, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um solche Fragen zu stellen, doch Jake machte eine abwinkende Handbewegung.
»Nein, das sind wir nicht. Wir … » Jake stockte und zuckte mit den Achseln. »Ach, ist auch egal.«
»Irgendwie kapiere ich gerade nur Bahnhof«, murmelte Taylor. »Aber nun wird mir so einiges klar – Benjamin ist dein Sohn, oder?«
»Ja.«
Ein verstehendes Lächeln glitt über Taylors Gesicht. »Deswegen. Ich habe mich schon gewundert, dass du so vernarrt in den Kleinen bist.«
Ein weiterer, strenger Blick von Carol brachte ihn zum Verstummen.
»Jake«, sagte sie leise, »bist du denn sicher, dass sie dich verlassen hat?«
Schweigend hielt Jake ihr den Brief hin, und hastig überflog sie die wenigen Zeilen, ließ den Zettel dann schockiert sinken.
»Ich glaube das nicht«, sie schüttelte den Kopf, »ich kann mir das nicht vorstellen. Sie liebt dich, und sie liebt Benjamin, sie würde nicht einfach weggehen und dich und ihren Sohn im Stich lassen. Vielleicht war sie irgendwie verwirrt, sie könnte Wochenbettdepressionen haben, so etwas soll manchmal ziemlich schlimm sein.«
»Über vier Monate nach der Entbindung?«, fragte Jake mit nahezu unheimlicher Ruhe.
Hilflos zuckte Carol mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Es könnte auch sein, dass ihr etwas passiert ist, vielleicht solltest du zum Sheriff gehen …«
Mit einer Handbewegung schnitt Jake ihr das Wort ab.
»Lass es gut sein«, sagte er müde, »ich muss den Tatsachen ins Auge sehen – sie ist weg, und sie wird nicht mehr zurückkommen.« Er ging in die Küche und fing an aufzuräumen.
»Jake, wenn du möchtest, bleibe ich hier und helfe dir«, bot Carol ihm an.
Er schüttelte den Kopf. »Nein danke, aber das ist nicht nötig. Am besten fahrt ihr wieder nach Hause.«
»Gut, wenn du das so möchtest. Ruf an, wenn du Hilfe brauchst, wir sind immer für dich da. Und melde dich, falls Joanna doch noch …«
Carol unterbrach sich und biss sich auf die Lippen. »Es tut mir so leid.«
Jake lächelte. »Schon gut, mach dir keine Gedanken. Es ist alles in Ordnung, ich komme klar.«

Es war mitten in der Nacht, als Joanna in New Orleans eintraf. Als sie aus dem Zug gestiegen war, blieb sie einen Moment stehen und überlegte. Nur zu deutlich erinnerte sie sich daran, was bei ihrer letzten Rückkehr geschehen war und ihr war klar, dass sie auf keinen Fall ins »Red Lantern« gehen würde. Zwar war sie inzwischen achtzehn, und Bill würde sie zu nichts zwingen können, aber er würde mit Sicherheit versuchen, sie unter Druck zu setzen, und sie wusste nicht, ob sie dem in ihrer momentanen Verfassung gewachsen sein würde.
Kurz entschlossen durchquerte sie die Bahnhofshalle und steuerte auf ein kleines, heruntergekommenes Hotel zu, welches sich in einer Seitenstraße befand. Sie hatte mit ihren Näharbeiten zwar kein Vermögen verdient, doch es würde ausreichen, um sich über Wasser zu halten, bis sie wusste, wie es weitergehen sollte.
Es dauerte nicht lange, bis sie ein Zimmer gemietet hatte, und müde stieg sie die Stufen in die erste Etage hinauf. Ein Pärchen kam ihr entgegen, ein älterer Mann und eine grellgeschminkte Frau, und ihr war klar, dass es sich bei dem Hotel um eine der unzähligen Absteigen handelte, die es rings um den Bahnhof gab. Ewig würde sie hier nicht wohnen können, aber wenigstens für ein paar Tage, bis sie eine Gelegenheit gefunden hätte, mit ihrer Mutter zu sprechen.
Der Raum war schäbig und schmuddelig, und als sie die Bettdecke beiseite zog und das fleckige, vergraute Laken darunter sah, verzog sie schaudernd das Gesicht.
Unwillkürlich erinnerte sie sich an das Hotel in Nashville, an das luxuriöse Zimmer und das breite, weiche Bett, in welchem sie und Jake sich zum ersten Mal geliebt hatten. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen, und hastig wischte sie sie weg, verbot sich jeden weiteren Gedanken daran.
Mit einem Ruck zerrte sie die Decke wieder über das Bettlaken, breitete ihre Jacke über dem schmutzigen Kopfkissen aus und legte sich dann angezogen aufs Bett.
Sie knipste das Licht aus, starrte aus dem Fenster auf die Neonreklame des Hotels gegenüber, die grelle Lichtmuster auf den Boden des Zimmers malte, dachte an Jake und Benjamin, und fragte sich, ob der Schmerz jemals nachlassen würde.

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Coverdesign: Marina Schuster
Bildrechte: Brandonrush, Wikimedia Commons